Evliya Çelebi. Source: ensonhaber.com

Während sich zahlreiche Berichte von Reisenden aus Wien über ihren Besuch osmanischer Gebiete finden lassen, ist es eher eine Ausnahme, dass ein Osmane nach Wien reiste und seine Beobachtungen darüber festhielt. Wenn man hierbei von Reisenden spricht, kommen einem erst einmal Europäer in den Sinn, Namen berühmter Reisender wie Busbecq, Schweigger, Gerlach, Lubenau, Grelot, Simon, Tournefort und Montagu. Sie alle bereisten osmanische Gebiete und teilten nach der Rückkehr in ihre Heimat ihre Eindrücke mit ihren Mitmenschen. Evliya Çelebi hingegen, der hunderte Städte und Orte bereiste und seine Eindrücke in einem zehnbändigen Werk zusammentrug, berichtet darin über das Wien des 17. Jahrhunderts auf seine ihm eigene Art und Weise.

Die Einreise der osmanischen Delegation in Wien

Eine osmanische Botschafterdelegation besuchte im Juni 1665 mit einem prächtigen Regiment die Stadt Wien. Kara Mehmed Pascha bestieg nicht die für ihn bereitgestellten Kutschen, sondern verwandelte den mit prachtvoll geschmückten Pferden und lautstarker Mehter-Musik untermalten Einzug in die Stadt in eine Machtdemonstration. Evliya Çelebi, der in Belgrad zur Delegation hinzustieß, zog gemeinsam mit hunderten Soldaten in die Stadt ein und wurde in einem großen Herrenhaus am Donauufer einquartiert. Evliya berichtet in seinem Werk Seyahatname zunächst von der Geschichte der Stadt Wien und anschließend von der ersten Belagerung Wiens. Während er unter anderem vom legendären „Tscherkessischen Onkel“ berichtet, dessen Statue noch immer im 1. Wiener Bezirk steht, verliert er kein schlechtes Wort über Sultan Süleyman den Prächtigen. Wie auch im Kapitel zu Ungarn, beginnt er zuerst mit dem Feldzug des Herrschers gegen Wien.

Im Allgemeinen berichten Reisende, wenn sie eine fremde Stadt besuchen, zunächst von den Stadtmauern, die die Stadt umgeben. Auch Evliya setzte diese Tradition fort und erwähnt in seinem Werk die Wiener Stadtmauer, die er zu den effektivsten Mauern seiner Zeit zählte. Er beschreibt die Wiener Stadtmauer, die 8 Haupttore besaß, als eine „Gazelle, die aus der Hand des Jägers fliehen konnte“ und stellt fest, dass die der Donau zugewandte Seite der Mauer zweischichtig und stabiler war. Der Reisende wollte ursprünglich auf der Mauerkrone die gesamte Stadtmauer ablaufen, doch da ihm dies nicht gestattet wurde, lief er entlang der Mauer und vermaß diese mit 21.550 Schritten. Die Tore maßen 50 Schritte mit jeweils 80 Schritte breiten, beweglichen Brücken davor, wobei die lebensechten Adlerstatuen über den Eingängen und der riesige Weidenbaum vor dem Palast Evliya besonders beeindruckten. An der Stelle der Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissenen Stadtmauer befindet sich heute die Ringstraße. Allein die gegenwärtige Breite dieser Straße zeugt von den mächtigen Dimensionen der von Evliya mit Schritten vermessenen Stadtmauer.

Metzger, Ledergeschäfte und Färber befanden sich allesamt außerhalb von Wien. Die Bürgersteige und Straßen der Stadt waren derart sauber, dass man sprichwörtlich „Honig verschütten und auflecken“ könnte. Ein Grund dafür sei unter anderem das häufige Auftreten der Pestepidemie gewesen. Denn wann immer die Pest auftrat, starben tausende Menschen in Wien an den Folgen der Epidemie. Evliya berichtet von Ketten, die sich an jedem Anfang einer Straße befanden, damit im Falle einer Belagerung verhindert werden konnte, dass feindliche Reiter in die Stadt eindrangen. Evliya versetzten die von Räderwerken statt Pferden oder Fiakern angetriebenen Mühlen und wiederum von Räderwerken betriebenen Kutschen in Erstaunen. Weiterhin berichtet der Reisende von ihm zunächst seltsam und komisch anmutenden Objekten wie mechanisch angetriebenen Kutschen ohne Pferde, Mühlen, die alle 12 Stunden neu aufgestellt wurden, Aufziehwerkzeugen zum Zerstückeln von Fleisch, Zwiebeln oder Tabak sowie von Vorläufern heutiger Ventilatoren.

Die Stadt Wien versetzte Evliya immer wieder ins Staunen. So floss das Wasser aus den öffentlichen Brunnen jeweils aus dem Mund eines anderen Tieres. Überschwänglich berichtet er von einem Elefanten auf dem Elefantenplatz von der „Größe eines Minaretts“, der seine Ohren und seinen Rüssel bewegen konnte und mittags Geräusche von sich gab. Dabei handelte es sich um nichts anderes als eine Elefantenuhr, bei der der Elefant beispielsweise um Mitternacht 12 Mal den Rüssel gegen seine Brust schlägt. Darüber hinaus waren in der Stadt weitere Uhren mit verschiedenen Tiermotiven zu sehen. Eines der seltsamsten Dinge, die Evliya zu Augen bekam, waren die aufziehbaren Marionetten, die wie Muslime aussahen. Diese Marionetten, die Evliya zunächst für reale Menschen hielt, waren mechanische Apparate, die vor den Läden Gewürze stießen. Er war derart von der lebensechten Ausführung überzeugt, dass er zu Anfang dachte, er müsse diesen armen muslimischen Sklaven etwas Geld spenden.

Bäder von Wien

Evliya Çelebi suchte wie in jeder Stadt, die er bereiste, auch in Wien ein Bad auf. Natürlich waren die Bäder in Wien nicht so pompös wie die Bäder im Osten, die er gewohnt war. So war es im mit Ofenkesseln erwärmten, stufenförmigen Baderaum notwendig, sich auf eine höhere Stufe zu setzen, wenn man in den Genuss höherer Temperaturen kommen wollte. Massagen wurden ausschließlich von älteren Damen durchgeführt.

Der Wiener Stephansdom in den Augen von Evliya Çelebi

Selbstverständlich fand der Stephansdom, der immer noch das Wahrzeichen der Stadt ist, Erwähnung in Evliyas Ausführungen. Er schrieb lobend: „Weder bei den Griechen, noch in den arabischen oder persischen Gebieten, also kurz gesagt, nirgendwo in den Gebieten, in denen die Ungläubigen leben, wurde und wird jemals solch ein großes und altes Gebäude errichtet.“ Er war fest davon überzeugt, die Klosterbibliothek, die er in Wien besuchte, sei eine der größten Bibliotheken der Welt. Die sprachliche und wissenschaftliche Vielfalt der Bücher in der Bibliothek, die Fülle an bebilderten Werken und vor allem die Tatsache, dass mehrere Bedienstete regelmäßig die Bücher abstaubten, hatten ihn im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt. Des Weiteren erzählt der Reisende von den Kirchenorgeln und wie er miterlebte, wie diese Orgeln mittels Körperkraft junger Männer mit riesigen Blasebälgen angestimmt wurden. Er schreibt, dass sich Friedhöfe auf beiden Seiten des Doms befanden, in denen Könige und Kardinäle begraben wurden. Tatsächlich kann man auch heute noch in den Katakomben des Stephansdoms die Gebeine von hunderten Verstorbenen besichtigen.

Evliya beschreibt bezugnehmend auf die Erste Wiener Belagerung, dass Süleyman der Prächtige nicht wollte, dass der Dom zerstört würde und sogar eine goldene Kugel an Ferdinand I. sandte., weil er nach der Eroberung beabsichtigte, den Dom in eine Moschee umzuwandeln. Er überliefert auch, dass diese Kugel auf der Spitze des Stephansdoms platziert wurde. Kurzum konnte der Reisende gar nicht mehr aufhören, über den Stephansdom zu schreiben, und beendete dieses Kapitel mit folgendem Satz: „Wie kann Hören wie Sehen sein?“

Nach der Lektüre des Werkes von Evliya stellt sich unweigerlich folgende Frage: Ist etwa die Zweite Wiener Belagerung und die Haltung von Kara Mustafa Pascha dazu den Ausführungen von Evliya geschuldet, die dieser gelesen haben könnte? Es ist unmöglich, dies mit Sicherheit zu beantworten. Nichtsdestotrotz bergen die noch ausstehenden Zeilen aus dem bemerkenswerten Werk von Evliya Çelebi, die wir in den folgenden Teilen dieser Schriftenreihe behandeln wollen, noch viele Überraschungen.