Die Türkei wird im Nordwesten Syriens einen Kurswechsel vornehmen, sollten die Vereinbarungen über die Oppositionsbastion Idlib weiterhin verletzt werden. Das hat der Verteidigungsminister Hulusi Akar in einem am Sonntag veröffentlichten Interview erklärt.

„Wenn das Abkommen weiterhin verletzt wird, haben wir Plan B und Plan C“, sagte der türkische Verteidigungsminister in einem Interview mit der Zeitung Hürriyet.

Wenn die Regimetruppen nicht bis Ende Februar abziehen, werden wir Maßnahmen ergreifen“, warnte er. Akar nannte zwar keine Einzelheiten, verwies aber auf frühere Militärkampagnen Ankaras in Syrien seit 2016.

Regime bricht Waffenstillstandsabkommen

Die Türkei und Russland hatten 2018 einen Waffenstillstand für Idlib ausgehandelt. Das Abkommen stoppte die Offensive des syrischen Regimes zur Rückeroberung Idlibs von oppositionellen Gruppen.

Als Teil der Vereinbarung richtete die Türkei zwölf Beobachtungsposten in Idlib ein. Türkische Sicherheitsquellen erklärten inzwischen, dass drei der Posten von Truppen eingekreist worden seien, die dem Regimeführer Baschar al-Assad treu ergeben seien.

Vergangene Woche hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Damaskus bis Ende des Monats ein Ultimatum zum Rückzug von den Außenposten gegeben. Er forderte Moskau auf, dafür zu sorgen, dass das Regime seine Offensive einstellt. Sollte al-Assad seine Truppen nicht abziehen, werde die Türkei selbst dafür Sorge tragen, dass der Abzug erfolgt.

Seit Freitag verlegt die Türkei große Fahrzeugkonvois mit Kommandoeinheiten, Panzern und Haubitzen zur Verstärkung ihrer Militärposten nach Idlib.

Trotz Regime-Angriffe: Türkische Armee zieht sich nicht zurück

Bereits am Montag vergangener Woche waren acht türkische Soldaten durch Artilleriebeschuss ums Leben gekommen. Das löste eine militärische Reaktion der türkischen Armee aus. Als Vergeltungsmaßnahme, sagte Ankara, seien mehr als 50 Regimeposten unter Beschuss genommen worden. Dabei wurden nach türkischen Regierungsangaben mehr als 70 Soldaten des Regimes getötet.

„Unsere Beobachtungsposten dort werden im Rahmen des Abkommens bestehen bleiben“, unterstrich Verteidigungsminister Akar die Entschlossenheit der Türkei in Hinblick auf die Angriffe der Regime-treuen Kräfte. Die Türkei werde weiterhin in Abstimmung mit den russischen Behörden ihre Außenposten versorgen, fügte er hinzu und schloss mit den Worten:

„Sollte es dennoch ein Hindernis geben, so stellen wir klar, dass wir das Notwendige tun werden.“

Idlib gilt seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 als Zentrum der Opposition und als Zufluchtsort für Flüchtlinge, die aus ganz Syrien vor den Angriffen der Assad-Kräfte fliehen.

Die Türkei, die bereits über 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, warnt, dass ihre Kapazitäten zur Aufnahme neuer Flüchtlingswellen nicht mehr ausreichen.

Diplomatische Gespräche zwischen Türkei und Russland

Eine diplomatische Delegation Russlands hatte sich am Samstag mit türkischen Beamten zu zwei Gesprächsrunden in Ankara getroffen, um Schritte in Richtung Frieden zu diskutieren und einen politischen Prozess in Idlib voranzutreiben.

Ankara und Moskau haben in den letzten Jahren eng zusammengearbeitet, um die Situation in Idlib zu lösen, obwohl sie sich auf gegnerischen Seiten des Konflikts befinden. Russland ist der wichtigste Förderer und militärische Unterstützer des syrischen Diktators.

„Unser Hauptziel ist es, Migration und eine humanitäre Tragödie zu verhindern. Wir arbeiten daran, so schnell wie möglich einen Waffenstillstand zu erreichen und das Blutvergießen zu stoppen“, merkte der türkische Verteidigungsminister in Hinblick auf die Konsultationen an.

Regime will Einnahme von strategischen Landverbindungen

Am Sonntag versuchten die Regimetruppen, die wichtige M5-Autobahn, die die Hauptstadt Damaskus mit der zweitgrößten Stadt des Landes Aleppo verbindet, nach wochenlangen Kämpfen einzunehmen.

Die Autobahn ist seit langem im Visier des syrischen Regimes, das nach fast neun Jahren Krieg versucht, seine marode Wirtschaft wiederzubeleben. Damit das gelingt, muss Damaskus unter anderem die logistische Verbindung mit Aleppo wiederherstellen. Schafft Damaskus, die M5-Autobahn zu kontrollieren, dann kann auch der Verkehr zwischen dem Norden und Süden wieder fließen und den Wiederaufbau des Landes anstoßen. Dieser Schritt würde zudem der Legitimität des Regimes neuen Aufwind verleihen. Aleppo war vor dem Krieg das wirtschaftliche Zentrum Syriens gewesen.

Momentan sei nur noch ein zwei Kilometer langer Abschnitt der M5-Autobahn außerhalb der Kontrolle des Regimes, wie die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) meldete.

„Die Regimekräfte haben neues Terrain gewonnen und kontrollieren nun mehrere Dörfer in der Nähe der Autobahn“, erklärte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Massenvertreibungen

Seit Dezember führen die von Russland unterstützten Regimekräfte eine brutale Offensive auf Idlib durch. Diese führte zum Tod von mehr als 300 Zivilisten. Etwa 586 000 Menschen wurden in die Nähe der türkischen Grenze vertrieben.

Seit 2011 hat der Konflikt in Syrien laut den Vereinten Nationen mehr als 400 000 Menschen, vor allem Zivilisten, das Leben gekostet. Millionen weitere wurden vertrieben.

TRT Deutsch