Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz hat Beschäftigte und Aktionäre des kriselnden Stahl- und Industriekonzerns auf einen harten und mehrjährigen Sanierungskurs eingestimmt.

Im Stahlbereich sei eine „harte Restrukturierung“ nötig, sagte Merz am Freitag bei der Hauptversammlung in Bochum. „Das wird nicht ohne Arbeitsplatzabbau gehen.“ Konzernweit will Thyssenkrupp 6000 Stellen streichen. Für 2300 Jobs gibt es bereits Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern, wie Personalvorstand Oliver Burkhard sagte. Bis der Konzernumbau zu besseren Geschäftszahlen führe, werde es „zwei bis drei Jahre“ dauern, sagte Merz. Zunächst würden die Zahlen wegen der Sanierungskosten wohl noch schlechter. Die einstige Industrieikone Thyssenkrupp war in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum kranken Konzern von der Ruhr geworden. Nach in den Sand gesetzten Milliardeninvestitionen in Amerika, einer Serie von Kartellstrafen, dem Absturz an der Börse und dem Rauswurf aus dem Dax stehe der Konzern mit dem Rücken zur Wand, rügten Aktionärsvertreter. Von einem „Lehrstück über Managementversagen“ und „Führungschaos“ in der Chefetage war die Rede. Der einstige „Leuchtturm der deutschen Wirtschaft“ gleiche jetzt „einer Baugrube, die unter Wasser steht“. Thyssenkrupp hat in den vergangenen zwei Jahren einen rekordverdächtigen Wechsel an der Unternehmensspitze erlebt. Im Januar 2018 hieß der Vorstandsvorsitzende noch Heinrich Hiesinger und verbreitete bei der Hauptversammlung Zuversicht. Ein Jahr später stand Guido Kerkhoff vor den Aktionären. Die Lage war nicht besser geworden, der Optimismus geblieben. Weitere zwölf Monate später heißt die Vorstandsvorsitzende Martina Merz. Sie sagte am Freitag: „Wenn wir uns in einem Jahr wiedersehen, dann werden wir das Schiff in ruhigere Gewässer gebracht und Fahrt aufgenommen haben.“ Dann möglicherweise mit der vierten Vorstandschefin oder dem vierten Chef in drei Jahren. Denn Merz will im Herbst nach einem Jahr als Interimschefin in den Aufsichtsrat zurückkehren und dort wieder den Vorsitz übernehmen. Den Aktionären stießen die hohen Kosten des ständigen Managerwechsels sauer auf. Es sei angesichts der angekündigten Massenentlastungen „einfach nicht tolerierbar“, dass Kerkhoff nach nur einem Jahr als Vorstandschef mit einer Abfindung von 6,1 Millionen gehen konnte, sagte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka Investment. Dass Merz ebenfalls Millionen Euro für nur ein Jahr als Vorstandschefin winkten, kritisierte Hendrik Schmidt vom Vermögensverwalter DWS. Die Entlohnung für Merz sei „fair“, wies Aufsichtratschef Siegfried Russwurm Kritik zurück. Sie habe in einer sehr schwierigen Situation Verantwortung übernommen. Insgesamt kam Merz bei dem Scherbengericht, dass die Aktionäre über das frühere Management abhielten, aber glimpflich davon. Für Forderungen, die Ingenieurin solle länger als Vorstandschefin an Bord bleiben gab es Beifall. Merz setzt bei ihren Sanierungsbemühungen auf den Börsengang oder Verkauf der profitablen Aufzugssparte von Thyssenkrupp. Das Geld sei notwendig, um Thyssenkrupp wieder manövrierfähig zu machen. Die vorliegenden Angebote zeigten, dass Investoren den Wert der Aufzugssparte auf mehr als 15 Milliarden Euro taxierten, sagte sie. Das ist das Doppelte des aktuellen Börsenwerts des gesamten Konzerns. Die Aufzugssparte sei damit der „letzte Rettungsanker“ für den Konzern, warnte ein Aktionärsvertreter. Die Vorstandschefin ließ nicht erkennen, wohin die Reise für die rund 53 000 Mitarbeiter der Aufzugssparte gehen soll. Jede Option bringe Thyssenkrupp Kapital in Milliardenhöhe und ermögliche einen „echten Neustart“. Das Geld will der Konzern zum Schuldenabbau und für Investitionen einsetzen. Mehr Geld soll die Stahlsparte erhalten, die damit entgegen der früheren Planungen wieder zum Kerngeschäft des Revierkonzerns wird.

DPA