Durch den rasanten Anstieg der Coronavirus-Infektionen in Deutschland stößt die medizinische Versorgung an ihre Grenzen. Bereits vor der Epidemie war die Rede von einem Pflegenotstand. Darüber hinaus könnten die Kapazitäten der Intensivmedizin schon sehr bald überlastet sein – trotz der eilig beschlossenen Hilfen in Milliardenhöhe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bereits kurz nach Ausbruch des Coronavirus in Deutschland unter Berufung auf Experten angenommen, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren werden. Laut Einschätzung des Chef-Virologen der Berliner Charité, Christian Drosten, könnten langfristig eine Viertelmillion Menschen am Coronavirus sterben. „Bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen wären zwei Drittel fast 56 Millionen Menschen, die sich infizieren müssten, um die Ausbreitung zu stoppen. Bei einer Mortalität von 0,5 Prozent wäre in dem Fall mit 278.000 Corona-Todesopfern zu rechnen", erklärte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Das sei aber Abhängig von verschiedenen Faktoren wie der Zeitkomponente. Derzeit liegt die Sterblichkeitsrate in Deutschland bei rund 0,4 Prozent. Sie kann sich aber laut Experten weiter steigern. Denn maßgeblich ist auch die Versorgungslage, die mit einem stetigen Anstieg der Infizierungen kritische Züge annehmen kann.

Aktuell steigt die Zahl der Coronavirus-Infizierungen in Deutschland weiterhin sprunghaft. So auch die Zahl der Patienten, die intensivmedizinische Versorgung benötigen. Krankenhäuser stoßen landesweit an ihre Grenzen. Bundesweit stehen laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes etwa 500.000 Krankenhausbetten zur Verfügung - darunter rund 28.000 Intensivbetten, die nun verdoppelt werden sollen. Hinzu kommen 20.000 Beatmungsgeräte. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, verriet in einem Interview für das „Handelsblatt“ in der vergangenen Woche, dass die Intensivbetten bereits zu 80 Prozent belegt seien. In Krisenzeiten werde es „zur 100-prozentigen Auslastung kommen“.

Die Kapazitäten können aber auch im Normalbetrieb nicht voll ausgeschöpft werden. Laut einer vom „Spiegel“ zitierten Umfrage mussten 2017 in 76 Intensivstationen immer wieder Betten aufgrund von Personalmangel gesperrt werden. Bereits vor der Corona-Krise gab es einen Pflegenotstand. Dieser macht sich nun drastischer bemerkbar. Neben intensivmedizinisch geschultem Personal fehlen auch normale Pflegekräfte. Zudem verlassen immer mehr Pflegefachkräfte aus osteuropäischen Ländern die Bundesrepublik aufgrund der Coronavirus-Ausbreitung. „Wir rechnen damit, dass ab Ostern 100.000 bis 200.000 Menschen schrittweise nicht mehr versorgt sind (…)", sagt der Geschäftsführer des Verbandes für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), Frederic Seebohm, gegenüber dem ARD-Magazin Report Mainz.

Auch die Zahl der Beatmungsgeräte könnte Fachleuten zufolge zum Problem werden. Die Bundesregierung hat zwar Hilfsgelder in Milliardenhöhe bereitgestellt und 10.000 weitere Geräte bestellt, diese müssen jedoch zunächst hergestellt und geliefert werden. Da es weltweit nur wenige Hersteller gibt und der Bedarf aktuell sehr hoch ist, sind Lieferengpässen vorprogrammiert. Das trifft auch auf sogenannte ECMO-Geräte und das entsprechende Zubehör zu, womit das Blut von Lungenkranken mit Sauerstoff angereichert wird.

Probleme gibt es auch in den Laboren, die Proben auf das Coronavirus untersuchen. Dort mangelt es an Kapazitäten und Material. Aktuell fehlen Pipettenspitzen und Extraktions-Kits, wie Jens Heidrich, Leiter eines privaten Hamburger Analyse-Labors, der „Tagesschau“ berichtet. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) meldet zudem unzureichende Schutzutensilien und Desinfektionsmittel in Arztpraxen.

Hinzu kommt der massive Preisanstieg bei wichtigen Medikamenten, der von Intensivmedizinern kritisiert wird. Gernot Marx von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin erklärt, große Sorge bereiteten neben der Knappheit an Verbrauchsmaterialien auch Engpässe und massive Preisanstiege um teils das Zwanzigfache bei wichtigen Narkosemitteln. Beispielsweise stehe Propofol nicht mehr ausreichend zur Verfügung. Bereits vor dem Virusausbruch sei es zu Lieferengpässen gekommen, kritisiert Marx. Innerhalb weniger Tage habe sich der Preis pro Ampulle von einem auf mehr als 20 Euro erhöht: „Das bedeutet: Narkosen von Notfallpatienten könnten gefährdet und die Möglichkeit, Kranke auf der Intensivstation zur Beatmung in ,künstlichen Schlaf´zu versetzen, bald stark eingeschränkt sein.“

TRT Deutsch