Eine Moschee in Istanbul. (AA)

Wir befinden uns derzeit im Monat Rabīʿ al-awwal des islamischen Mondjahres. Am 12. diesen Mondmonats ist der Geburtstag des Propheten Muhammad. Da der Tag in der islamischen Zeitrechnung nicht nach Mitternacht, sondern nach der Abenddämmerung beginnt, startet der 12. Rabīʿ al-awwal dieses Jahr am Abend des 17.10.21 und endet mit dem Folgeabend. Außerdem ist ein Mondjahr kürzer als ein Sonnenjahr, und somit verschieben sich die islamischen Feiertage jährlich etwa 10 Tage nach vorne.

Der Mawlid in den muslimischen Ländern

In der gesamten muslimisch geprägten Welt wird der Geburt des Propheten in Ehren gedacht. Mawlid kann im Arabischen sowohl Geburtstag als auch Geburtsort heißen. Wenn man jedoch von Mawlid (an-nabi) spricht, meint man oftmals das Geburtsfest (des Propheten). Heute wird der Begriff auch für alle Zusammenkünfte, in denen mit Gesang und Rezitationen des Propheten gedacht wird, verwendet. Überlieferungen zufolge geschahen wundersame Ereignisse während der Geburt, die im Jahr des Elefanten (höchstwahrscheinlich 571 n. Chr.) stattfand.

Um die Freude über die Geburt des letzten Gesandten auszudrücken und zu teilen, werden Feierlichkeiten und Zusammenkünfte in Häusern, Moscheen oder Tekkes organisiert. Dabei werden insbesondere religiöse Lieder (ilahi) gesungen, Segenssprüche (salavat) und Lobgedichte (na‘t-ı şerif) auf den Propheten gesprochen und Bittgebete geäußert, in denen häufig um die Fürsprache des Propheten am Jüngsten Tag gebeten wird. Ferner werden oft an die Anwesenden kleine Geschenke verteilt und Süßes gereicht. Überlieferungen berichten, dass der Prophet an einem Montag geboren wurde und die Gefährten (und auch der Prophet selbst) montags zu fasten pflegten, um ihre Dankbarkeit und Freude darüber ausdrücken. Viele fromme Muslime eifern diesem Vorbild nach und verbringen den Tag fastend. Auch andere Arten von Gottesdiensten werden an diesem Tag als besonders lobenswert betrachtet.

Mawlid-Dichtungen

Schon sehr früh in der Geschichte verfassten muslimische Denker Schriften zur Geburt des Propheten. Dazu zählen die Mawlid-Werke des Gelehrten Ibn al-Dschauzī (gest. 1201) aus Bagdad und des andalusischen Poeten Ibn Diḥya al-Kalbī (gest. 1235). In den Mawlid-Schriften wird die Geburt des Propheten lebhaft beschrieben und seine erhabene Persönlichkeit gelobt. Sie sollen die Gläubigen an seine Einzigartigkeit erinnern und sie in ihrem Eifer, sich seine moralischen, sozialen und ethischen Charakterzüge anzueignen, bestärken. Amina, die Mutter des Propheten, berichtete Überlieferungen zufolge, dass während der Geburt alles um sie herum erleuchtete und ihr Engel- und Paradieswesen erschienen. So weiß auch der türkische Volksdichter Yunus Emre (gest. 1321) zu dichten:

„Die Welt war ganz in Licht getaucht

Zur Nacht von Muhammads Geburt“ (Übersetzt von Annemarie Schimmel).

Lichterfest zum Mawlid

Da die Lichtsymbolik im Islam und insbesondere in der Mystik generell eine wichtige Rolle spielt, werden in der islamischen Welt insbesondere in dieser Nacht vielfältige Leuchtmittel zum Dekorieren und Erleuchten der Moscheen und Häuser verwendet. Die Osmanen nannten nicht umsonst diese Nacht das „Mawlid Kandili“ (Lichterfest zum Mawlid). Das Wort Kandil kommt ursprünglich aus dem Arabischen und bedeutet Lampe.

Generell pflegten die Osmanen zu besonderen Nächten des islamischen Jahres die Moscheen mit Kerzen und Öllampen zu illuminieren. So auch in der Nacht zur Geburt des Propheten. Noch heute werden die großen Sultansmoscheen in Istanbul in diesen Nächten besonders beleuchtet. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich in der Türkei eine eigene, besondere Mawlid-Tradition entwickelt. Berichte schildern Paraden diverser Sultane, die sich in dieser besonderen Nacht in eine der großen Moscheen begaben, um an den Feierlichkeiten teilzuhaben. Traditionell wird nach einer Koranlesung ein Mawlid-Gedicht von sogenannten Mevlidhans (Sänger) abwechselnd vorgetragen. Ferner werden im Chor mit den Anwesenden Segenswünsche auf den Propheten gesprochen. Insbesondere das Mawlid-Werk von Süleyman Çelebi (gest. 1419) erlangte große Beliebtheit und hat seinen Bekanntheitsgrad bis heute nicht eingebüßt. Viele Hunderte Mawlids wurden zwar davor und auch danach im Türkischen verfasst, doch keines vermochte den Rang von Çelebis Gedicht zu erlangen.

Das Vesiletü´n-Necat von Çelebi

Süleyman Çelebis Schriftstück – im Volksmund Mawlid (türk. Mevlid) – heißt offiziell Vesiletü´n-Necat, was so viel bedeutet wie Führung zur Errettung. In diesem Werk drückt Süleyman Çelebi dem letzten Gesandten seine starke Liebe aus und bewegt damit seit über 600 Jahren die Herzen der Leser und Zuhörer, sodass dieses Werk mit großem Eifer über Generationen hinweg gelesen und weitergegeben wurde. Das Mawlid-Werk Çelebis hat diverse Bestandteile. Neben großen Ereignissen im Leben des Propheten wie beispielsweise der ersten Offenbarung oder der Himmelsfahrt enthält es jeweils auch ein Kapitel mit Bittgebeten und Lobgesang auf den Propheten. Das gesamte Werk ist in Doppelversen geschrieben. Der wohl bekannteste und am häufigsten vorgetragene Teil ist die Geburtsgeschichte (Velâdet Bahri). Diese wird durch den Mund Aminas, der Mutter des Propheten, dargestellt. Nach der Geburtsgeschichte folgt der große Willkommensgruß (Merhaba Faslı), in dem der sehnlichst erwartete Prophet willkommen geheißen wird.

Das Vortragen des Vesiletü´n-Necat ist eine Kunst für sich. Jedes Kapitel (Bahir) wird in einem anderen Maqam (Tonart) vorgetragen. Die Art und Weise wurde über Generationen hinweg mündlich weiter überliefert. Heute wird das Werk nicht nur zur Mawlid-Nacht selbst, sondern auch zu Geburtsfeiern oder anderen besonderen Anlässen vorgetragen. Es wurde in einige Sprachen übersetzt, unter anderem Arabisch, Englisch, Bosnisch und Albanisch. Die Orientalistin Annemarie Schimmel hat das Vesiletü´n-Necat auszugsweise auch ins Deutsche übersetzt (siehe Annemarie Schimmel: Und Muhammad ist Sein Prophet. Die Verehrung des Propheten in der islamischen Frömmigkeit).