Kanada: Tausende bei Gedenkmärschen für Opfer von Zwangsinternaten
An Kanadas Nationalfeiertag haben zehntausende Bürger um die indigenen Opfer des Internatssystems getrauert, das früher im Land existierte. Der kanadische Ministerpräsident Trudeau nutzte den Tag ebenfalls, um der verstorbenen Kinder zu gedenken.
01.07.2021, Kanada, Victoria: Menschen gedenken der Opfer des kanadischen Internatssystems vor dem Parlamentsgebäude. Im Südwesten Kanadas sind erneut unmarkierte Gräber nahe einer ehemaligen Schule für indigene Kinder gefunden worden. (DPA)

Zehntausende Kanadier haben am Donnerstag die traditionellen Farben des Canada Days, Rot und Weiß, gegen orangefarbene Hemden ausgetauscht. Sie wollten damit der indigenen Opfer des im 19. Jahrhundert vom Staat geschaffenen Systems von Internaten zu gedenken, in denen Kinder zwangsassimiliert werden sollten und von denen viele von der Katholischen Kirche betrieben wurden.

Schätzungsweise 10.000 Menschen versammelten sich am diesjährigen Nationalfeiertag in London, Ontario, um dort um die verstorbenen Kinder zu trauern, deren Überreste in den vergangenen Wochen auf den Geländen mehrerer Internate gefunden worden waren. Gedenk- und Protestmärsche fanden auch in Montreal und anderen kanadischen Städten statt.

„Kanada muss Unrecht an Indigenen aufarbeiten“

Die traditionellen Feiern am 1. Juli wurden aus demselben Grund in vielen Gemeinden abgesagt. Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau äußerte sich am Donnerstag ebenfalls zu den kürzlich gefundenen Massengräbern in den kirchlichen Schulen. Der 1. Juli sei noch kein Tag zum Feiern.

„Der schreckliche Fund der Überreste von Hunderten von Kindern an den Stätten ehemaliger Internatsschulen in British Columbia und Saskatchewan hat uns zu Recht dazu gedrängt, über die historischen Fehler unseres Landes und die Ungerechtigkeiten nachzudenken, die für indigene Völker und viele andere in Kanada immer noch bestehen“, sagte Trudeau. Die Kanadier müssten ehrlich zu sich selbst sein, was die gemeinsame Vergangenheit angehe.

Trudeau trifft Orange-Shirt-Gründerin Webstad

Trudeau traf sich am selben Tag auch mit Phyllis Webstad, einer Überlebenden der St. Eugene's Mission School in British Columbia, wo erst diese Woche 182 Gräber von indigenen Kindern gefunden worden waren. Die 54-Jährige ist die Gründerin der Orange Shirt Society und des Orange Shirt Day, die an das Grauen in den zumeist katholischen Internatsschulen in Kanada erinnern. Das Treffen zwischen Trudeau und Webstad fand unter Ausschluss der Medien statt.

Die kanadische Regierung zwang indigene Kindern ab den 1820er Jahren in meist katholische Internate, um diese zwangsweise zu assimilieren. Insgesamt wurden 139 solcher Schulen im ganzen Land eingerichtet und 150.000 indigene Kinder wurden ihren Eltern weggenommen. Die letzte Einrichtung dieser Art wurde erst 1996 geschlossen. In den Internatsschulen wurde oft von mit Missbrauch berichtet.

In den Internaten verstorbene Kinder wurden in unmarkierten Gräbern begraben. Allein 1.148 solcher Gräber wurden in drei der ehemaligen Schulen in den letzten fünf Wochen entdeckt, was für eine Welle der Empörung und der Proteste im ganzen Land sorgte.

TRT Deutsch