Es ist ein viel beachteter Startschuss: Die bundesweit größte Islam-Organisation DITIB bildet nach anhaltender Kritik jetzt erstmals einen Teil ihrer Imame in Deutschland aus. Die Türkisch-Islamische Union hat dafür im Eifel-Ort Dahlem ein neues Zentrum errichtet. Es handele sich um einen „Neuanfang“ mit zunächst 22 Teilnehmern, es sollen aber in einen dynamischen Prozess deutlich mehr werden, sagte der DITIB-Bundesvorsitzende Kazım Türkmen zur Eröffnung. Er sprach von einer „historischen Entwicklung nicht nur für DITIB, sondern auch für Deutschland“. Der Verband hat bundesweit gut 1000 Moscheegemeinden. Bund und Länder fordern schon länger eine Loslösung von der Türkei. Die Imame der DITIB werden bislang aus der Türkei entsandt und allesamt von der Religionsbehörde Diyanet in Ankara bezahlt. Von den 1100 hierzulande tätigen Religionsbeauftragten sind laut DITIB gut 110 deutschsprachig. Nun sollen die Imame „made in Germany“ hinzukommen. Vor einem Jahr hatte der Verband Reformen versprochen. Jetzt also die neue Ausbildung - und der Bund reichte dazu am Donnerstag die ausgestreckte Hand. Staatssekretär Dr. Marcus Kerber vom Bundesministerium des Inneren für Bau und Heimat begrüßte in seiner Grußrede diesen Schritt der DITIB ausdrücklich: „Dieser Tag ist ein wichtiger Tag: Der größte Dachverband islamischer Gemeinden in Deutschland beginnt mit der praktischen Ausbildung religiösen Personals – von Imamen, Predigern und Predigerinnen, Gemeindepädagoginnen und -pädagogen – in Deutschland und auf Deutsch.“ Kerber lobte:

„Damit wird eine Alternative zur Entsendung der Imame aus der Türkei geschaffen.“

Weiterhin stellte Herr Dr. Kerber klar: „Die Ausbildung und der Einsatz von religiösem Personal ist eine Angelegenheit der Religionsgemeinschaften. Dieser Grundsatz ergibt sich aus dem deutschen Grundgesetz. […] In der Presse war seither einiges darüber zu lesen, unter anderem, dass sich der Staat mit seiner möglichen Unterstützung der Osnabrücker Initiative gegen die großen Dachverbände, unter anderem gegen DITIB, richte. Ich will hier und heute als Vertreter der Bundesregierung sagen: Das ist nicht so!“

Offen bleibe zunächst: Wo werden die Imame eingesetzt, werden sie zumindest mittelfristig von den Gemeinden in Deutschland selbst bezahlt - und nicht von Diyanet?

Wie sieht das neue Konzept aus? Erstellt hat es allein die DITIB-Akademie, wie deren Leiterin Şeyda Can schilderte. Vor allem praxisorientiert soll es zugehen, also viel Einsatz in einer Moscheegemeinde. In Dahlem absolvieren die zwölf Frauen und zehn Männer ihre Theoriewochen, „überwiegend“ auf Deutsch, sagte Can. Es gebe auch externe Referenten und Dozenten deutscher Hochschulen. Auf dem Programm stehen islamisches Recht, der Koran, deutsches Religionsverfassungsrecht, Redekunst und auch gesellschaftliche Themen wie antimuslimische Ressentiments - alles, was auf die Rolle des Vorbeters, Seelsorgers und Gemeindepädagogen vorbereitet. Die Ausbildung zahlt DITIB. Man sei auch offen für Absolventen der Islamischen Theologie aus deutschen Hochschulen, hieß es. Dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide zufolge braucht es dringend Imame, die mit der Lebenswelt der Menschen in Deutschland vertraut seien. Sie sollten den Muslimen Antworten geben können, die ihnen „sowohl das Muslim-Sein als auch die Identifikation mit der deutschen Gesellschaft als Heimat ermöglichen“. Und er mahnte: Der Islam müsse passend zur pluralen Gesellschaft hierzulande - etwa mit dem Recht auf religiöse Selbstbestimmung sowie der Gleichheit zwischen Mann und Frau - ausgelegt werden.

Und um diese Pluralität gehe es auch DITIB. Kazım Türkmen, Vorstandsvorsitzender des DITIB-Bundesverbands, erläuterte in seiner Eröffnungsrede den Bedarf an deutschen Imamen made in Germany:

„Neue Zeiten erfordern neue Lösungen für neue Bedürfnisse, die mit Althergebrachtem nicht mehr zu bewerkstelligen sind. Sie sehen auch unterschiedliche Schwerpunkte und Ausrichtungen entsprechend der Pluralität im Islam.“

Von bisher rund 2500 Imamen in Deutschland kommen rund 90 Prozent aus dem Ausland. Bundesweit wird die Zahl der Muslime auf rund fünf Millionen geschätzt, davon leben 1,5 Millionen in Nordrhein-Westfalen. Dort hat die DITIB seit Sommer 2019 wieder über eine „Koordinierungsstelle Muslimisches Engagement“ Mitspracherecht. Und demnächst mischt sie womöglich wieder beim Islamischen Religionsunterricht an NRW-Schulen mit - die Gespräche laufen.

DPA