Aufforstung ein Geschäftsmodell? Eine Billion Bäume gegen den Klimawandel (AA)

Es klingt nach einer Win-Win-Situation: Wenn die Wälder weltweit um die Fläche der USA wachsen würden, könnten zwei Drittel der von Menschen verursachten Treibhausgase in diesen Bäumen gespeichert werden. Das war zumindest das Ergebnis einer Studie der technisch-naturwissenschaftlichen Hochschule ETH Zürich, die vor gut zwei Jahren vorgestellt wurde. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2020 wurde auf Grundlage dieser Studie die Initiative beschlossen, bis 2030 eine Billion Bäume zu pflanzen und zu bewahren - vor allem in Indien, am Amazonas, in der Sahel-Region und in den USA.

„Ein Alibi, um nichts zu tun“

Während Investoren ein Geschäft wittern, schlagen Fachleute in Sachen Klima die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif stellt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) klar, dass die Studie zum Bäumepflanzen in der Fachwelt heftig umstritten und nicht belastbar sei. „Sie werden mit Aufforstung niemals den überwiegenden Teil der Treibhausgasemissionen binden können“, erklärt er. Die Debatte um negative Emissionen sei „ein Alibi, um nichts zu tun und an den alten Technologien festzuhalten“. Zu diesem Fazit kommt auch die Entwicklungsexpertin Jutta Kill. „Bei Projekten, die so groß vermarktet werden, geht es vor allem um Greenwashing“, sagt sie. Die Kohlenstoffspeicherung neu gepflanzter kleiner Bäume sei minimal, und bei kommerziellen Plantagen würden die Bäume zudem nach kurzer Zeit wieder abgeholzt. Wenn wiederum Savannen aufgeforstet würden, sei die Kohlenstoffbilanz in der Regel zunächst negativ: „Denn der Boden, der lange Zeit nicht bepflanzt war und auf einmal aktiv aufgeforstet wird, setzt CO2 frei.“ In vielen Baumpflanzprojekten zu Klimazwecken würden ferner schnell wachsende Bäume wie Eukalyptus, Kiefer oder Akazie gepflanzt. Das wirke sich ökologisch sehr stark aus: „Eukalyptus zum Beispiel ist sehr durstig, was den Wasserspiegel von Bächen und Quellen oft deutlich absenkt.“ Völlig unklar sei außerdem, woher die Flächen zur Aufforstung kommen sollten. Großflächiger Landraub sei programmiert.

Nachhaltige Investments und grüne Anlageprodukte im Trend

Trotz dieser massiven Bedenken haben bereits Finanzinvestoren das Thema Aufforstung für sich entdeckt. Nachhaltige Investments und grüne Anlageprodukte sind im Trend. Der Chef des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG), Volker Weber, sagt in dem Sachbuch von Wolfgang Mulke mit dem Titel „Nachhaltig Geld anlegen“, dass es vor allem Wachstumsraten von 40 Prozent im Jahr seien, die Produkte mit grünem Anstrich für den konservativen Teil der Branche attraktiv werden ließen. Autor Mulke erläutert in seinem Buch einige der Möglichkeiten, in Plantagen zu investieren. Die Anleger würden Miteigentümer oder Pächter des Grund und Bodens auf dem Edelhölzer (Panama) oder Oliven- und Dattelbäume (Marokko) wachsen. Der Ertrag komme nach einigen Jahren aus dem Verkauf von Stämmen oder Früchten. Zugleich weist der Autor darauf hin, dass 2018 in einer Untersuchung der Zeitschrift „Finanztest“ alle sieben untersuchten Angebote für Direktinvestments in Holz mit der Note „mangelhaft“ abgeschnitten haben.

Bäume durch Hitze und Dürre geschädigt

Selbst das Öko-Siegel Forest Stewardship Council (FSC-Siegel) für Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft bietet keine 100-prozentige Garantie: So stieg 2018 Greenpeace aus dem Siegel aus mit der Kritik, dass damit auch die industrielle Waldwirtschaft in Urwäldern zertifiziert werde. Dass das Pflanzen von Bäumen gar nicht so einfach ist, hat zuletzt auch die Stadt Berlin feststellen müssen. Allein im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg müssen im kommenden Jahr rund 2000 der insgesamt 42.000 Bäume gefällt werden. Sie wurden durch Hitze und Dürre sowie durch punktuellem Starkregen massiv geschädigt. Das Bezirksamt gelobt nun, künftig Standorte so zu bestimmen, dass junge Bäume eine Überlebenschance haben. Von den in den vergangenen 20 Jahren gepflanzten Jungbäumen sei nur noch ein Drittel komplett gesund.

epd