19.07.2021, Rheinland-Pfalz, Altenahr: Meterhoch türmen sich Wohnwagen, Bäume und Schrott an einer Brücke über der Ahr (Luftaufnahme). (DPA)

Die Arbeiten zum Wiederaufbau der beim Hochwasser zerstörten Ortschaften in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gehen voran. Auch wenn viele Anwohner sich vermutlich mehr Tempo gewünscht hätten, gibt es Fortschritte: Brücken sind wieder frei, Autobahnen wieder befahrbar, die Versorgung mit Strom und Wasser wird hergestellt. Doch das sind nur die äußeren Schäden, die sich beseitigen lassen. Die psychischen und seelischen Schäden sind dagegen deutlich schwerer zu lindern.

Der leitende Notfallpsychologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Wolfgang Heiler, warnt vor den psychischen Folgen der Flutkatastrophe. Zu den möglichen Symptomen gehörten Herzrasen, Unruhezustände, Gereiztheit oder erhöhte Ängstlichkeit. Nach seinen Angaben gibt es bei bis zu 30 Prozent der Menschen, die eine Naturkatastrophe wie die Flut erlebt haben, ein erhöhtes Risiko für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Auch das Netzwerk Flutopferhilfe Rheinland-Pfalz und NRW berichtet von Taubheits- oder
Ohnmachtsgefühlen, Verzweiflung oder Verwirrung bei Überlebenden.

Land unterstützt Traumaambulanzen

Das Land NRW bietet den Betroffenen Unterstützung und Hilfe an. Nur wenige Tage nach dem Unwetter Mitte Juli, bei dem rund 190 Menschen starben, wurden die Traumaambulanzen der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland für die Menschen in den Flutgebieten geöffnet. Das Land sagte die Übernahme der Kosten für fünf Behandlungen zu, das Angebot gilt bis Ende des Jahres. Die Ambulanzen, die normalerweise als Anlaufstellen für die Akutversorgung von Betroffenen insbesondere von Gewalt- und Sexualstraftaten gedacht sind, können ohne formalen Antrag aufgesucht werden.

Bislang haben nach Angaben des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) rund 70 Betroffene die Hilfe der psychiatrischen Kliniken des Verbandes in Anspruch genommen. Davon wurden etwa 35 Menschen in der LVR-Klinik Bonn behandelt, wo auch Alida Fecht als Psychotherapeutin arbeitet. Sie hat bislang etwa ein halbes Dutzend Patientinnen und Patienten behandelt. Das Altersspektrum reiche von Anfang 20 bis Mitte 50, sagt sie. In der Regel litten die Patienten unter posttraumatischem Stress, weil sie zum Beispiel Angehörige verloren hätten oder in einer lebensbedrohlichen Situation waren, als das Wasser stieg.

Welt unsicher geworden

Die Menschen müssten mit dem Gefühl fertig werden, dass die Welt unsicher geworden sei und sich ihrer eigenen Hilflosigkeit stellen, sagt Fecht. Zudem könnten manche Menschen nur schwer akzeptieren, dass es bei einer Naturkatastrophe keine unmittelbar Schuldigen gebe - anders als bei einem Unfall oder einer Straftat. Sie stellten sich dann oft die Frage: „Warum passiert das ausgerechnet mir?»“Laut Fecht geht die Nachfrage nach der Behandlung in den Traumaambulanzen mittlerweile zurück. Derzeit hat sie noch zwei Patienten in Behandlung. Offenbar sei der Bedarf derzeit nicht mehr ganz so hoch wie im Sommer.

Doch Anlass zur Entwarnung gibt es nach Ansicht des Vizepräsidenten der Psychotherapeutenkammer NRW, Andreas Pichler, nicht. Viele Betroffenen kämen erst jetzt, Wochen nach dem Unglück, zur Ruhe. Sie würden sich ihrer Verluste nun bewusst und litten an traumatischen Erfahrungen. Die Zahl der behandlungsbedürftigen Patienten in den psychotherapeutischen Praxen könnte gerade in den Wintermonaten noch deutlich zulegen. „Diese Entwicklung darf man nicht unterschätzen“, sagt Pichler. Er fordert ein breiteres Angebot an Behandlungsmöglichkeiten, das schnell hilft und in das auch Privatpraxen eingebunden werden sollten. „Wir können jetzt nicht warten, bis die Hütte brennt.“

DPA