Der Gewinner des Abends wirkte schon während der Preisverleihung beschwipst. Als Lewis Capaldi bei den 40. Brit Awards am Dienstag den Preis als Bester Nachwuchskünstler erhielt, brachte er sein Bier mit auf die Bühne und stammelte: „Wir sehen uns später.“ Als der Sänger auch noch für die Single des Jahres („Someone You Loved“) ausgezeichnet wurde, verblüffte er das Publikum in London mit einer merkwürdigen Danksagung. Der Song sei nicht seiner Ex-Freundin gewidmet, stellte Capaldi klar, sondern seiner verstorbenen Oma. „Danke an meine Großmutter dafür, dass sie gestorben ist.“ Andere Stars wählten ihre Worte besser. „Um hier der beste Mann zu sein, habe ich die unglaublichsten Frauen in meinem Team“, sagte der Londoner Rapper Stormzy („Own It“), der erneut als Bester Britischer Solokünstler geehrt wurde. „Ohne diese unglaublichen Frauen ist der beste Mann gar nichts.“ Damit spielte der 26-Jährige auch auf die Kritik an, dass bei den „Brits“ in diesem Jahr nur wenige weibliche Künstlerinnen nominiert waren. Die Newcomerin Mabel („Don't Call Me Up“) wurde als Beste Britische Solokünstlerin geehrt und trat damit in die Fußstapfen ihrer Mutter Neneh Cherry, die vor 30 Jahren zwei Brit Awards gewonnen hatte und nun im Publikum feierte. Die Sängerin Celeste erhielt den Rising Star Award, einen Preis für Künstler und Künstlerinnen, denen eine große Zukunft vorausgesagt wird. In früheren Jahren waren unter anderem Adele, Sam Smith und Rag'n'Bone Man zum Rising Star gekürt worden. Star des Abends war allerdings die US-Sängerin Billie Eilish („Bad Guy“), die den Preis als Beste Internationale Künstlerin bekam. „Die einzige Teenagerin der Welt, die Greta Thunberg faul aussehen lässt“, scherzte Moderator Jack Whitehall. Jedes Mal, wenn er den Namen der 18 Jahre alten Sängerin erwähnte, kreischten ihre Fans. Einige hatten ihre Haare ähnlich wie die fünffache Grammy-Gewinnerin gefärbt. „Ich habe mich in letzter Zeit sehr gehasst gefühlt“, sagte Eilish, die zuvor in einem BBC-Interview von Cyber-Mobbing berichtet hatte, mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen. „Aber als ich auf der Bühne stand und gesehen habe, wie ihr mich angelächelt habt, da wollte ich weinen. Und jetzt möchte ich auch weinen.“ Der begehrte Preis für das Album des Jahres ging an den Londoner Rapper Dave für sein Debüt „Psychodrama“. Der 21-Jährige sorgte mit seinem politischen Song „Black“ für Aufsehen, in dem er den britischen Premierminister Boris Johnson attackierte. „Die Wahrheit ist, unser Premierminister ist ein echter Rassist“, rappte er. Er erinnerte an die Opfer der Grenfell-Katastrophe, eines tödlichen Hochhausbrandes im London, und kritisierte die Verhältnisse in britischen Gefängnissen. Auch Johnsons Vorgängerin, die frühere Premierministerin Theresa May, bekam Häme ab. „Ich weiß, dass sie jetzt stinksauer zuhause sitzt“, sagte der US-Rapper Tyler The Creator, der als Bester Internationaler Solokünstler ausgezeichnet wurde. „Danke, Theresa May!“ May hatte in ihrer Amtszeit als Innenministerin ein fünfjähriges Einreiseverbot für den Musiker ausgesprochen, das im vergangenen Jahr endete. Die Brit Awards werden seit 1977 verliehen. Zum Jubiläum reduzierten die Organisatoren die Kategorien, um die Show dynamischer zu machen und mehr Platz für Live-Musik zu schaffen. Mit Erfolg. Neben diversen Preisträgern sorgten der frühere One-Direction-Sänger Harry Styles („Adore You“) sowie die US-Rapperin Lizzo („Good As Hell“) für Stimmung in der Halle, die nicht ganz voll war. Rod Stewart musizierte mit seinen ehemaligen Bandkollegen Ronnie Wood und Kenney Jones von The Faces („Stay With Me“). Gitarrist Wood, hauptberuflich bei den Rolling Stones, kam zur Show ganz unprätentiös mit der U-Bahn und postete ein Video aus der „Jubilee Line“.

DPA