14. Todestag von Michèle Kiesewetter – Ein NSU-Mord mit vielen Rätseln (Archivbild) (DPA)

Michèle Kiesewetter ist das zehnte und letzte Opfer einer Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU). Die Polizeivollzugsbeamtin wurde vor 14 Jahren am 25. April mit einem gezielten Kopfschuss auf der Heilbronner Theresienwiese getötet. Ihr Kollege Martin A. wurde ebenfalls durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Er lag mehrere Wochen im Koma und überlebte. Ein Teil des Projektils befindet sich noch heute in seinem Kopf. An die Tat kann Martin A. sich nur bruchstückhaft erinnern.

Der Mord an der 22-jährigen Polizistin bleibt bis heute ein Rätsel. Eine Tatortrekonstruktion ergab: Zwei Täter hatten sich von hinten dem Streifenwagen genähert und den Beamten jeweils in den Kopf geschossen. Die Hülsen und Projektilteile konnten später zwei Tatwaffen zugeordnet werden – einer Tokarew TT-33 und einer Radom VIS 35. Die Täter entwendeten nach der Tat die Dienstwaffen vom Typ HK P2000 und die Handschellen. Viereinhalb Jahre lang verfolgten die Ermittler 4600 Spuren und gingen über tausend Hinweisen nach – ohne Erfolg.

In den Jahren zwischen 2000 und 2006 hatten Neonazis des NSU-Netzwerks aus rechtsextremistischen Motiven wahllos neun Kleinunternehmer ermordet. Die Opfer hatten alle einen Migrationshintergrund. Anders als bei den neun vorangegangenen Morden bleibt das Tatmotiv im Fall Kiesewetter ungeklärt.

Dienstwaffe von Kiesewetter im abgebrannten Wohnmobil

Nach einem Banküberfall begingen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach Suizid. Zeugen hatten die beiden Männer zuvor bei einer kriminellen Tat beobachtet, sie flogen auf. Ihre Leichen wurden in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. Die Polizei fand die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen im Wohnmobil des NSU-Trios. Später fanden die Beamten Kiesewetters Handschellen in der von Beate Zschäpe abgebrannten Wohnung des Trios und stellten ein NSU-Bekennervideo sicher.

In diesem Video wird auch der Polizistenmord erwähnt. Zu sehen ist unter anderem die Trauerfeier für Michèle Kiesewetter. Davon ausgehend brachte die Staatsanwaltschaft Böhnhardt und Mundlos mit dem Mord an Kiesewetter in Verbindung.

14. Todestag von Michèle Kiesewetter – Ein NSU-Mord mit vielen Rätseln – Gedenktafel an die ermordete Polizistin Kiesewetter in Heilbronn (DPA)

In dem Fall bleiben jedoch viele Fragen offen. Der Polizist und Patenonkel von Kiesewetter hatte bereits acht Tage nach dem Mord die Tat mit den bundesweiten „Türkenmorden“ in Zusammenhang gebracht. Eine Thüringer Polizistin sagte vor dem NSU-Untersuchungsausschuss aus, sie sei bedroht worden. Unter anderem hätten zwei Männer sie zuhause aufgesucht. Ihr sei „geraten“ worden, sich „an bestimmte Dinge“ im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord nicht zu erinnern. Eine ARD-Dokumentation von 2017 zeigt Aufnahmen von der Kranzniederlegung, die am 27. April 2007, also zwei Tage nach der Tat, stattfand. Dort ist ein „NSU“-Graffito an der Wand des unmittelbar am Tatort befindlichen Trafohäuschens zu sehen. Ein Zufall? Zeugen erklärten unabhängig voneinander, sie hätten zum Zeitpunkt der Tat mehrere blutverschmierte Personen im Umfeld der Theresienwiese beobachtet. Einige von ihnen hätten sich fluchtartig vom Tatort entfernt. Sind Mundlos und Böhnhardt doch nicht die alleinigen Täter? NSU-Prozess mit 438 Verhandlungstagen und 600 Zeugen Am 11. Juli 2018 fiel im NSU-Prozess das Urteil am Oberlandesgericht München. Mit fünf Angeklagten, 14 Verteidigern, 90 Nebenklägern, mehr als 600 Zeugen und 438 Verhandlungstagen ist es eines der größten und längsten Verfahren wegen Rechtsextremismus in Deutschland. Böhnhardt und Mundlos konnten für die Mordserie nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Beate Zschäpe hingegen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Laut der Urteilsbegründung hatte Zschäpe zusammen mit den beiden Männern die Tatorte ausgewählt und auch Einfluss auf Zeitpunkt und Art und Weise der Taten gehabt. Fazit: Auch nach dem NSU-Prozess bleiben viele Fragen unbeantwortet. Eine der größten Ungereimtheiten in dem Fall zum NSU-Komplex ist die Sperrfrist von 120 Jahren. Sie gibt Anlass für Verschwörungstheorien.

TRT Deutsch