Yavuz Selim Kıran, Stellvertretender Außenminister der Türkei. (Yavuz Selim Kiran)

600 Jahre lang lebten Nationen verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen friedlich im Osmanischen Reich zusammen. Tatsächlich fand diese Periode als „Pax Ottomanica“ ihren Eingang in die Geschichtsbücher. Mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts störte der zunehmende politische Wettbewerb zwischen den damaligen Großmächten in vielen Regionen der Welt und damit auch im Gebiet des Osmanischen Reichs den Frieden zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Dieser langen Zeit der Instabilität, die im Ersten Weltkrieg mündete, fielen fast 50 Millionen Menschen zum Opfer, und sie brachte Leid für alle Nationen.

Eine faire, humanitäre und gewissenhafte Herangehensweise gebietet es, alle Leiden dieser Zeit unabhängig von Religion und ethnischer Zugehörigkeit der Opfer aufzuarbeiten.

Die von unserem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan diesbezüglich global verbreiteten Beileidsbotschaften verleihen dieser humanitären Haltung Ausdruck und zielen darauf ab, angesichts der jahrhundertealten Schmerzen die Hand des Friedens auszustrecken und die gemeinsamen Wunden der osmanischen und anatolischen Menschen zu heilen.

Allen humanitären Annäherungen zum Trotz, setzen Genozid-Lobby und anti-türkische Kreise mit der Verzerrung historischer Tatsachen ihre Bemühungen fort, die Saat von Feindseligkeit und gar Feindschaft zu säen.

Die Republik Türkei wird sich als Staat und Nation diesem Missbrauch, den Lügen- und Hasskampagnen auch weiterhin entschlossen entgegenstellen. Denjenigen, die aus kurzsichtigem politischem Kalkül Feindschaft gegenüber der Türkei betreiben, wird es nicht gelingen, historische Tatsachen zu verschleiern. Wir werden auch weiterhin all diesen haltlosen Vorwürfen auf Grundlage historischer und juristischer Tatsachen begegnen.

Die Ereignisse von 1915 sollten Gegenstand der Forschung von Historikern sein und nicht Streitgegenstand von Politikern. Vor diesem Hintergrund schlug unser Präsident im Jahr 2005 die Einrichtung einer gemeinsamen historischen Kommission für die wissenschaftliche Untersuchung der Ereignisse von 1915 vor. Wir haben unsere Archive allen Forschern zur Verfügung gestellt. Bis heute haben wir von armenischer Seite keine Antwort auf diesen Vorschlag erhalten.

Tatsächlich stellt sich die Frage, was man an einer auf wissenschaftlicher Basis berufenen Historikerkommission auszusetzen hat, wenn man sich historischen Tatsachen nicht verschließt und bereit ist, sich selbstbewusst der eigenen Geschichte zu stellen.

Die armenische Seite besteht weiterhin darauf, die Ereignisse von 1915 einseitig und weit entfernt von historischen und rechtlichen Fakten darzustellen.

Dabei thematisieren die Armenier mit ihren haltlosen Behauptungen an keiner Stelle den Aufruhr, den mit den Entente-Mächten verbündete Milizionäre provozierten, sowie die von selbigen begangenen Massaker an der muslimischen Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs. Die brutalen Kriegsstrategien und Massaker der Besatzungsmächte werden ausgeblendet und ein „Völkermord“ ins Feld geführt. Wir wenden uns gegen dieses einseitige und verzerrte Verständnis.

Auch akzeptieren wir nicht, dass Propagandabücher aus der Zeit des Ersten Weltkriegs als Grundlage für die gegen uns vorgebrachten Anschuldigungen dienen. So werden beispielsweise die für die Völkermordthese herangezogenen Dokumente des deutschen protestantischen Geistlichen Johannes Lepsius vom renommierten deutschen Historiker Hans Barth und dem deutschen Frontoffizier Felix Guse als einseitig und subjektiv eingestuft.

Bei der Einordnung der Ereignisse von 1915 muss darüber hinaus darauf geachtet werden, dass sowohl der juristische Rahmen als auch dieser historische Hintergrund Beachtung finden. Völkermord ist ein schweres Verbrechen, das im Völkerrecht klar und genau definiert ist. Nach der Genozid-Konvention von 1948 ist es Sache der zuständigen Gerichte, einen solchen Vorwurf zu erheben. Es gibt keine internationale Gerichtsentscheidung, die die Ereignisse von 1915 als Völkermord qualifiziert. Die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sowie das französische und das belgische Verfassungsgericht haben bestätigt, dass die Ereignisse von 1915 eine legitim bestrittene Thematik beinhalten und daher nicht mit dem Holocaust gleichgesetzt werden können.

Dennoch haben sich leider einige Länder, trotz unserer Ermahnungen, für die Politisierung von Geschichte instrumentalisieren lassen. Parlamente, welche die armenischen Behauptungen als historische Wahrheit akzeptieren und entgegengesetzte Ansichten verbieten wollen, handeln entgegen den Grundprinzipien der Demokratie. Diese politischen Schritte stehen im Widerspruch zur Rechtsprechung des EGMR, welche die Äußerung unterschiedlicher Ansichten zu den Ereignissen von 1915 schützt. Auch tragen sie nicht zur Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien und damit zur Sicherung des Friedens in unserer Region bei.

Es muss uns bewusst sein, dass die haltlosen Vorwürfe hinsichtlich der Ereignisse von 1915 die Begründung für Terroranschläge lieferten. Niemals werden wir die Terrorakte der ASALA vergessen, denen zwischen 1973 und 1984 31 unserer Diplomaten und 58 Bürger zum Opfer fielen. Jeder sollte seine Lehre daraus ziehen, wie aus der Verzerrung von Geschichte Terrorismus entstand. Das Schweigen angesichts des Terrorismus, der in keiner Weise gerechtfertigt und entschuldigt werden kann, widerspricht fundamentalen menschlichen Werten. In diesem Sinne hat uns auch eine lokale Gerichtsentscheidung vor einem Monat, den armenischen Terroristen Hampig Sasunyan freizulassen, der unseren Generalkonsul von Los Angeles, Kemal Arıkan, ermordet hatte, zutiefst verletzt.

Wir haben uns immer aufrichtig für ein richtiges Verständnis der Ereignisse von 1915 ausgesprochen. Deshalb wenden wir uns gegen alle Bemühungen, ein schmerzhaftes Kapitel der Weltgeschichte für politische Zwecke zu missbrauchen. Niemals werden wir zulassen, dass historische Fakten verzerrt und neue Feindseligkeiten geschürt werden.

Auch wird das gegenseitige Vorhalten von Schmerzen unsere Wunden in keiner Weise heilen.

Es ist unser ausgemachtes Ziel, im Lichte der historischen Fakten und auf Basis von Vernunft und Gewissenhaftigkeit Ruhe und Stabilität in unsere Region zu bringen, um mit diesem konstruktiven Verständnis eine gemeinsame Zukunftsperspektive zu entwickeln.

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