Reichelt-Gate: Ippen prüft Veröffentlichung von Machtmissbrauch-Recherche
Die Ippen-Gruppe prüft nun doch eine Veröffentlichung ihrer Investigativ-Recherche zu vermeintlichem Machtmissbrauch bei Axel Springer. Indessen lässt Springer-Chef Mathias Döpfner Kritik an seinem DDR-Vergleich zurückweisen.
18.10.2021, Bayern, München: KOMBO - Dirk Ippen (l.), Zeitungsverleger, ist in seinem Büro (Aufnahme vom 17.09.2020); und Julian Reichelt, Ex-„Bild“-Chefredakteur (Aufnahme vom 16.08.2021). (DPA)

Die Ippen-Gruppe will die Recherche seines Investigativteams zu behaupteten Missständen beim Medienhaus Axel Springer offenbar nicht weiter zurückhalten. „Derzeit prüfen wir, wann und wie wir eine Veröffentlichung publizieren“, sagte ein Sprecher der Verlagsgruppe dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Dienstag in München. Zuvor hatte der „Spiegel“ Teile der zuvor zurückgehaltenen Recherche des Ippen-Investigativteams zu
vermeintlichem Machtmissbrauch im Medienhaus Axel Springer veröffentlicht. Diese war am Sonntag - obwohl bereits eingeplant - von der Verlagsspitze der Ippen-Gruppe entgegen der Proteste von Mitarbeitern zurückgehalten worden.

Der Fokus des am Montagabend online im „Spiegel“ veröffentlichten Artikels liegt auf Vorwürfen hinsichtlich des Umgangs des ehemaligen „Bild“-Chefredakteurs Reichelt mit ihm unterstellten Frauen. Reichelt war am Montag von seinen Aufgaben entbunden worden. Grund war die Erkenntnis des Springer-Vorstands, dass Reichelt Privates und Berufliches auch nach
einem im März abgeschlossenen Compliance-Verfahren gegen ihn nicht klar getrennt hat. Nach Abschluss des Verfahrens soll es eine weitere sexuelle Beziehung zwischen Reichelt und einer ihm unterstellten Mitarbeiterin gegeben haben.

Bevorteilung oft mit sexuellem Verhältnis verbunden

In der Recherche heißt es weiterhin, Reichelt habe sich „häufig nach demselben Muster“ jungen Frauen in seiner Redaktion angenähert. So habe er sie für ihre Arbeit gelobt, ihnen verantwortungsvolle Aufgaben anvertraut oder in Positionen eingesetzt, für die sie nicht
geeignet waren. Diese Bevorteilung sei oft mit einem sexuellen Verhältnis zu den Frauen verbunden gewesen.

Indessen ließ Springer-Vorstandvorsitzende Mathias Döpfner Kritik an seinem Vergleich der Bundesrepublik mit der DDR zurückweisen. Döpfner halte die Bundesrepublik „selbstverständlich“ nicht für vergleichbar mit der DDR, teilte ein Unternehmenssprecher von Springer am Dienstag in Berlin dem epd mit. „Das wäre komplett absurd
und sollte für jeden offenkundig sein, der den publizistischen Äußerungen von Döpfner folgt.“ Zudem gebe es in privaten Dialogen Mittel der Ironie und bewussten Übertreibung. „Ohne Kontext ist eine Bewertung des gemeinten Sinns überhaupt nicht möglich.“

„Corona-Maßnahmen Beleg für willkürlichen Staat“

Darüber hinaus sollten private, bilateral ausgetauschte Nachrichten, anders als zum Beispiel öffentliche Tweets, „keinesfalls als quasi-öffentliche Statements interpretiert werden, für die sich der Absender rechtfertigen muss“.

Hintergrund sind auch hier Recherchen des Investigativ-Teams der Ippen-Gruppe, die der „Spiegel“ zumindest teilweise veröffentlicht hatte. Das Magazin zitierte demzufolge eine Nachricht von Döpfner an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre. An dem Tag der
Nachricht habe Reichelt einen Kommentar verfasst, in dem er die Corona-Maßnahmen als Beleg für einen willkürlichen Staat bezeichnete. Döpfner habe daraufhin geschrieben, Reichelt sei „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt“. Die meisten anderen Journalisten seien zu Propaganda-Assistenten geworden.

epd