Wolfgang Schäuble (CDU), Bundestagspräsident, nimmt an einer Sitzung des Bundestags teil. (DPA)

Die Dankesworte wird er vermutlich mit einem süffisanten Lächeln entgegennehmen. So manches Lob dürfte Wolfgang Schäuble, der mit der Konstituierung des neu gewählten Bundestags am Dienstag sein Amt als Parlamentspräsident verliert, zwar durchaus angebracht finden. Doch zu viel Gewese um seine Person ist dem 79-jährigen Christdemokraten eher suspekt. Er weiß, dass er mit seiner Persönlichkeit und seiner Politik aneckt. „Nicht ganz pflegeleicht“ sei er, das sagt Schäuble von sich selbst. Schäuble, der seit Jahrzehnten zu den prägenden Gestalten der deutschen Politik zählt, zieht sich aus der ersten Reihe zurück. Der CDU-Patriarch als Hinterbänkler? So richtig vorstellen kann man sich das nicht. Mitarbeiter aus Schäubles Umkreis berichten von einem Politiker, dessen Tatkraft, Gestaltungswille und Lust an der intellektuellen Debatte noch nicht versiegt seien. Er wäre gerne weiter Bundestagspräsident geblieben. Schäuble nur noch einfacher Abgeordneter Dem neuen Bundestag wird Schäuble nur noch als einfacher Abgeordneter angehören, die erstarkte SPD nimmt ihm seinen Präsidentenposten. 14 Mal hat er seinen badischen Wahlkreis Offenburg direkt gewonnen. Seit 1972 gehört Schäuble dem Bundestag an, keiner war dort so lange Abgeordneter wie er. Die konstituierende Sitzung am Dienstag wird er als Alterspräsident eröffnen. Die Umstände seines Abschieds aus der ersten Reihe schmerzen: Schäuble ist in der eigenen Partei nicht mehr unangefochten. Manche der Rufe aus der CDU nach einem Generationswechsel sind auch auf ihn gemünzt. In der Partei hält sich das Gerücht, dass Schäuble es war, der als graue Eminenz der CDU den glücklosen Armin Laschet zu einer aussichtslosen Kanzlerkandidatur gedrängt hat. Manch einer verübelt ihm das. Laschet sprang Schäuble dieser Tage schützend zur Seite: „Ein solcher Mann hat es nicht verdient, dass er von irgendjemand aus dem Amt gedrängt wird.“ Bundeskanzleramts-Chef, Innenminister, Fraktionschef, Parteivorsitzender, Finanzminister, Parlamentspräsident Es gibt kaum einen wichtigen Posten, den Schäuble nicht bekleidet hat: Er war Chef des Bundeskanzleramts, Innenminister, Fraktionschef, CDU-Vorsitzender, Finanzminister. Bei den großen Themen der letzten Jahre - Wiedervereinigung, Euro-Krise, die politische Polarisierung in der Corona-Pandemie - wirkte er an entscheidender Stelle mit. Dass er nicht auch Bundeskanzler oder Bundespräsident wurde, zählt zu den dramatischen Wendungen im Leben des gelernten Juristen. Dass ihn manche seiner Ämter haben einsam werden lassen, nahm Schäuble nach eigenem Bekunden in Kauf. „Ich habe mir ein mürrisches Gesicht angewöhnt“, sagte er kürzlich in der ARD. „Wenn ich ein mürrisches Gesicht aufsetze, dann erspart mir das 90 Prozent aller Gespräche.“ Das prägendste Ereignis war wohl das Attentat, das in seiner Zeit als Bundesinnenminister im Oktober 1990 auf ihn verübt wurde. Wenige Tage nach der Wiedervereinigung wird Schäuble von einem geistig verwirrten Mann angeschossen - seither ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Ein Einschnitt, der seine Karriere aber nicht beendet hat. Überliefert ist, dass Schäuble sich noch im Krankenbett Akten von seiner Frau Ingeborg vorlesen ließ. CDU-Spendenaffäre politischer Tiefpunkt für Schäuble Zehn Jahre später folgte mit der CDU-Spendenaffäre ein politischer Tiefpunkt, der seinen Rücktritt von Fraktions- und Parteivorsitz bedeutet. Seine persönliche Beziehung zum langjährigen Kanzler und CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl endete in einem bitteren Zerwürfnis. Schäuble holte 1999 die ostdeutsche Abgeordnete Angela Merkel als Generalsekretärin in die CDU-Führung - und musste mit ansehen, wie sie an ihm vorbeizog, selbst Parteichefin und schließlich Bundeskanzlerin wurde. Schäuble erlaubte sich gelegentlich Distanz zur Kanzlerin - etwa in der Flüchtlingspolitik oder im Umgang mit dem hoch verschuldeten Griechenland. Merkels Führungsanspruch aber stellte er nie in Frage. Die Kanzlerin gestattet ihm im Gegenzug viel Spielraum: „Schäuble ist eine Klasse für sich“, sagte sie einmal.

AFP