Kassel: NSU-Mord an Halit Yozgat vor 15 Jahren – Fragen bleiben (Reuters)

Der 21-jährige Halit Yozgat ist das neunte NSU-Opfer. Vor 15 Jahren wurde er am 6. April in seinem Internetcafé durch Kopfschüsse ermordet. Auch nach dem NSU-Prozess bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel kurz nach 17 Uhr durch zwei Kopfschüsse ermordet – von Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Der Mord ist bis heute ungeklärt. Nur zwei Tage zuvor war Mehmet Kubaşık in Dortmund von der rechtsextremistischen Terrorzelle umgebracht worden. Yozgat ist das neunte Opfer in der NSU-Mordserie. Er wurde mit derselben Pistole der Marke Česká erschossen, mit der zuvor acht Menschen ermordet worden waren. Oktober 2012 wurde der Platz an der Holländischen Straße/Mombachstraße in Gedenken an den Ermordeten in Halitplatz umbenannt.

Der Fall wirft auch nach dem langwierigen NSU-Prozess immer noch viele Fragen auf. Wer wählte für die Terroristen des NSU die Tatorte und die Opfer aus? Laut der Onlineplattform „Exif Recherche“ wird in diesem Zusammenhang über den Ex-Neonazi M. K. berichtet. Der Mann wohnte zwei Häuser von Yozgats Internetcafé entfernt und wurde nie von der Polizei vernommen worden.

Zum Gedenken an den ermordeten Halit Yozgat wurde 2012 in Kassel ein Platz nach dem Opfer benannt. (DPA)

Fragen und Ungereimtheiten im Fall Yozgat Bereits 2006 sei die Polizei bei den Mordermittlungen im Fall Yozgat auch auf den Neonazi Markus H. gestoßen. Er soll der mutmaßliche Helfer und Waffenlieferant im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gewesen sein. Markus H. informierte sich laut „Exif Recherche“ auffällig häufig im Internet über den Mordfall Yozgat. Bei seiner Befragung habe Markus H. damals angegeben, Yozgat über einen engen Freund kennengelernt zu haben. Zu seinen neonazistischen Aktivitäten hätten die Beamten keine Fragen gestellt. Möglicherweise sei er ein Informant einer Behörde gewesen, weshalb es kein Interesse an weiteren Befragungen gegeben habe. Auch die Befragung einer Vertreterin der Bundesanwaltschaft im Innenausschuss des Bundestags im Januar 2020 erhärte diesen Verdacht. Auf die Frage, ob der Neonazi H. ein Informant sei, habe sie ausweichend geantwortet. Corryna Görtz aus der militanten Neonaziszene habe im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss ausgesagt, kurze Zeit vor dem Mord mehrfach das Internetcafé von Halit Yozgat aufgesucht zu haben. Auch hier sei nicht weiter ermittelt worden. Was wusste Ex-Verfassungsschützer Temme Bis heute ist zudem ungeklärt, was der Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort zur Tatzeit sah. Temme will weder einen Schuss gehört, noch den Mord bemerkt haben. Sechsmal wurde der Ex-Verfassungsschutzmitarbeiter des hessischen Landesamts im NSU-Prozess befragt. Seine Aussagen bleiben umstritten. Ein Forscherteam aus London rekonstruierte den Tathergang und kam zu dem Schluss: Temme muss den Schuss gehört und den am Boden liegenden Yozgat bemerkt haben. Fazit: Auch nach dem NSU-Prozess bleiben viele Fragen unbeantwortet. Eine der größten Ungereimtheiten in dem Fall zum NSU-Komplex ist die Sperrfrist von 120 Jahren. Sie gibt Anlass für Verschwörungstheorien. NSU-Trio agierte 14 Jahre lang im Untergrund In der Wohnung des NSU-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wurde im November 2011 die Česká 83 gefunden. Alle NSU-Morde wurden mit derselben Waffe begangen. Fast 14 Jahre lang agierten die Rechtsterroristen im Untergrund. Das Trio ermordete wahllos neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft und eine deutsche Polizistin. Auf das Konto des NSU-Trios gehen auch zwei Sprengstoffanschläge und mehr als ein Dutzend Raubüberfälle. Nach einem Banküberfall begangen Böhnhardt und Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach Selbstmord. Zeugen hatten sie bei der kriminellen Tat beobachtet, sie flogen auf. Die Polizei fand ihre Leichen in einem ausgebrannten Wohnmobil. Beate Zschäpe jagte anschließend die Wohnung in Zwickau in die Luft und meldete sich danach mit ihrem Anwalt bei der Polizei. Das Oberlandesgericht München verurteilte Zschäpe im Juli 2018 wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft.

TRT Deutsch