Aserbaidschanische Einsatzkräfte bei den Bergungsarbeiten bei einem der zerstörten Gebäuden in Gandscha.

Bei einem armenischen Raketenangriff auf die zweitgrößte aserbaidschanische Stadt Gandscha sind mindestens 13 Zivilisten getötet und mehr als 50 weitere verletzt worden. Außerdem wurden mehrere Häuserreihen in einem Wohnviertel der 300.000 Einwohner zählenden Stadt seit Freitagabend zerstört, wie aserbaidschanische Behörden übereinstimmend am Samstagmorgen mitteilten. Die Stadt Gandscha liegt etwa 60 Kilometer von der Frontlinie Berg-Karabachs entfernt.

Die Raketenschläge trafen demnach verkehrsreiche Gebiete in und um das Stadtzentrum von Gandscha. Mindestens 20 Gebäude seien bei den Raketenangriffen Armeniens zerstört worden, sagte Aserbaidschans Präsidentenassistent Hikmet Hajiyev in einem Tweet am Freitagabend. Die Leichen seien etwa unter Trümmern zerstörter Häuser gefunden worden, darunter auch Kinder. Auch andere Teile der Stadt seien angegriffen worden.

Laut aserbaidschanischen Angaben verfehlten die armenischen Raketen nur knapp eine Schule und ein Wasserkraftwerk in Mingacevir. Eine weitere Rakete habe auf eine mehrstöckige Wohnanlage gezielt, die vollständig zerstört worden sei.

Such- und Rettungsteams setzten demnach ihre Arbeit während der Nacht fort. Auch Freiwillige unter der Bevölkerung seien vor Ort gewesen, schrieb Hajiyev auf Twitter.

Türkei: Regierung und Opposition sprechen von Kriegsverbrechen

Der türkische Präsidentensprecher İbrahim Kalın verurteilte die „wahllosen“ Angriffe Armeniens auf aserbaidschanische Wohngebiete.

„Armenien begeht auch unter einem erklärten Waffenstillstand weiterhin Kriegsverbrechen. Wie schon in Chodschali werden wahllos Frauen, Kinder, ältere Menschen (...) getötet. Armenien wird für diese unrechtmäßigen Handlungen und Morde bezahlen. Die Türkei steht Aserbaidschan bis zum Ende bei“, sagte Kalın in einem Tweet.

In einer separaten Erklärung kritisierte der türkische Vizepräsident Fuat Oktay das Schweigen der internationalen Organisationen und anderer Länder angesichts der anhaltenden Angriffe Armeniens auf aserbaidschanische Wohngebiete.

Oktay sprach von „Kriegsverbrechen“ und „Staatsterror“. Der „Besatzerstaat Armenien“ habe wahllos unschuldige Zivilisten ins Visier genommen und erneut „sein schmutziges Gesicht gezeigt“. Er fügte hinzu: „Kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird ungestraft bleiben“

Auch die türkische Opposition verurteilte die armenischen Angriffe auf Zivilisten. Der wichtigste Oppositionsführer der Türkei, Kemal Kılıçdaroğlu von der Republikanischen Volkspartei (CHP), sprach ebenfalls von „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Er sprach dem „aserbaidschanischen Brudervolk“ sein Beileid aus und betonte, „Aserbaidschan bei der „gerechten Sache“ zur Seite zu stehen.

UN verurteilt Angriffe: „ Zivilbevölkerung muss geschützt werden“

Auch die Vereinten Nationen haben den armenischen Angriff auf die Zivilbevölkerung in Aserbaidschan verurteilt. Der Sprecher von Guterres, Farhan Haq, sagte am Samstag gegenüber der Nachrichtenagentur Anadolu: „Wir bekräftigen unsere scharfe Verurteilung aller Angriffe auf jegliche von Zivilisten bewohnte Gebiete“.

Haq fügte hinzu: „Die Parteien sollten die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur nach dem Völkerrecht schützen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres ist nach wie vor sehr tief besorgt über die anhaltenden Kampfhandlungen und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung“.

Armenien besetzt seit fast drei Jahrzehnten etwa 20 Prozent des aserbaidschanischen Territoriums und ignoriert bisher alle internationalen Aufrufe und UN-Resolutionen, die illegale Besetzung zu beenden. Am 27. September brachen erneut Kampfhandlungen zwischen den beiden Ländern aus. Mehrere Staaten, darunter Russland, Frankreich und die USA, drängen auf einen neuen Waffenstillstand. Die Türkei fordert ein Ende der armenischen Angriffe und der Besetzung von armenischem Territorium.

TRT Deutsch