60 Jahre Anwerbeabkommen: Von der Türkei ins „Wirtschaftswunder“ (DPA)

Eine neue Ära für „ein Land mit Migrationshintergrund“

Wie Max Frisch sagte, wurden damals zwar „nur Arbeiter gerufen, es kamen aber Menschen an“. Die meisten von ihnen, noch im jungen Alter, kamen mit ihren Holzkoffern in den Händen in die Bundesrepublik und legten den Grundstein für eine neue Ära. Eine Ära für „ein Land mit Migrationshintergrund“, wie es neulich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausdrückte. Diese Menschen, die anfänglich mit Zügen aus Istanbul ankamen, errichteten eine neue Zivilisation in Deutschland. Sie gestalteten das Land, in das sie einwanderten, prägten es nachhaltig und veränderten es auch. Wenn wir diese Migration, die nun 60 Jahre hinter uns liegt, mit all ihren Höhen und Tiefen, Sorgen und Freuden, Schwierigkeiten und Hoffnungen bewerten, ist es für uns ein Zeugnis der Anerkennung und Freude. Die türkische Arbeitsmigration nach Deutschland ist ein Erfolgsbeispiel.

Zur Migration gehören auch Trauer und Schmerz

Wir sprechen von einer Einwanderungsbewegung, an der rund fünf Millionen Menschen beteiligt waren, einschließlich derer, die in die Türkei zurückkehrten. Im Rahmen einer solch umfassenden Migrationsbewegung ist es ganz natürlich, sowohl auf Probleme als auch auf Erfolgsgeschichten zurückzublicken. Ohne Schmerz, Sehnsucht, Verlust und Trauer ist Migration nicht denkbar. Migration führt manchmal auch zu Abwehrhaltungen in der Mehrheitsgesellschaft. Das ist nicht auf Deutschland begrenzt. Auch Teile der türkischen Gesellschaft sind nicht resistent gegen Diskriminierung, Rassismus und Hass gegenüber Migranten. In Teilen Deutschlands richtete sich die feindliche Haltung mancher Menschen zunächst gegen „die Türken“ also eine ethnische Gruppe, später dann gegen „den Islam“ und „die Muslime“. Nach den Mordanschlägen in Mölln und Solingen in den 90er Jahren wurden in den 2000er Jahren mindestens acht Bürgerinnen und Bürger türkischer Herkunft infolge der Massaker des als NSU bekannten Nationalsozialistischen Untergrunds getötet. Der rassistische Terror in Deutschland zeigte auch Anfang 2020 in Hanau sein hässliches Gesicht, als ein xenophober, türken- und muslimfeindlicher Rechtsextremist mit seiner Waffe zehn Menschen erschoss. Die gewaltsamen Übergriffe auf Moscheen und Vereinsheime führen unter den deutsch-türkischen Migranten, die Deutschland zu ihrer Heimat gemacht haben, zweifellos zur Besorgnis. So wurden in Deutschland im Jahr 2019 141 Moscheeangriffe und 2020 122 Moscheeangriffe verzeichnet. Nach offiziellen Angaben wurden im Jahr 2019 rund 900 islamfeindliche Straftaten und 2020 1.014 Straftaten erfasst. Dies bedeutet fast drei Angriffe gegen Muslime pro Tag. Bei diesen Vorfällen wurden 2019 insgesamt 34 Muslime verletzt, und diese Zahl stieg 2020 auf 48. Die Zahl der rassistischen und rechtsextremen Verbrechen wird für 2019 mit 22.337 und für 2020 mit 23.403 angegeben.

Diskriminierung jeglicher Art offen ansprechen

Jegliche Art von Unterdrückung, unmenschlicher Behandlung und Diskriminierung sowie Angriffen auf die Kultstätten von Religionsgemeinschaften, ganz gleich ob jüdisch, christlich, buddhistisch oder muslimisch, muss überall, sowohl auf nationalen als auch internationalen Plattformen, auf die Agenda gesetzt und offen diskutiert werden.

Stets das Interesse Deutschlands im Blick behalten

Zudem ist es traurig, mitansehen zu müssen, dass das Image vieler konservativer und religiöser deutsch-türkischer Verbände oftmals von islamfeindlichen, antimuslimischen und antitürkischen Akteuren, bestimmten Medien und politischen Kreisen gestaltet und manifestiert wird. Dies führt nicht nur zu Spannungen im bilateralen Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland, sondern sorgt auch für die Beschädigung des Vertrauensverhältnisses und für Unruhe innerhalb der Gesellschaft. Die Eskalationsspirale weiter zu drehen, nützt allerdings nur den Extremisten und Spaltern. Sie profitieren von ihrer Hetze, vorrangig über die sozialen Medien. Wenn die türkischen Arbeitsmigranten und ihre deutschen Nachfahren als wesentlicher Bestandteil dieses Landes akzeptiert werden, ohne an den Rand gedrängt zu werden, liegt dies sicherlich auch im Interesse Deutschlands. Wenn diese Menschen sich nicht nur repräsentiert fühlen, sondern auch wirklich in allen Bereichen der Gesellschaft und Politik repräsentiert werden, kann von einer gelungenen Integration gesprochen werden. Die Emanzipation, also rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Deutsch-Türken, ist sowohl Bedingung als auch Bestandteil der Integration. Es sollte doch im ureigenen Interesse des Einwanderungslands Deutschland, das neuerdings auch vom obersten Vertreter des Staats, dem Bundespräsidenten, als „Land mit Migrationshintergrund” bezeichnet wurde, sein, zukünftig noch stärker von den Deutsch-Türken und Muslimen zu profitieren. Özlem Türeci und Uğur Şahin sind aktuell die besten Beispiele dafür, dass Kinder türkischer Arbeitsmigranten Deutschland im internationalen Wettbewerb – revolutionäre – Vorteile verschaffen können.

Türkische Arbeitsmigration eine Erfolgsgeschichte für Deutschland

Zum 60. Jahrestag der Migration türkischer Arbeitskräfte überwiegen neben den angesprochenen Problemen glücklicherweise die positiven Entwicklungen: Vergessen wir nicht, dass der Migrationsprozess, der unter schwierigen Bedingungen alter Tage begann, heute an Universitäten, Krankenhäusern, Forschungsinstituten, auf den Leinwänden, in Presse, Sportvereinen, internationalen und lokalen Unternehmen, Landesparlamenten sowie im Bundestag fortgeführt wird. Die Kinder und Enkel der ersten Migrantengeneration, die vor 60 Jahren als Arbeitskräfte nach Deutschland kam, bieten jetzt einen Mehrwert, indem sie ihre Präsenz in allen Bereichen wie Kultur, Sport, Medien, Soziales, Politik, Militär, Religion, Wirtschaft und Kunst zeigen. Die Zahl der türkischen Studenten an den deutschen Hochschulen liegt bei rund 40.000. Nicht zu unterschätzen ist auch der Beitrag der Deutsch-Türken, deren Zahl bei etwa drei Millionen liegt, für die Wirtschaft Deutschlands. Über 100.000 deutsch-türkische Unternehmer, die von Arbeitnehmern zu Arbeitgebern aufgestiegen sind, schaffen für eine halbe Million Menschen, von denen die Hälfte Deutsche oder Staatsbürger anderer Länder sind, Arbeitsplätze. Diese Unternehmen erwirtschaften für die Volkswirtschaft ein Jahreseinkommen von rund 50 Milliarden Euro. Die Deutsch-Türken, die Deutschland zu ihrer neuen Heimat gemacht haben, nehmen zudem eine Brückenfunktion zwischen der Türkei und Deutschland ein. Diese Brücken decken fast alle Bereiche wie Partnerschaft, Handel, Sicherheit, Kunst, Kultur, Politik, Wissenschaft und Bildung ab.

Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Deutsch-türkische Organisationen und Moscheegemeinden

Die Corona-Pandemie, die die gesamte Menschheit gesundheitlich, aber auch psychologisch und wirtschaftlich getroffen hat, ist auch an Deutschland nicht spurlos vorbei gegangen. Vielen türkischen und deutsch-türkischen Verbänden und Migrantenorganisationen ist es jedoch gelungen, diese Probleme in Chancen umzuwandeln. Während der Pandemie überbrachten muslimische und türkische Vereine in vielen Städten Deutschlands Lebensmittelpakete an Bedürftige. Einige dieser Organisationen haben sich beinahe zu Maskenproduktionswerkstätten entwickelt. Ohne die beeindruckenden und hilfsbereiten türkischen Frauenverbände wären diese Hilfsmaßnahmen nicht zu bewerkstelligen gewesen. Aber auch die ehrenamtlich tätigen jungen Leute in den deutsch-türkischen Verbänden verdienen Dank und Anerkennung. Die Jugendorganisationen vieler in Deutschland organisierten Verbände waren ebenfalls in dieser schwierigen Zeit zur Stelle und verteilten Tausende von kostenlosen Masken und Lebensmittelpakete an lokale Verwaltungseinrichtungen und Orte, an denen sie benötigt wurden, insbesondere an Pflegeheime, Krankenhäuser, kommunale Einrichtungen, Polizeieinheiten, Feuerwehren und Schulen. Zudem haben die Töchter und Söhne, die Enkel und Urenkel der türkischen Arbeitsmigranten die Flüchtlingsfamilien nicht vergessen, die in den letzten Jahren aus Kriegsgebieten in Deutschland Zuflucht fanden und aufgrund der Pandemie unter Quarantäne standen. Auch sie wurden wiederholt unterstützt. Viele lokale deutsch-türkische Verbände und Moscheegemeinden sammelten Lebensmittel und symbolische Spenden, um die Motivation der Angehörigen in den Gesundheitsberufen zu steigern, die sich engagiert gegen das Coronavirus einsetzten.

Ein Deutschland ohne die sogenannten Gastarbeiter, ihre Kinder, Enkel und Großenkel sei heute „schlicht nicht mehr vorstellbar“, sagte Bundespräsident Steinmeier bei einer Veranstaltung zum 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens in Berlin. Die türkischen Migranten hätten viel dazu beigetragen, dass Deutschland heute gesellschaftlich offener und vielfältiger, wirtschaftlich stärker und wohlhabender sei. Wir können deshalb nicht nur für die vergangenen 60 Jahre von einer Erfolgsgeschichte der türkischen Arbeitsmigration sprechen. Auch die kommenden 60 Jahre verheißen eine friedliche, solidarische und hoffnungsvolle Zeit.

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