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Deutsch-israelische Beziehungen: Nähe im Staat, Distanz in der Gesellschaft
Während die deutsche Bundesregierung und deutsche Unternehmen ihre Beziehungen zu Israel weiter vertiefen, wird eine zentrale Frage immer dringlicher: Warum wird die deutsche Gesellschaft zunehmend kritischer?
Deutsch-israelische Beziehungen: Nähe im Staat, Distanz in der Gesellschaft
Foto: Elisa Schu/dpa
8. Januar 2026

Deutsche Industrie- und Technologiekonzerne, ebenso wie zahlreiche globale Unternehmen, setzen ihre Investitionen in Israel fort. Forschungs- und Entwicklungszentren, Unternehmensübernahmen, Kooperationen in der Rüstungsindustrie sowie finanzielle Engagements haben die deutsch-israelischen Beziehungen längst über den Rahmen einer symbolischen historischen Verantwortung hinausgeführt. Heute haben diese Beziehungen den Charakter einer konkreten und nachhaltigen wirtschaftlichen Partnerschaft angenommen, die auf gegenseitiger Abhängigkeit beruht.

Dieses Bild deckt sich jedoch immer weniger mit der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit. Während Regierungssprache und Unternehmensstrategien konsequent auf Nähe zu Israel setzen, entwickelt sich in der Gesellschaft eine deutlich distanziertere, kritischere und stärker konditionierte Haltung. Diese Entwicklung bleibt dabei nicht abstrakt, sondern zeigt sich sehr konkret an aktuellen unternehmerischen Entscheidungen.

Exemplarisch wird diese wachsende Diskrepanz am Fall des US-Technologiekonzerns Nvidia – und an der Entscheidung des deutschen Industriekonzerns Siemens, die Zusammenarbeit mit diesem Unternehmen weiter auszubauen. Nvidia kündigte milliardenschwere Investitionen in Israel an, darunter den Aufbau eines Standorts mit rund 10.000 Beschäftigten sowie eines der größten Rechenzentren der Region. Nvidia-CEO Jensen Huang hatte Israel bereits zuvor als das „zweite Zuhause“ seines Unternehmens bezeichnet – ein deutliches Signal für die strategische Bedeutung des Standorts aus Sicht des Konzerns.

Gerade vor diesem Hintergrund rückt nicht nur Nvidia selbst, sondern auch die Rolle deutscher Partner wie Siemens in den Fokus. Die vertiefte Partnerschaft zwischen beiden Unternehmen wirft Fragen auf, die über reine Technologie- und Innovationslogik hinausgehen. Offiziell zielt die Kooperation darauf ab, industrielle KI-Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu entwickeln – von Design und Simulation bis hin zu Produktion, Betrieb und Logistik. Nvidia liefert dafür die KI-Infrastruktur und Simulationsplattformen, Siemens bringt industrielle Expertise, Software- und Hardwarelösungen sowie spezialisierte Fachkräfte ein.

Doch gerade weil Nvidia seine Präsenz in Israel massiv ausweitet und parallel über die Übernahme des israelischen KI-Unternehmens AI21 Labs verhandelt, erhält diese Zusammenarbeit eine gesellschaftliche Dimension, die Siemens bislang kaum öffentlich adressiert. Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen technologische Innovation an sich, sondern gegen das Fehlen einer klaren Einordnung. Wenn ein deutscher Industriekonzern seine Zukunftsstrategie eng mit einem Partner verknüpft, der Israel explizit als strategischen Kernstandort definiert, stellt sich die Frage, wie sensibel solche Entscheidungen gegenüber der zunehmend kritischen Haltung in der deutschen Öffentlichkeit getroffen werden.

In einer Phase wachsender gesellschaftlicher Distanz wirkt das weitgehende Schweigen von Siemens zu den politischen und ethischen Implikationen dieser Partnerschaft besonders auffällig – und macht deutlich, wie sehr wirtschaftliche Dynamik und öffentliche Wahrnehmung inzwischen auseinanderdriften.

Wenn wirtschaftliche Zahlen die Beziehung definieren

Der heutige Stand der deutsch-israelischen Beziehungen lässt sich anhand wirtschaftlicher Kennzahlen klar nachvollziehen. Deutschland bleibt nach China und den USA der drittgrößte Lieferant Israels. Mit einem Marktanteil von rund sieben Prozent ist Deutschland weiterhin ein zentraler Handelspartner für die israelische Wirtschaft. Zwar gingen die deutschen Exporte im Jahr 2024 um 1,8 Prozent zurück, doch diese Entwicklung schwächte das Gesamtvolumen der bilateralen Beziehungen nicht wesentlich.

Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern hat inzwischen die Marke von acht Milliarden Euro überschritten. Damit haben sich die deutsch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen von symbolischer Unterstützung hin zu einer dauerhaften und tragfähigen Partnerschaft entwickelt. Diese Beziehung wird heute weniger durch politische Gesten als vielmehr durch wirtschaftliche Interessen, industrielle Wertschöpfungsketten und Technologietransfers geprägt.

Innerhalb dieser Handelsstruktur zeigen sich deutliche sektorale Unterschiede. Der Marktanteil Chinas in Israel ist in kurzer Zeit auf 14,7 Prozent gestiegen. Insbesondere bei Maschinen, Ausrüstungen, Textilien, Automobilen und Kunststoffprodukten haben chinesische Importe stark zugenommen. Der Trend zur Elektromobilität wirkt zusätzlich zugunsten chinesischer Hersteller. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass deutsche Maschinen und Anlagen besonders unter dem Rückgang von Investitionen litten. Gleichzeitig ist jedoch ein Anstieg der israelischen Importe chemischer Produkte aus Deutschland zu verzeichnen. Dies verdeutlicht, dass der deutsch-israelische Handel kein homogenes Gefüge darstellt, sondern stark nach Branchen differenziert ist.

All diese Daten zeigen, dass Deutschland seine Beziehungen zu Israel längst nicht mehr ausschließlich über politische Positionierung oder historische Verantwortung definiert, sondern zunehmend auf der Grundlage konkreter wirtschaftlicher Interessen gestaltet.

Staat und Unternehmen auf einer Linie – die Gesellschaft nicht

Aus staatlicher Perspektive erscheint diese wirtschaftliche Annäherung wenig überraschend. Deutschland betrachtet die Sicherheit Israels seit langem als einen zentralen Bestandteil seiner Außenpolitik. Auffällig ist jedoch, dass diese Haltung in der Gesellschaft zunehmend weniger Rückhalt findet.

Studien zeigen, dass sich die Wahrnehmung zwischen beiden Gesellschaften immer weiter auseinanderentwickelt. Während rund 60 Prozent der Israelis Deutschland positiv sehen, liegt der Anteil der Deutschen mit einer positiven Haltung gegenüber Israel lediglich bei 36 Prozent. Gleichzeitig äußert ein beachtlicher Anteil von 38 Prozent der deutschen Bevölkerung eine explizit negative Sicht auf Israel.

Diese negative Wahrnehmung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich vertieft. Im Jahr 2021 lag der Anteil der Deutschen mit einer positiven Einstellung zu Israel noch bei 46 Prozent. Innerhalb weniger Jahre sank dieser Wert um rund zehn Prozentpunkte auf 36 Prozent. Dies deutet nicht auf eine kurzfristige Schwankung hin, sondern auf einen strukturellen Einstellungswandel.

Die Kritik richtet sich dabei vor allem gegen die Politik der israelischen Regierung. Rund 60 Prozent der Deutschen bewerten die aktuelle israelische Regierung negativ. Umgekehrt liegt der Anteil der Israelis, die der deutschen Regierung negativ gegenüberstehen, bei lediglich 17 Prozent. Diese Asymmetrie macht deutlich, dass sich die deutsche Öffentlichkeit zunehmend von der israelischen Politik distanziert und ihre Kritik gezielt auf Regierungshandeln fokussiert.

Historische Verantwortung zwischen Erinnerung und Gegenwart

Der Einstellungswandel in der deutschen Gesellschaft zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit dem Begriff der „historischen Verantwortung“. Während 64 Prozent der Israelis der Ansicht sind, dass Deutschland eine besondere Verpflichtung gegenüber Israel habe, teilt in Deutschland nur etwa ein Drittel diese Auffassung. Noch bemerkenswerter ist, dass lediglich ein Viertel der Deutschen eine besondere Verantwortung gegenüber dem Staat Israel explizit bejaht.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Erinnerung an den Holocaust an Bedeutung verliert. 48 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass der Holocaust auch für gegenwärtige und zukünftige politische Entscheidungen weiterhin erinnert werden müsse. Diese historische Erinnerung wird jedoch nicht automatisch in eine bedingungslose Unterstützung der Politik der israelischen Regierung übersetzt. Die Gesellschaft zieht zunehmend eine bewusste Trennlinie zwischen historischer Verantwortung und aktueller Politik.

Diese Differenzierung ist insbesondere bei jüngeren Generationen ausgeprägt. Gleichzeitig zeigt sich ein problematischer Befund: Antisemitische Einstellungen, die mit der Kritik an israelischer Politik verknüpft sind, nehmen zu. Bei Männern unter 40 Jahren stimmen 36 Prozent klassischen antisemitischen Aussagen zu. Auch israelbezogene antisemitische Haltungen haben sich unter jungen Menschen nahezu verdoppelt. Diese Entwicklung deutet auf ein zunehmend komplexes und spannungsgeladenes gesellschaftliches Umfeld hin, das die deutsch-israelischen Beziehungen künftig stärker belasten könnte.

Die Öffentlichkeit fordert mehr Distanz

Zunehmend wird deutlich, dass die deutsche Öffentlichkeit einer weiteren Vertiefung der Beziehungen zu Israel skeptisch gegenübersteht. 40 Prozent der Deutschen halten die bestehende Zusammenarbeit für ausreichend, während lediglich 24 Prozent eine noch engere Beziehung befürworten. Demgegenüber sprechen sich 68 Prozent der Israelis für eine intensivere Partnerschaft mit Deutschland aus.

Diese Unterschiede verdeutlichen, wie unterschiedlich beide Gesellschaften die Beziehung bewerten. In Deutschland wird eine Zusammenarbeit mit Israel vor allem in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Zivilgesellschaft akzeptiert, während einer engeren militärischen oder sicherheitspolitischen Kooperation deutlich zurückhaltender begegnet wird. Das Narrativ der „bedingungslosen Unterstützung“ wird zunehmend durch ein distanziertes und kritisches Verständnis ersetzt.

Diese Haltung spiegelt sich auch in den außenpolitischen Erwartungen wider. Studien zeigen, dass eine große Mehrheit der Deutschen die Einschätzung teilt, dass die Hamas am 7. Oktober „Kriegsverbrechen“ begangen hat. Gleichzeitig glaubt ein ähnlich hoher Anteil, dass die israelische Armee im Gazastreifen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. 59 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Israels militärisches Vorgehen in Gaza als Völkermord an der palästinensischen Bevölkerung zu bewerten sei.

Lediglich zehn Prozent der Deutschen unterstützen uneingeschränkt die Aussage, dass Israels Sicherheit Deutschlands raison d’état sein sollte. Mehr als zwei Drittel sprechen sich dafür aus, dass deutsche Außenpolitik sich primär an internationalem Recht und universellen Menschenrechten orientieren müsse. Über 60 Prozent hätten es begrüßt, wenn die frühere Bundesregierung israelische Kriegsverbrechen in Gaza klar benannt und verurteilt hätte. 68 Prozent befürworten, dass die aktuelle Bundesregierung ihre israelischen Partner zu einem Ende der Blockade Gazas und zu einem dauerhaften Waffenstillstand drängt. Nur 18 Prozent wünschen sich eine stärkere militärische Unterstützung Israels.

Zudem sind 61 Prozent der Deutschen der Auffassung, dass Kritik an Israel klar von Antisemitismus getrennt werden müsse. 56 Prozent vertreten die Ansicht, dass sich Deutschlands historische Verantwortung auf Jüdinnen und Juden beziehe, nicht jedoch auf den Staat Israel.

Gleiche Beziehung, unterschiedliche Grundlagen

Das Gesamtbild ist eindeutig: Während sich die deutsch-israelischen Beziehungen auf staatlicher und unternehmerischer Ebene weiter vertiefen, teilt die deutsche Öffentlichkeit diese Annäherung zunehmend nicht mehr. Die vorliegenden Daten zeigen klar, dass die Wahrnehmung Israels in Deutschland hinter dem offiziellen politischen Diskurs und der historischen Freundschaftsrhetorik zurückbleibt. Stattdessen entwickelt sich eine Haltung, die kritischer, distanzierter und stärker konditioniert ist.

Wird diese Kluft ignoriert, drohen die deutsch-israelischen Beziehungen auf eine schmale politische und wirtschaftliche Elitebasis beschränkt zu bleiben. Die langfristige Tragfähigkeit dieser Beziehungen hängt jedoch entscheidend davon ab, die veränderte öffentliche Wahrnehmung ernst zu nehmen. Die zentrale Frage lautet daher: Werden die deutsch-israelischen Beziehungen künftig ausschließlich zwischen Regierungen und Unternehmen gestaltet – oder wird die zunehmend kritischere Stimme der Gesellschaft dieser Partnerschaft ein neues Gleichgewicht verleihen?

Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur die Außenpolitik prägen, sondern auch die Grenzen der demokratischen Debatte in Deutschland neu definieren.