Nürnberg: NSU-Mord an Abdurrahim Özüdoğru vor 20 Jahren (Archivbild) (AA)

Vor 20 Jahren haben Rechtsterroristen Abdurrahim Özüdoğru in dessen Änderungsschneiderei in Nürnberg getötet. Kaltblütig schossen die rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) dem 49-jährigen Özüdoğru zweimal in den Kopf.

Am 13. Juni 2001 hatte Özüdoğru gegen 16 Uhr die Änderungsschneiderei betreten und wurde vermutlich eine halbe Stunde später ermordet. Passanten entdeckten erst fünf Stunden später den 49-Jährigen. Der Familienvater hinterließ damals eine 19-jährige Tochter und seine Ex-Frau.

Das NSU-Trio fotografierte die Leiche Özüdoğrus nach der Tat. In dem später veröffentlichten Bekennervideo der Rechtsterroristen wurde das Bild von Özüdoğru eingeblendet. Ein Sprecher sagte im Video dazu: „Özüdoğru ist nun klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist“.

Tipps aus der lokalen Nazi-Szene?

Özüdoğru wurde nur 49 Jahre alt und war das zweite Opfer der rassistischen Mordserie, die zwischen 2000 und 2007 stattfand. Der NSU ermordete bundesweit wahllos neun Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund. Das zehnte Todesopfer der Neonazis war die junge Polizistin Michèle Kiesewetter. Allein in Nürnberg töteten die Neonazis drei Menschen mit Migrationshintergrund und verübten einen Bombenanschlag. Der NSU-Komplex flog erst 2011 mit dem Bekennervideo der Terroristen der auf.

Auch 20 Jahre nach der Tat bleiben jedoch einige Hintergründe im gesamten NSU-Komplex ungeklärt. Hatte das NSU-Trio um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ihr Opfer ohne Hinweise aus der lokalen Szene ausgewählt? Schließlich war die Änderungsschneiderei von Özüdoğru von außen kaum wahrnehmbar.

Laut einem Rechercheteam der Nürnberger Nachrichten und des Bayerischen Rundfunks bestand eine Verbindung des NSU in die fränkische Neonaziszene. Ein ehemaliger Führungskader berichtete, das spätere NSU-Kerntrio habe Ende der 1990er Jahre oft in Nürnberg verkehrt und beste Kontakte zur dortigen Szene gepflegt. Die diesbezüglichen Ermittlungen stecken jedoch fest.

Mehrere Parteien im Nürnberger Stadtrat forderten nun in einer Resolution einen zweiten Untersuchungsausschuss. Die drei Morde und der Brandanschlag der rechtsextremen Terrorgruppe NSU wurden in der Frankenmetropole verüb. Im Bayerischen Landtag sollen sie noch einmal eingehend unter die Lupe genommen werden.

In Nürnberg selbst erinnert die Stadt seit Juni 2015 offiziell an die NSU-Morde. Am Samstag fand zum siebten Mal ein „Straßenfest gegen Rassismus“ statt – teils in digitaler Form, teils aber auch analog. Zu den Veranstaltern gehören politische Parteien wie SPD, Grüne oder Linke, Gewerkschaften und Organisationen wie der Bayerische Flüchtlingsrat, der Kreisjugendring oder die Evangelische Jugend.

Bei dem NSU-Prozess bleiben viele Fragen unbeantwortet

Hauptakteure des NSU-Trios waren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Nach einem Banküberfall begingen Böhnhardt und Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach Selbstmord. Sie waren aufgeflogen, nachdem sie Zeugen bei der kriminellen Tat beobachtet hatten.

Hauptakteure des NSU-Trios: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.  (Archivbild) (DPA)

Die Polizei fand ihre Leichen in einem ausgebrannten Wohnmobil. Beate Zschäpe sprengte anschließend die ehemalige gemeinsame Wohnung in Zwickau in die Luft und meldete sich in weiterer Folge mit ihrem Anwalt bei der Polizei. In den darauffolgenden Tagen gingen mehrere Bekennervideos bei Medien, öffentlichen Institutionen und Moscheegemeinden ein. Das Oberlandesgericht München verurteilte Zschäpe im Juli 2018 wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft. Der NSU-Prozess war eines der größten, längsten und teuersten Verfahren im Zusammenhang mit Rechtsextremismus in Deutschland. Ein Jahrhundertprozess, bei dem viele Fragen unbeantwortet bleiben. In dem Verfahren ging es um zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle. Eine der größten Ungereimtheiten im NSU-Komplex jedoch ist die Sperrfrist der Akten des hessischen Verfassungsschutzes von inzwischen 30 Jahren. Deren Geheimhaltung war zunächst sogar auf 120 Jahre anberaumt worden.

TRT Deutsch