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Die Vorzüge des Fastens

Das Fasten ist eine besondere Form der Selbsterziehung. Gott gebietet den Menschen im Koran, zu fasten, um Gottesfurcht zu erlangen. Dass das Fasten gewisse Änderungen der spirituellen Sensibilität mit sich bringt, zeigen nicht nur Erfahrungsberichte, sondern wurde auch klinisch nachgewiesen. Ein deutscher Wissenschaftler, der sich unter anderem mit den neuronalen Vorgängen beim Fasten beschäftigt hat, ist Gerald Hüther. In Laborexperimenten konnte gezeigt werden, dass sich das Fasten positiv auf das serotonerge System im Gehirn auswirkt, welches die Stimmung und das Wohlbefinden eines Menschen reguliert. So kann Fasten mit Stimmungsaufhellern verglichen werden.

Der berühmte Fastenarzt und Mitbegründer der deutschen Fastenakademie, Hellmut Lützner, beschreibt in seinem Bestseller „Wie neugeboren durch Fasten“ neben den medizinischen Vorzügen des Fastens auch die spirituellen Vorteile. Er betont, dass „die großen Religionsstifter Moses, Christus, Buddha und Mohammed […] in langen, freiwilligen Fastenzeiten zu den Grundordnungen des menschlichen Daseins gefunden [haben]. Sie waren eins mit sich, einzig auf ihre innere Stimme konzentriert und wurden dabei nicht durch Unterbrechungen wie die Nahrungsaufnahme abgelenkt. Daraus erwuchs schließlich die Erkenntnis, dass es dem Menschen nur in Phasen der inneren Einkehr möglich ist, sich selbst und Gott wirklich nahe zu sein.“

Dadurch, dass der Körper unter anderem nicht mit der Nahrungsaufnahme und der Verdauung abgelenkt wird, sind vermutlich spirituelle Erfahrungen während des Fastens stärker.

Wichtig dabei ist zu beachten, dass man sich beim Mahl des Fastenbrechens in Bescheidenheit übt. Nach prophetischem Vorbild sollte man seinen Magen mit einem Drittel Wasser und einem Drittel Nahrung füllen. Ein Drittel sollte frei gelassen werden. Außerdem sollte generell auf zu viel Fett und Zucker verzichtet werden.

Neben den körperlichen und spirituellen Dimensionen hat das Fasten für Muslime auch eine starke moralische Ebene. Denn besonders beim Fasten soll darauf geachtet werden, sich von Lastern zu befreien und schlechtem Verhalten wie Lügen, Lästern oder Zorn zu entsagen. Im schlimmsten Fall kann ein moralisch inkorrektes Verhalten den Lohn des Fastens zunichtemachen.

Iʿtikāf – sich für die Gottesverehrung zurückziehen

Den wohl mit Abstand größten Höhepunkt des Ramadan-Monats stellen die letzten 10 Tage dar. Wenn sich der Körper an das Fasten gewohnt hat und die Triebseele geschult ist, dann bestimmen Körper und Gelüste nicht mehr primär das, was wir machen. In diesem Augenblick ist die Seele frei und besonders spirituell empfänglich. Die letzten 10 Tage des Fastenmonats werden daher von vielen Muslimen besonders genutzt, um sich verstärkt mit Gottesdiensten wie der Koranlesung, dem Gottgedenken (Dhikr) und den Gebeten zu beschäftigen. Laut Überlieferung empfing der Prophet in einer dieser ungeraden letzten Nächte die erste Offenbarung des Korans. Die stärkste Meinung bezieht sich dabei auf die 27. Nacht, in welcher der Erzengel Gabriel mit der Botschaft zu dem Propheten in der Höhle Hira gesandt wurde. Dem prophetischen Vorbild gleich, ist es unter den Muslimen weltweit verbreitet, sich in den letzten 10 Tagen meist in Moscheen zurückzuziehen. Dieser Gottesdienst wird Iʿtikāf genannt, was bedeutet, sich voll und ganz Gott zu widmen.

Moscheen stellen oftmals Gläubigen, die sich in Iʿtikāf begeben wollen, Verpflegung zur Verfügung und eine kleine Schlafstätte.

In der Türkei werden jährlich um die 11.200 Moscheen, davon etwa 400 in Istanbul, für den Iʿtikāf vorbereitet. Pandemiebedingt war letztes Jahr der Iʿtikāf in den türkischen Moscheen nicht möglich, und Gläubige wurden ermutigt, sich für den Gottesdienst in ein Zimmer ihres Hauses zurückzuziehen. Dieses Jahr werden wieder Moscheen zur Verfügung gestellt, dabei sind alle Hygienemaßnahmen und Vorschriften zu beachten.

Besonders angestrebt wird der Iʿtikāf in den heiligen Stätten Mekka und Medina, doch pandemiebedingt ist dies auch in diesem Jahr noch nicht wieder möglich.

Bayram – das Fastenbrechenfest

Mit dem 1. Shavval, dem 10. Monat des islamischen Mondkalenders, ist der Ramadan beendet, und das sogenannte Fastenbrechenfest (ʿĪd al-Fiṭr) wird mit Freude begangen.

Gemäß dem Vorbild des Propheten werden an diesem Tag schöne, saubere Kleider angezogen. Das Fest beginnt mit einem Fest-Gebet in der Gemeinschaft. Muslime sind angehalten, zuvor eine Spende an Bedürftige zu geben, so dass diese sich ebenfalls durch Kleidung und Nahrung ein schönes Fest gestalten können.

In vielen muslimischen Kulturen werden zunächst verstorbene Angehörige auf den Friedhöfen besucht. Der Tag wird meist mit weiteren Besuchen von Verwandten und Freunden gestaltet. In der Türkei laufen die Kinder durch die Nachbarschaft, klingeln von Tür zu Tür, küssen den älteren Damen und Herren die Hände und bekommen dafür ein kleines Taschengeld oder Süßigkeiten.

Eine Nachbereitung des Ramadans – das Fasten im Monat Schawwal

Ein besonders lobenswerter Gottesdienst ist das 6-tägige Fasten im Monat Schawwal. Es vermittelt das Gefühl, dass der Ramadan dadurch gebührend ausklingt. So, wie die Monate Rajab und Schaban, die dem Ramadan vorausgehen, als Vorbereitung dienen, kann der Monat Schawwal als Nachbereitung gesehen werden. Für jedes größere Projekt sind die Phasen der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung unabdingbar. So kann das Fasten im Monat Schawwal dabei helfen, nicht wieder direkt aus der spirituellen Ebene in die materielle zu verfallen. Außerdem erinnert es einen an die guten Vorsätze, die man sich im Ramadan vorgenommen hat, so dass diese sich im Idealfall verfestigen können. Laut einem prophetischen Ausspruch ist derjenige, der den Ramadan und 6 Tage des Schawwal gefastet hat, so, als hätte er das ganze Jahr gefastet.