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Sexuelle Gewalt in der Pfadfinderschaft St. Georg
Übergriffe in Zeltlagern, Machtmissbrauch bei Gruppenspielchen: Der Bericht eines Forschungsteams bringt Erschreckendes zutage. Der Vorstand bittet Betroffene um Entschuldigung.
Sexuelle Gewalt in der Pfadfinderschaft St. Georg
Sexuelle Gewalt in der Pfadfinderschaft St. Georg / Foto: dpa / DPA
vor 3 Stunden

Sexueller Missbrauch ist im größten deutschen Pfadfinderverband Sankt Georg ein weit verbreitetes strukturelles Problem. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG), das in Köln vorgestellt wurde. „Gemeinschaft, Macht, Nähe und ein spiritueller Überbau öffnen den Raum für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen“, sagte die Leiterin des Projekts, Prof. Sabine Maschke von der Uni Marburg.

Besonders gefährdet seien Kinder und Jugendliche bei Gemeinschaftsaktivitäten wie Zeltlagern. Die Täter seien überwiegend männliche Gruppenleiter, die ihre Machtposition ausnutzten. „Das Problem sexualisierter Gewalt reicht tief in die verbandlichen Strukturen der DPSG hinein“, sagte Maschke. Traditionelle Rituale wie etwa die „Lagerhochzeit“ begünstigten Missbrauch. Oft sei bei den Taten Alkohol im Spiel.

Maschke verweist auf Ergebnisse, die sich überwiegend auf die Zeit vor den 2000er Jahren beziehen. Diese älteren Fälle hätten jedoch nur eingeschränkt aufgearbeitet werden können, da der Zugang zu den Bistumsarchiven vielfach verweigert worden sei. Das Forschungsteam führte ausführliche Gespräche mit mehreren Betroffenen, die zum Teil über Jahrzehnte hinweg unter dem im Umfeld der DPSG erlebten Missbrauch gelitten hätten. Viele benötigten viel Zeit, bis sie überhaupt den Mut fänden, über ihre Erfahrungen zu sprechen, so Maschke.

Tiefgreifender Umbau der Verbandsstrukturen nötig

Um sexualisierte Gewalt in Zukunft einzudämmen, sei „ein tiefgreifender Umbau der Verbandsstrukturen nötig“, sagte Maschke. In diesen Prozess müssten Betroffene einbezogen werden, und er müsse von einem externen Gremium begleitet werden.

Die DPSG-Bundesvorsitzende Annkathrin Meyer bat alle Betroffenen um Entschuldigung. „Wir erkennen Euer Leid an“, sagte sie. Der Verband habe versagt. „Als Institution haben wir nicht ausreichend geschützt, hingeschaut und zugehört.“

Bundesvorstand will sich der Verantwortung stellen

Der Bundesvorstand werde sich der Verantwortung stellen, echte Aufarbeitung zu betreiben, sagte der Co-Vorsitzende Sebastian Becker. Ziel sei es, bestehende Strukturen grundlegend zu überdenken und zukünftig einen sichereren Ort für die Mitglieder zu schaffen.

Ein Forschungsteam der Universitäten Marburg und Gießen hatte seit Ende 2023 im Auftrag der DPSG das Vorkommen und den Umgang mit sexueller Gewalt in dem Verband untersucht. Grundlage waren unter anderem Interviews mit Betroffenen und die Auswertung von Akten aus verschiedenen Archiven.

Bistumsarchive gaben kaum Akten heraus

Wie viele junge Menschen tatsächlich sexuelle Gewalt in der DPSG erlebt haben, lasse sich aus der Untersuchung nicht ableiten, sagte Ludwig Stecher von der Uni Marburg. Die Befragungen seien nicht repräsentativ. Zudem fehle ausreichend Material, unter anderem weil die meisten kirchlichen Bistumsarchive keine Unterlagen zur Verfügung gestellt hätten.

Die DPSG ist Mitglied im Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) und hat nach eigenen Angaben mehr als 83.000 Mitglieder in rund 1.100 Ortsgruppen, die in der Regel an Kirchengemeinden angebunden sind.

QUELLE:TRT Deutsch und Agenturen