„Türckische Cammer“ in Dresden.

Das Europa der frühen Neuzeit war durch zwei gegensätzliche Phänomene gleichen Ursprungs geprägt: Türkenkriege und Türkenmode. Die Osmanen lösten einerseits Schrecken aus – andererseits aber auch Bewunderung. Das kulturelle Interesse an der Kultur nahm während der Aufklärung zu.

War das Türkenbild im Mittelalter noch ein verstörendes, wandelte es sich in der frühen Neuzeit immer mehr zu einem märchenhaften. Historiker vermuten, dass durch eine heitere Veralberung der Thematik die Türkenfurcht kompensiert wurde. An anderer Stelle wiederum waren politische Überlegungen die Triebfeder. Begünstigt wurde das kulturelle Interesse an dem Morgenland durch die schwindende Machtstellung des Osmanischen Reiches in Europa und die damit einhergehende Abnahme der wahrgenommenen Bedrohung.

Im fürstlichen „Jetset“ galten erbeutete Gegenstände der osmanischen Krieger als schicke Trophäen, mit denen man Haus, Hof und sich selbst schmückte. Später entstand daraus ein Handel. Einige Einblicke in die Zeit liefern verschiedene Quellen und Hinterlassenschaften des Adels. Kleidungsstücke und Kopfbedeckungen aus dem Osmanischen Reich wurden zu festlichen Anlässen getragen. Neben dekorativen Elementen flossen auch philosophische, literarische und musikalische in die europäische Kultur ein. Handelskontakte und Warenströme waren wesentlich für die etwa zu Beginn des 18. Jahrhunderts einsetzenden Orientfantasien.

Zu beachten gilt: Der Begriff „Türken“ wurde in Europa seit dem Mittelalter als undifferenzierte Bezeichnung für Menschen aus dem östlichen bzw. islamischen Raum verwendet. Insofern lassen sich unter dem Schlagwort „Türkenmode“ verschiedenste Kulturelemente aus dem Mittleren Osten wiederfinden. Zudem war das Osmanische Reich aufgrund seiner viele Völker umfassenden Ausbreitung ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen. Es war zugleich das letzte islamisch geprägte Großreich in Europa, das außerdem die Oberhoheit über die drei heiligsten Orte des Islams besaß: Mekka, Medina und Jerusalem.

August der Starke und das große Türkenfest

Ein historisches Beispiel für das pompöse nach außen tragen der Türkenmode bildet König August II. von Polen, auch bekannt als August der Starke (1670-1733); zuvor bereits Kurfürst und Herzog von Sachsen. Bei der Trophäenbeute eher weniger erfolgreich beauftragte er 1712 seinen Bediensteten Johann Georg von Spiegel als Einkäufer, der aus Istanbul farbenfrohe Stoffe, Waffen, Bilder, Pferde und sogar eine ganze Zeltstadt samt Inneneinrichtung besorgte. Einige dieser Einzelteile werden heute in der „Türckischen Cammer“ im Dresdner Residenzschloss aufbewahrt. Hier findet sich heute eine der weltweit wichtigsten Sammlungen osmanischer Kunst.

Die „Türckische Cammer“ in Dresden. DPA

Im Rahmen eines Türkenfestes 1715 im Bojaslowskischen Palais in Warschau stellte König August II. seine Sammlung dann zur Schau. Seine Diener hüllten sich dafür in orientalische Gewänder ein, alles wurde entsprechend eingerichtet, auch einige Sitten wurden nachgeahmt – wenn auch mehr schlecht als recht. Bei der Umsetzung vermischten sich oft Fantasie und Wirklichkeit, denn das Morgenland war dem Großteil des Adels nur aus Erzählungen bekannt.

August II. steigerte sich in den Folgejahren immer weiter in seiner Leidenschaft. Anlässlich der Hochzeit seines einzigen Sohnes im Jahr 1719 ließ er ein bisher in Europa noch nie gesehenes Fest organisieren – natürlich auch hier im türkischen Stil. Die Festlichkeiten dauerten mehrere Wochen an. August II. nutzte die Gelegenheit, um mehrmals als türkischer Sultan verkleidet vor die Gäste zu treten. Begleitet wurde er dabei von vier echten Türken. Die restliche Truppe musste zumindest so aussehen. Daher ließen sich die Männer Türkenbärte wachsen und verkleideten sich später als Janitscharen oder Sipahis. Jene Korps bildeten lange Zeit das Rückgrat der osmanischen Armee. Auch die dazugehörige Militärkapelle wurde imitiert.

In den darauffolgenden Tagen liefen die Veranstaltungen weiter. Es folgte ein Merkurfest im Zwingergarten, bei dem nun auch die Gäste mit Türkenkostümen erschienen. Der Prinz von Hessen-Kassel war als Sultan gekleidet. Einer der Höhepunkte dieses Festes war das „Circle Ottoman“ – ein Wachfigurenkabinett mit lebensgroßen Figuren, die orientalische Kleider trugen und mit authentischen Waffen ausgestattet waren.

Osmanische Soldaten. DPA

Im Juni 1730 trieb August II. seine Vorliebe für Türkenfeste an die Spitze, als er über mehrere Wochen das sogenannte Zeitheiner Lustlager veranstaltete. In der türkischen Zeltstadt liefen 603 Infanteristen als falsche Janitscharen auf. Begleitet wurden sie von einer 42 Mann zählenden Musikkapelle. Bei der Kavallerie wurde eine ganze Ulanen-Einheit in türkische Sipahis umgekleidet – natürlich mit entsprechender Präparierung von Sattel und Zaumzeug der Pferde.

Hinter dieser pompösen Darbietung lag zum Teil politisches Kalkül. Die heitere Türkenfeier war nicht zuletzt eine Machtdemonstration gegen den Sultan, die vom Herrschaftsanspruch auf die osmanischen Gebiete im Süden der Ukraine bis zum Schwarzen Meer getrieben wurde.

Türkenmode in Deutschland

Vor allem wegen der geografischen Nähe zum Osmanischen Reich in der frühen Neuzeit befinden sich im Süden Deutschlands mehrere Orte, die lebhaften Einblick in den Einfluss türkischer Kulturelemente geben.

So verfügt das Badische Landesmuseum in Karlsruhe unter dem Titel „Karlsruher Türkenbeute“ über eine der weltweit größten Trophäensammlungen aus den frühneuzeitlichen Türkenkriegen. Ausgestellt werden neben unterschiedlichen Waffen und Rüstungen auch Fahnen, Kleidungsstücke und Gegenstände des täglichen Gebrauchs, die als Beispiele für das osmanische Kunsthandwerk dienen.

Aus wissenschaftlicher Sicht hat die Universität Heidelberg im Fachbereich Islamwissenschaft mit dem Forschungsschwerpunkt im Osmanischen Reich eine besondere Bedeutung für die Deutung und Rezeption aus heutiger Sicht. Zudem verfügt die Universitätsbibliothek über eine große Sammlung an Quellen wie Reiseberichte oder Türkenpredigten.

Die Gartenmoschee in Schwetzingen. DPA

Eines der eindrucksvollsten Beispiele des osmanischen Einflusses bietet die zwischen 1779 und 1792/93 gebaute Gartenmoschee mit zwei Minaretten im Schlosspark von Schwetzingen. Karl Theodor von der Pfalz (1724-1799) ließ damals im Geiste der Aufklärung ein herausragendes Kulturzeugnis erbauen, bei dem arabische, türkische und christliche Elemente miteinander verschmelzen. Vielfältig sind auch die architektonischen Merkmale: eine barocke Kuppel, gotische Fenster und heiteres Rokoko. Auf den Innenfassaden befinden sich Sinnsprüche über Religion, Ethik und Moral in arabischer sowie deutscher Sprache. Optisch hat sie Ähnlichkeiten mit einer echten Moschee, ist aber in Wirklichkeit keine. Sie dient als Ausdruck von Toleranz gegenüber allen Religionen und Kulturen.

Moschee-ähnliche Bauten tauchten auch an anderen Orten auf. Bayerns Märchenkönig König Ludwig II. kaufte eine den Preußen eine „Mini-Moschee“ ab, die er mit einem Marmorbrunnen und einem Pfauenthron ergänzte. In Garmisch-Partenkirchen besaß er einen türkischen Saal, der von außen wie eine gewöhnliche Berghütte aussah, aber innen prunkvoll eingerichtet war. Umgeben von muslimisch gekleideten Dienern muss er sich wie ein echter Sultan gefühlt haben.

Der Türkische Saal von König Ludwig II. in Garmisch-Patenkirchen. DPA

Ein weiteres interessantes Objekt steht in Sachsen. In der Dresdener „Tabakmoschee“ wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zigaretten produziert. Das 62 Meter hohe „Minarett“ diente als Schornstein, auf der gläsernen Kuppel stand „Salem Aleikum“. Zigarettenfabrikant Hugo Zietz umging mit seinem ungewöhnlichen Vorhaben die städtische Verordnung, die Fabriken aus ästhetischen Gründen verbot. Heute ist das Bauwerk eine Sehenswürdigkeit der Stadt.

Die „Tabakmoschee“ in Dresden. DPA

Musik und Literatur

Fast alle großen Namen der Wiener Klassik bauten türkische Musikelemente in ihre Stücke ein. Eine zentrale Bedeutung hatte die osmanische Militärkapelle, die traditionell bei Märschen, Feierlichkeiten des Sultans oder Schlachten eingesetzt wurde. Die großen Namen der Wiener Klassik formten daraus den Kompositionsstil „Alla Turca“. Bekannte Werke sind „Rondi Alla Turca“ (Der türkische Marsch) oder die Oper „Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Ludwig van Beethoven ließ sich zu „Die Ruinen von Athen“ inspirieren. Auch bei Joseph Haydn sind türkische Stilelemente eingebaut.

Die osmanische Militärkapelle „Mehteran“ - hier nachgestellt mit Kostümen. AA

In dieser Zeit setzte auch eine zunehmende Auseinandersetzung mit der Islamischen Literatur ein. Philosophische Werke, Erzählungen und Gedichte fanden Zugang in die kulturellen Zentren Europas. Es ist daher kein Zufall, dass der Klassiker „Geschichten aus 1001 Nacht“ das erste Mal im 18. Jahrhundert in eine europäische Sprache übersetzt wurde – durch den Franzosen Antoine Galland, einem der Pioniere der Orientalistik.

Das Lehrgedicht „Der Philosoph als Autodidakt“ des islamischen Mystikers Ibn Tufail soll als Vorlage für Daniel Defoes Roman „Robinson Crusoe“ gedient haben, der 1719 in England erschien.

Der Roman „Robinson Crusoe“ soll von Ibn Tufails Lehrgedicht „Der Philosoph als Autodidakt“ beeinflusst sein. TRT World

Die Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe wäre wahrscheinlich nie entstanden, wenn ihm nicht die Werke des persischen Dichters Hafis dazu inspiriert hätten. Goethe begeisterte sich ab seiner zweiten Lebenshälfte immer mehr für den Orient. Er beschäftigte sich mit dem Koran und rezipierte Werke der islamischen Literatur.

Das Bildungsbürgertum sah in der islamischen Kultur eine Quelle der Weisheit und Inspiration. Ganz anders als beim europäischen Adel, bei der die kitschige Orientschwärmerei des europäischen Adels skurrile Züge annahm.

Das Osmanische Reich als Bindeglied zwischen Orient und Okzident war ein maßgeblicher Faktor beim Kulturtransfer während der europäischen Aufklärung.