Symbolbild

Anglizismen in unserer Alltagssprache

Jährlich wird unter Leitung des Langenscheidt-Verlags das Jugendwort des Jahres gekürt. Inwiefern Jugendliche diese Wörter auch tatsächlich in ihrem Alltag verwenden, wurde zwar immer wieder in Zweifel gezogen, doch fällt auf, dass viele dieser Wörter Fremd- oder Lehnwörter aus anderen Sprachen sind. Überwiegend handelt es sich um englische Begriffe, wie das diesjährige Siegerwort „Lost“ (englisch: verloren/ahnungslos). Aber auch andere Sprachen halten Einzug in die Jugendsprache. „Yalla“ (Arabisch: Los! Auf geht´s!) landete 2012 auf dem 3. Platz, zwei Jahre später schaffte es „Hayvan“ (Arabisch/Türkisch: Tier) auf den 3. Platz und dieses Jahr war „Mashallah“ (Arabisch: Ausdruck für Lob) unter den Top 10.

Vertreter der älteren Generation, die über die immer zahlreicher werdenden Anglizismen in unserer Sprache schimpfen und Vertreter der jungen Generation kaum mehr verstehen, wenn diese sich einen Kaffee to go holen, nach Wifi für ihr Handy fragen, um im Internet zu surfen und up to date zu sein und am Abend mit Freunden einfach chillen und Fun haben wollen, sollten sich bewusst sein, dass unser Deutsch im Laufe der Geschichte dauernd von anderen Kulturen und Sprachen beeinflusst wurde.

Die Römer bringen uns das Latein

Unser heutiges Deutsch – Neuhochdeutsch – gehört zur indogermanischen Sprachfamilie und ist Ergebnis einer langen kulturellen Entwicklung. Erst etwa seit dem 6. Jahrhundert kann man von Hochdeutsch sprechen. Das Neuhochdeutsche entwickelte sich vom Althochdeutschen über das Mittelhochdeutsche. Aus der indogermanischen Sprachfamilie wiederum entwickelten sich weitere Sprachen von Westeuropa bis Indien. So zählt beispielsweise die persische Sprache zu dieser Sprachfamilie und ist daher in gewisser Weise mit dem Deutschen verwandt.

Im Laufe der Zeit gelangten zunächst zahlreiche griechische und lateinische Begriffe in den deutschen Wortschatz. Als nämlich die Römer durch ihre territoriale Ausbreitung die Germanen überrumpelten, brachten sie lateinische Wörter mit, für welche die vergleichsweise weniger entwickelten Germanen noch keine Begriffe hatten. Später kam dem Lateinischen insbesondere im Bereich der Dichtung und Religion besondere Bedeutung bei. So wurden im christianisierten Europa die Gottesdienste auf Latein gehalten, wodurch weitere lateinische Begriffe Einzug in die deutsche Sprache hielten.

Die Neuzeit: Französische Einflussnahme in Europa

In der Barockzeit dann, die durch den Dreißigjährigen Krieg (1616 bis 1648) gekennzeichnet ist, entwickelte sich eine starke französische Dominanz in Europa. Französische Sitten und Bräuche, Kultur, Mode und Literatur eroberten insbesondere die Herzen deutscher Adeliger und brachten französische Ausdrücke in den deutschen Wortschatz ein. Der französische Einfluss erreichte sogar die Osmanen und prägte Bauten in dieser Epoche. So weist beispielsweise die Nuruosmaniye-Moschee in Istanbul starke Barockelemente im Dekor auf. Später nannte man diese Epoche im Osmanischen Reich „Tulpenzeit“ (Lâle Devri).

Einzug der Arabismen in die deutsche Sprache

In der Neuzeit wirkte noch eine weitere Kultur beziehungsweise Sprache auf die deutsche Sprache ein: Insbesondere im Bereich von Wissenschaften wie Mathematik, Astronomie, Chemie (aus dem Arabischen: al-kimiya) und Medizin wurden zahlreiche arabische Wörter entlehnt. Zu jener Zeit waren die arabische Wissenschaft und die arabische Kultur denen der Europäer weit voraus. Griechische Werke wurden ins Arabische übersetzt und dienten den Arabern teilweise als Grundlage für die Weiterentwicklung und Vertiefung der Wissenschaften. Durch ausgeprägte Handelsbeziehungen mit Europa und die territoriale Ausbreitung der Araber gelangten über den Wissenstransfer auch arabische Wörter nach Europa, da die Europäer oftmals weder für die importierten Handelswaren noch für die Wissenschaftsbegriffe eigene Begriffe hatten. Im Falle der Arabismen in der deutschen Sprache handelt es sich allerdings um keine direkte Entlehnungen oder Übernahmen, denn zwischen der arabischen Welt und dem Gebiet des heutigen Deutschlands bestand kein direkter Kontakt. Daher wurden die Wörter meist über Vermittlersprachen wie das Französische, Italienische oder Spanische, welche die arabischen Wörter bereits in ihren Wortschatz aufgenommen hatten, in die deutsche Sprache übernommen und angeglichen. Die Entlehnungen gelangten größtenteils vom Mittelalter bis etwa zum 18. Jahrhundert in unsere Sprache.

Zu den wohl bekanntesten Arabismen zählen Alkohol, Algebra, Elixier und Zucker. Solchen Begriffen hört man meist ihren „Migrationshintergrund“ noch an. Aber auch an die deutsche Sprache stärker angepasste Wörter wie Karaffe, Admiral, Magazin, Matratze, Tarif oder Sofa wurden dem Arabischen entlehnt. Selbst bei der phonetisch assimilierten Mütze gibt es eine Theorie, derzufolge dieser Begriff aus dem Arabischen über das Lateinische (almucia) zu uns kam. Der arabische Germanist Nabil Osman listet in seinem „Kleinen Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft“ (Beck-Verlag, 1982) etwa 500 Arabismen im deutschen Wortschatz auf, zu denen er auch klar erkennbare Exotismen wie Harem oder Moschee zählt.

Germanismen im Exil

Zum Schluss sei noch angemerkt, dass das Deutsche als „Einwanderungssprache“ auch Auswanderer in die weite Welt entsandte. So wurden diverse sogenannte Germanismen in vielen Sprachen aufgenommen. 2006 suchten der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut mittels internationaler Ausschreibung nach solchen Germanismen. Um die 10.000 Wörter wurden eingesandt. Ergebnis: Der wohl bekannteste Germanismus im Englischen ist Kindergarten. Die Franzosen verwenden Begriffe wie le Weltanschauung und sagen le vasistdas für ein Guckloch in der Tür. Im Niederländischen wiederum kennt man das Fingerspitzengefühl, und die Finnen haben den Besserwisser. Jutta Limbach hat in ihrem Buch „Ausgewanderte Wörter“ (Hueber-Verlag, 2007) einige dieser Beiträge ausgewählt und aufgelistet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sprachen schon immer in der Menschheitsgeschichte von anderen Kulturen und Sprachen beeinflusst wurden. Nur durch diesen Austausch bleibt eine Sprache lebendig. Daher haben wir neben einigen „Auswanderern“ auch viele „Migranten“ in unserer deutschen Sprache und von Letzteren auch einen großen Anteil arabischer Einwanderer. Was deutsch klingt, muss also nicht immer alles deutsch sein.

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