Archivbild. 06.06.2021, Bayern, Haar: Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, segnet im Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Konrad die Gemeinde. (DPA)

Der Kriminologe Christian Pfeiffer vermisst in der Diskussion um das abgelehnte Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx eine kritische Auseinandersetzung mit dessen Rolle im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. „Er verschweigt, dass er die Transparenz mit Füßen getreten hat, dass er der Vorkämpfer der Intransparenz war“, sagte Pfeiffer im Interview der Deutschen Presse-Agentur.
Pfeiffer hatte 2011 mit der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vereinbart, eine große Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche durchzuführen. 2012 endete die Zusammenarbeit - laut Pfeiffer, weil die DBK die Datenbasis für die Studie selbst erheben und den Wissenschaftlern den Zugang dazu verweigern wollte. Pfeiffer spricht heute noch von Zensur, und wirft Marx vor, seinen Einfluss geltend gemacht zu haben, um die Zusammenarbeit zu verhindern. Die DBK spricht dagegen von Datenschutz und davon, dass das „Vertrauensverhältnis“ zu Pfeiffer „zutiefst erschüttert“ gewesen sei.
Wenn Marx nach seinem Rücktrittsgesuch heute als Reformer und Kämpfer für Transparenz auftrete, wundere ihn das, schreibt Pfeiffer in einem Artikel für die Deutsche Richterzeitung, der am Montag erscheinen soll. Denn seiner Ansicht nach habe der umstrittene Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki mit der Veröffentlichung seiner Studie mehr zu tatsächlicher Transparenz beigetragen als Marx, für dessen eigenes Münchner Bistum ein Gutachten erst im Laufe dieses Jahres erwartet wird. Es gebe aus seiner Sicht allerdings tatsächlich „Signale, dass er anderen Sinnes werden will“, sagte Pfeiffer der dpa. „Vielleicht hat sich hier einer vom Saulus zum Paulus gewandelt.“
Marx hatte wegen des Missbrauchsskandals in der Kirche auf sein Amt verzichten wollen, Papst Franziskus lehnte seinen Rücktritt aber postwendend ab.
Jetzt komme es auf Taten an, sagte Pfeiffer - und darauf, ob Marx die angekündigte Studie, die auch herausarbeiten soll, ob Missbrauchstäter womöglich geschützt wurden, tatsächlich veröffentlicht wird. „Daran muss man ihn jetzt messen: Kriegen wir Transparenz hin in München und Freising?“

DPA