Karikaturen-Streit: Muslimische Welt ruft zum Boykott gegen Frankreich auf (AA)

Nach Äußerungen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zum Islam bahnt sich ein neuer Streit um Karikaturen des Propheten Mohammed an. Mehrere arabische Länder begannen am Sonntag einen Boykott gegen Frankreich. Händler in Jordanien, Kuwait und Katar nahmen französische Waren aus ihren Filialen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan warf dem französischen Präsidenten Islamfeindlichkeit vor, zweifelte an dessen geistiger Gesundheit und bezeichnete Macron unter anderem als Krankheitsfall, der sich untersuchen lassen müsse. Paris rief aus Protest seinen Botschafter aus Ankara zurück – ein Vorfall, den es zuvor noch nie gegeben hat, wie Élyséekreise bestätigten. Hintergrund sind Aussagen und Aktionen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron von Mittwoch. Er hatte sich auf die Seite derjenigen gestellt, die beleidigende Karikaturen des Propheten Mohammed zeigen oder veröffentlichen wollen. Zudem gab Macron das Abbilden der Karikaturen auf einige öffentliche Gebäude in Auftrag.

Frankreich werde nicht „auf Karikaturen und Zeichnungen verzichten, auch wenn andere sich davon zurückziehen“, sagte Macron bei einer Gedenkveranstaltung zum Tod des Lehrers Samuel Paty. Dieser hatte Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt und war auf offener Straße von einem 18-jährigen Mann enthauptet worden. Der Verdächtige wurde danach von der Polizei erschossen.

Macron: „Wir werden weitermachen“

Macron verteidigte am Sonntagabend seine Position auf Twitter und berief sich dabei auf die Meinungsfreiheit. Eine Hassrede werde nicht akzeptiert und die vernünftige Debatte verteidigt. „Wir werden immer auf der Seite der Menschenwürde und der Grundwerte stehen.“ Macron verbreitete die Botschaft auch auf Arabisch und Englisch. „Unsere Geschichte ist die des Kampfes gegen Tyrannei und Fanatismus. Wir werden weitermachen“, schrieb er dazu noch auf Französisch. Karikaturen des Propheten Mohammed hatten schon mehrfach Kritik und Proteste in der islamischen Welt ausgelöst. Die Beziehungen zwischen der muslimischen Welt und Frankreich könnten sich verschlechtern. Das Abbilden der umstrittenen Karikaturen auf öffentliche Gebäude in Frankreich stieß vielerorts auf Empörung. Zudem verschärft es die bilateralen Spannungen zwischen den Nato-Partnern Türkei und Frankreich, die ohnehin schon bei zahlreichen Themen über Kreuz liegen. Für Muslime sind Filme oder Bilder, die den Propheten Mohammed zeigen oder gar beleidigen, anstößig. Die einflussreiche Al-Azhar-Lehranstalt in Kairo warnte angesichts der Äußerungen Macrons vor einer Kampagne gegen den Islam. In Kuwait erklärten 50 Konsumgenossenschaften der Zeitung „Al-Kabas“ zufolge, dass sie alle französischen Waren aus ihren Filialen entfernt hätten. Auch in Katar erklärten Supermarkt-Ketten, dass sie französische Waren bis auf Weiteres aus ihren Regalen nehmen werden. In sozialen Netzwerken waren Videos zu sehen, wie Mitarbeiter eines Supermarkts in Jordaniens Hauptstadt Amman französische Milchprodukte aus dem Kühlregal räumen. Nutzer verbreiteten im Internet die Namen französischer Marken und riefen zum Boykott auf, auch entsprechende Hashtags machten die Runde. Frankreich forderte ein sofortiges Ende der Boykottaufrufe. Diese würden die von Frankreich verteidigten Positionen zugunsten der Gewissens-, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie der Ablehnung jeglichen Aufrufs zum Hass verzerren, hieß es am Sonntag in einer Mitteilung des Außenministeriums. Die Aussagen würden von einer radikalen Minderheit instrumentalisiert und politisiert.

Karikaturen lösten auch in Vergangenheit Proteste aus

Anfang 2006 waren bei Straßenprotesten gegen Mohammed-Karikaturen mehr als 150 Menschen ums Leben gekommen. Auslöser waren damals Karikaturen der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“. 2015 starben bei einem Attentat auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, das ebenfalls diffamierende Karikaturen des Propheten gezeigt hatte, zwölf Menschen. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) verurteilte die Veröffentlichung beleidigender Karikaturen, die den Propheten zeigen. Solch ein Verhalten „beschädige die muslimisch-französischen Beziehungen“. Der Großimam von Kairo, Ahmed al-Tajib, sprach von einer systematischen Kampagne, die den Islam in politische Kämpfe drängen solle. Das jordanische Außenministerium erklärte, dass die Veröffentlichungen die Gefühle von Muslimen verletzten. Das marokkanische Außenministerium verurteilte in einer Stellungnahme die weitere Veröffentlichung der „abscheulichen Karikaturen“. Unter keinen Umständen könne die Meinungsfreiheit eine Beleidigung des Islams rechtfertigen.

Erdoğan: „Was für ein Problem hat diese Person namens Macron mit dem Islam und Muslimen?“

Pakistans Premierminister Imran Khan warf Macron in einer Reihe von Tweets Islamfeindlichkeit vor. „Präsident Macron hat die Gefühle von Millionen von Muslimen in Europa und auf der ganzen Welt angegriffen und verletzt“, schrieb er zudem. Khan forderte zudem ein Verbot islamophober Inhalte auf Facebook. Die Regierung in Islamabad veröffentlichte am Sonntagabend einen entsprechenden Brief, der an Firmengründer und Chef Mark Zuckerberg gerichtet war. „Was für ein Problem hat diese Person namens Macron mit dem Islam und Muslimen?“, fragte Erdoğan bei einer Veranstaltung am Samstag. Macron gehöre in psychologische Behandlung, fügte der türkische Präsident hinzu. Sein französischer Amtskollege verstehe die Glaubensfreiheit nicht. Bei derselben Veranstaltung hatte Erdoğan auch die Stürmung der Berliner Mevlana-Moschee am Mittwoch mit 150 Polizisten als islamfeindlich bezeichnet. Es gebe den Willen, Hass gegen Frankreich zu schüren, erklärte Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian. Dieser sei auch in den „direkten Beleidigungen“ gegen Macron von „höchster Ebene des türkischen Staates“ zum Ausdruck gekommen. Paris kritisierte zudem, von türkischer Seite habe es keine offizielle Verurteilung der Tötung des Lehrers oder Solidarität für Frankreich gegeben. Die Türkei wies den Vorwurf am Sonntagabend zurück. Der türkische Botschafter in Paris habe sein Bedauern ausgedrückt, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums. Die Türkei bedauere den Mord des Lehrers „als ein Land, das seit Jahren gegen jede Art von Terrorismus und Gewalt kämpft“ so wie den von Opfern ähnlicher Ereignisse, hieß es. Im vergangenen November hatte der türkische Präsident schon einmal die psychische Gesundheit des Franzosen in Frage gestellt. Damals hatte Macron dem Verteidigungsbündnis Nato den „Hirntod“ attestiert. Erdoğan sagte anschließend, Macron solle besser seinen eigenen Hirntod untersuchen lassen.

TRT Deutsch und Agenturen