Nizami Gandschavi (www.murekkephaber.com)

Am 5. Januar 2021 rief Aserbaidschans Präsident İlham Aliyev per Erlass das „Nizami-Jahr“ (Nizami İli) aus. Dadurch setzte er die lange Tradition der offiziellen Würdigung Nizamis fort.

Der Dichter wurde im Jahr 1141 in Aserbaidschans heute zweitgrößter Stadt Gandscha (auch bekannt als Gjandsha, Gendsche usw.) geboren und heißt deshalb auch Nizami Gandschavi (Nizami von Gandscha).

Acht Jahrhunderte ununterbrochene Verehrung

Eigentlich beginnt die offizielle Wertschätzung für Nizami schon zu dessen Lebzeiten. In der Einleitung zu einem seiner schönsten Werke, dem romantischen Versepos „Die Sieben Schönheiten“ (neupersisch: Haft Paykar, aserbaidschanisch: Yeddi Gözel), berichtet er beispielsweise, wie ein Bote aus dem Königspalast zu ihm kommt und ihn um die Abfassung eben dieses Werkes bittet. Die Anekdote illustriert, dass Nizami im Unterschied zu zahlreichen anderen Dichtern des Orients nicht an einem Herrscherhof arbeitete, also im strengen Sinne nicht als Hofpoet bezeichnet werden konnte. Nicht er hielt es für nötig, an Höfe zu gehen, sondern die Höfe fragten im Zweifelsfall bei ihm an. Nizami war nämlich schon während seines irdischen Daseins so erfolgreich, dass jeder Herrscher sich glücklich schätzte, wenn sein Name in einem der Werke des Dichtergenies aus Gandscha verewigt wurde, und zwar fast egal auf welche Weise.

Die durch Nizamis einzigartige literarische Leistungen begründete Verehrung für ihn überdauerte das gesamte Mittelalter und die Frühneuzeit. Sie blieb auch bis in die Ära der Besetzung durch Russland – Gandscha und das dazugehörige Khanat kamen 1804 unter russische Herrschaft – lebendig. Bereits 1841 wurde das Mausoleum Nizamis in seiner Heimatstadt aufwendig restauriert. Auch die 1920 proklamierte Sozialistische Sowjetrepublik Aserbaidschan konnte sich dem Zauber des großen Poeten nicht entziehen. Sie ließ bereits 1921 den Geburtstag des großen Dichters begehen und 1926 einen Architekturwettbewerb zur Neuerrichtung seines Grabmonuments ausschreiben. 1979, also in der Spätphase der Sowjetherrschaft, erließ Präsident İlham Aliyevs Vater Heydar Aliyev (1923-2003) – der 1993 zum Retter der Unabhängigkeit Aserbaidschans wurde und seither die unbestrittene nationale Leitfigur der Republik ist – als Generalsekretär der KP Aserbaidschans einen Beschluss zur Erforschung, Publizierung und Verbreitung von Nizamis Erbe. Und bereits 2011 ließ Präsident İlham Aliyev Nizamis 870. Geburtstag aufwendig feiern.

Die Grundlage von Nizamis Ruhm

Am bekanntesten ist Nizami für seine epischen Dichtungen. Seine fünf bedeutendsten Werke sind in der sogenannten „Pentalogie“ (neupersisch: Ḫamse / aserbaidschanisch: Xemse) zusammengefasst. Diese umfasst neben den bereits erwähnten und im Jahr 1198 vollendeten „Sieben Schönheiten“ – das Werk gilt als eines der formal vollendetsten der orientalischen Erzählkunst überhaupt – noch die „Schatzkammer der Geheimnisse“ (Maḫzanoʾl-asrār / Sirlәr xәzinәsi) von 1176, „Khusrau und Schirin“ (Ḫosrou o Šīrīn / Xosrov vәŞirin, vollendet ca. 1181), „Leyli und Madschnun“ (Leylī o Maǧnūn / Leyli vә Mәcnun vollendet ca. 1188) und das „Alexanderbuch“ (Eskandar-nāme / İskәndәrnamә, das Nizami kurz vor seinem Tod 1209 fertigstellte.

Die Meisterschaft, zu der es Nizami in diesen zugleich erzählenden und versifizierten Werken brachte, dürfte einer der Gründe sein, warum sein Name nicht nur im Orient, sondern weit darüber hinaus bekannt geworden ist. Denn diese epischen Dichtungen erzählen Geschichten, was bekanntermaßen auch dem europäischen Literaturgeschmack vielfach entgegenkommt. Aufgrund des erzählenden Charakters dieser Texte kann ihr Sinn viel leichter auch durch Übersetzungen und Nachdichtungen vermittelt werden, als dies beispielsweise bei vielen lyrischen Formen der orientalischen Dichtung wie der Ghasele der Fall ist. Nicht umsonst sind die lyrischen Werke Nizamis insgesamt wohl auch weniger bekannt – und in Bibliotheken und Buchhandlungen wesentlich schwerer zu finden – als die Pentalogie.

Nizami als Lyriker

Nichtsdestoweniger hatte Nizami auch als lyrischer Dichter enormen Einfluss auf alle auf ihn folgenden Perioden der orientalischen Literaturgeschichte, einschließlich der sowjetischen und Gegenwartsperiode.

Eines der berühmtesten Beispiele hierfür ist Nizamis unter dem aserbaidschanischen Titel „Sensiz“ („Ohne dich“) bekannte Ghasele. Der von Cefer Xendan ins Aserbaidschanische übersetzte Text wurde unter diesem Titel vom weltberühmten aserbaidschanischen Komponisten Üseir Gadschibekow (1885-1948), dem Schöpfer der islamischen Oper, im Jahr 1941 vertont, und zwar aus Anlass von Nizamis 800. Geburtstag. Es gibt wohl kaum einen Aserbaidschaner, der das Werk nicht schon einmal gehört hat. Musikologisch wird Gadschibekows Werk als „Ghaselenromanze“ (aserbaidschanisch: romans-qәzәl) klassifiziert. Zusammen mit dem Musikstück „Sensiz“ hatte Gadschibekow auch das Genre der Ghaselenromanze Anfang der 1940er Jahre gleich miterfunden. Zu den bekanntesten aserbaidschanischen Interpreten der Ghaselenromanze „Sensiz“ gehören der aus der Nähe von Schuscha (Karabach) stammende legendäre Sänger Bülbül („Nachtigall“, 1897-1964) und der unvergessene Müslüm Maqomayev (1885-1937), der das Stück unter anderem in dem Film „Nizami“ vortrug.

„Ohne dich“

Ein Gramm Praxis ist mehr wert als eine Tonne Theorie. Darum erlaube ich mir, dem großen aserbaidschanischen Dichters Nizami Gandschavi aus Anlass seines 880. Geburtstages und seines damit verbundenen Ehrenjahres eine Übersetzung des neupersischen Originaltexts der zu „Sensiz“ gehörenden Ghasele (Ġarāmat-ast, ġarāmat šabī ke bī-to gozāram) darzubringen:

„Als Strafe, nur Strafe ich jegliche Nacht ohne dich hier erlebe

Der Ödnis, nur Ödnis ich mich unentwegt ohne dich hier ergebe


Mein Heil ist allein, dich zu finden. Von dir nur ich Heilung erwarte

Beruhigen kannst du mich allein, denn dein Haar hält mich rastlos in Schwebe

Darf eine wie dich ich begehren? Zu träumen kann ich nicht dies wagen!

Ob einen wie mich du begehrst? Aller Hoffnung ich mich doch enthebe!

Du bist neben mir eine Riesin, vor dir jedoch bin ich ein Zwerg

Vor mir bist du eine Teure, doch elend an dir ich nur klebe

Das Glück, es ist nicht zu finden. Die Augen mir fehlen zum Sehen,

Auch Hände zum Greifen und Füße, auf denen ich vorwärts auch strebe

Nizami, den bist du nun los, doch ich begehre dich weiter

Die Sterne ich zähle zur Nacht, am Tag Horoskope mir webe.“

Man erkennt auch hier, wenngleich nur rudimentär, eine erzählte Struktur. Es ist die Geschichte einer in die Brüche gegangenen Liebesbeziehung. Die Art und Weise, wie Nizami von ihr erzählt, kann unschwer vermuten lassen, dass er auf die erneute Gnade der von ihm Angebeteten hofft. Das irdisch-sinnliche Sujet und seine – bei aller im Original angewandten und in der Übersetzung kaum wiedergebbaren literarischen Raffinesse – relativ klar erkennbare, nicht chiffrierte und nicht stark verfremdete Darbietung sind typisch für Nizamis Lyrik. Insbesondere im Vergleich zu der Entwicklung, die die Form der Ghasele nach Nizamis Zeit in der neupersischen, aber auch turksprachigen Literatur nahm, kann man wohl sagen, dass dieser Text auch für westliche Augen und Ohren eine relativ leicht nachvollziehbare Botschaft enthält.

Das lebensbejahende, dem Sinnlichen und Weltlichen Zugewandte in Nizamis Lyrik erklärt sich auch aus den Zeitumständen. Das 12. Jahrhundert gehört zu den Blütezeiten der aserbaidschanischen wie auch iranischen Literatur. Auch wenn die vorherrschende Denk-, Glaubens- und Lebensweise der Islam war – nominell gehörte das Fürstentum, in dem Nizami wirkte, zum Machtbereich des Kalifen von Bagdad –, waren weder der Lebensstil noch das Lebensgefühl von jener Engstirnigkeit und Neigung zum Fundamentalismus geprägt, die (mit der ruhmvollen Ausnahme der Republik Aserbaidschan und weniger anderer Gegenden auf der Welt) das Bild der islamischen Kultur heute vielfach prägen. Dieses islamische Lebensgefühl erreichte dann unter anderem in den Werken von Nizamis Zeitgenossen Attar sowie später in den bis heute weltweit geliebten Werken Rumis (Mevlanas) weitere Höhepunkte. In der heute als Leuchtturm der religiösen Toleranz bekannten Republik Aserbaidschans lebt dieses auch auf Nizami zurückgehende Erbe der Lebensfreude und des Anti-Fanatismus bis heute fort.