Die ersten 47 Kinder und Jugendliche aus mehreren Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln sind am Samstag in Deutschland eingetroffen. Wie das Bundesinnenministerium in Berlin mitteilte, landete die Maschine am Vormittag in Hannover. Die Zahl ist etwas geringer als erwartet. Von Seiten des Innenministeriums hieß es dazu, einige der ausgewählten Kinder und Jugendlichen seien als nicht reisefähig eingestuft worden. Konkret handelt es sich bei den unbegleiteten Minderjährigen den Angaben zufolge um 42 Kinder und fünf Jugendliche, darunter auch eine Reihe von Geschwisterkindern. In der Gruppe sind vier Mädchen. Alle waren zuvor in Camps auf Lesbos, Samos und Chios. Sie sollen nun wegen der Corona-Krise zunächst für eine zweiwöchige Quarantäne im niedersächsischen Landkreis Osnabrück untergebracht werden. Herkunftsländer sind Syrien, Afghanistan und Eritrea.

„Totalversagen der Staaten Europas wird kaschiert“

Kritik an der geringen Zahl der Aufgenommenen übte die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. „Wortgewaltig wird das Totalversagen der Staaten Europas kaschiert“, erklärte Geschäftsführer Günter Burkhardt. „Tausende müssten aus der Hölle Morias evakuiert werden“, verlangte er mit Blick auf das größte der Lager auf der Insel Lesbos. Er drängte vor allem auf die Aufnahme aller Flüchtlinge, die bereits Angehörige in Deutschland haben.

Die unbegleiteten Minderjährigen mit einem Durchschnittsalter von 13 Jahren stammen mehrheitlich aus Afghanistan und Syrien.
Die unbegleiteten Minderjährigen mit einem Durchschnittsalter von 13 Jahren stammen mehrheitlich aus Afghanistan und Syrien. (DPA)

Auch die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision forderte „die sofortige Evakuierung aller Kinder und Schutzbedürftigen aus den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln“. Angesichts der akuten Gefahr einer Corona-Infektion in den Camps könne es nicht bei einer Aufnahme der etwa 50 Kinder in Deutschland bleiben, erklärte der Vorstandsvorsitzende Christoph Waffenschmidt. Allerdings sei dies „ein erster wichtiger Schritt“.

EU-Mitgliedstaaten bereit 1600 Minderjährige aufzunehmen

Insgesamt haben sich zehn EU-Mitgliedstaaten bereit erklärt, rund 1600 unbegleitete Minderjährige von den griechischen Inseln aufzunehmen, davon etwa 350 in Deutschland. Unter anderem wegen der Corona-Krise hatte sich die Hilfsaktion wiederholt verzögert. Ziel ist laut Bundesinnenministerium, „Griechenland bei der schwierigen humanitären Lage auf den griechischen Inseln zu unterstützen“. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums bekannte sich grundsätzlich zu dem Ziel, weitere unbegleitete Minderjährige in Deutschland aufzunehmen. Auch mit Blick auf die für nicht reisefähig erklärten Kinder sagte sie auf Anfrage: „Wir stehen grundsätzlich zu der Zusage, diese Kinder zu übernehmen.“ Termine gebe es dafür aber jeweils noch nicht.

Horst Seehofer: „Wir setzen damit Zeichen europäischer Solidarität“ „Ich freue mich, dass wir heute die ersten unbegleiteten Kinder empfangen können - trotz der schweren Belastungen durch die Corona-Krise", erklärte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). „Wir setzen damit ein konkretes Zeichen europäischer Solidarität“, hob er hervor. Seehofer äußerte die Erwartung, dass nun auch weitere europäische Länder zu ihren Zusagen stehen. Bislang hat neben Deutschland nur Luxemburg mit der Aufnahme begonnen. „Ich bin heute sehr froh, dass wir die ersten unbegleiteten Kinder aus Griechenland in Niedersachsen in Empfang nehmen können“, erklärte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD), der sich in den vergangenen Monaten besonders für die humanitäre Aktion eingesetzt hatte. „Dies sei ein Anfang“, hob er weiter hervor, denn die Lage in den griechischen Camps sei „unerträglich“. An Bord des Flugzeugs befanden sich laut Bundesinnenministerium auch zwei Kinder, die von ihrem Vater nach Griechenland entführt worden seien und zu ihrer deutschen Mutter zurückgebracht würden.

AFP