Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (DPA)

Zum 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September in den USA hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg angesichts der „dramatischen Entwicklungen“ in Afghanistan eine Untersuchung zum internationalen Militäreinsatz in dem Land angekündigt. Dennoch seien Auslandseinsätze zwar „grundsätzlich das letzte Mittel, manchmal aber doch die einzig vernünftige Antwort“, schrieb Stoltenberg in der „Welt am Sonntag“.

„Afghanistan wird nicht die letzte Krise sein, in der Nordamerika und Europa gemeinsam, mithilfe der Nato, handeln müssen“, schrieb Stoltenberg. „Es wird immer jemanden geben, der uns schaden will.“

Schwächung Al-Kaidas sei gelungen

Der Kampfeinsatz in Afghanistan sei „ein langer und schwieriger Einsatz gewesen, der mit vielen Opfern und hohen Kosten verbunden war“, schrieb Stoltenberg. Zugleich sei es gelungen, das Terrornetzwerk Al-Kaida, das die Anschläge am 11. September 2001 in den USA mit fast 3000 Toten verübt hatte, „erheblich zu schwächen und zu verhindern, dass Afghanistan als Ausgangsbasis für Terroristen dient, die uns dann angreifen“.

Die rasche Rückeroberung Afghanistans durch die Taliban, die Al-Kaida in dem Land Unterschlupf gewährt hatten, nannte Stoltenberg „tragisch für die Afghanen und erschütternd für alle, die sie unterstützen“. Es stellten sich „viele schwierige Fragen bezüglich unseres Engagements“. Innerhalb der Nato sei deshalb „eine umfassende Untersuchung“ eingeleitet worden, aus deren Ergebnis Lehren gezogen werden müssten.

Högl forderte Zielüberprüfung laufender Einsätze

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, warnte vor der Schlussfolgerung, jedes militärische Engagement sei von vornherein zum Scheitern verurteilt. Künftig sei eine „gewisse Bescheidenheit“ angebracht und die Ziele solcher Einsätze müssten kompatibel sein mit den Ressourcen und dem Zeitaufwand, den man aufzubringen bereit sei, sagte Ischinger dem Sender Phoenix.

Das Scheitern der 20 Jahre dauernden internationalen Militärmission in Afghanistan hatte zuletzt zu Rufen nach einer Überprüfung der Auslandseinsätze der Bundeswehr geführt. Die Wehrbeauftragte des deutschen Bundestags, Eva Högl (SPD), fordert als Konsequenz, die Ziele laufender Auslandseinsätze wie dem in Mali zu hinterfragen. Kurz vor der Machtübernahme der Taliban Anfang August hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bereits gefordert, Lehren für künftige Auslandseinsätze der Bundeswehr zu ziehen.

Hayden: Erstürmung des Kapitols hat Prioritäten verschoben

Deutliche Kritik an dem Ende Abzug aus Afghanistan übte derweil der ehemalige Chef des US-Geheimdienstes NSA, Michael Hayden. „Ich wäre geblieben“, sagte Hayden dem ZDF. Er hätte US-Präsident Joe Biden von dem Abzug abgeraten. „Ich hätte dem Präsidenten gesagt: (...) Verschieben Sie den Abzug um ein, zwei Jahre.“ Dieser mache sich jedoch etwa mit Blick auf die Erstürmung des US-Kapitols im Januar unter anderem durch Rechtsextremisten weniger Sorgen um Al-Kaida oder China, sondern „um das, was in Amerika geschieht“, betonte Hayden, der lange auch CIA-Chef war.

DPA