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Der 24. April wird vielerorts als Gedenktag an den sogenannten Völkermord an den Armeniern begangen. An diesem Tag wurden 1915 einige hundert Menschen, die in Verbindung mit armenischen revolutionären Gruppen standen, verhaftet und interniert. Die Umsiedlung von Armeniern begann im Juni 1915.

Die Politik der Zwangsumsiedlung ist Kern des „Völkermord“-Vorwurfs gegen die Türken. In seinem Buch “Osmanen und Armenier. Eine Studie zur Aufstandsbekämpfung” untersucht Professor Edward Erickson die Umsiedlung eines Teils der armenischen Bevölkerung und kommt dabei zu dem Schluss, dass es sich in erster Linie um eine militärische Maßnahme handelte. Er bezeichnet diese als Umsiedlung, nicht als Vertreibung, Deportation oder ethnische Säuberung, weil für ihn nichts darauf hindeutet, dass die Osmanen die Absicht hatten, die Armenier dauerhaft fortzuschaffen, es jedoch Belege dafür gebe, sowohl aus osmanischen wie aus armenischen Quellen, dass sehr wohl die Absicht bestand, die Armenier nach dem kriegsbedingten Ausnahmezustand wieder anzusiedeln.

Das Problem, das sich den Osmanen 1915 stellte, war die Tatsache, dass sie aufgrund britisch/französischer und russischer Invasionen einen Vier-Fronten-Krieg führten. Die Umsiedlungen von Armeniern wurden – obwohl hauptsächlich dort durchgeführt, wo die russische Bedrohung vorherrschte – erst dann in die Wege geleitet, als die Landung auf Gallipoli im April 1915 den Staat durch vollständige Einkesselung in seiner Existenz bedrohte. Erickson hebt hervor, dass die Umsiedlungen Ende 1915, als die britische Invasion zurückgeschlagen worden war, reduziert wurden.

Zehntausende junge Armenier hatten sich bewaffneten Banden angeschlossen oder waren von der osmanischen Armee desertiert und zu den Russen übergelaufen. Die Osmanen waren sich bewusst, dass sich die armenische Bevölkerung im Ganzen nicht an diesen Aktivitäten beteiligte, und gingen nicht gegen diese vor. Erst mit der Landung auf Gallipoli entwickelte sich eine andere Kriegsform, da die Invasionen den osmanischen Staat in höchste Gefahr brachten. Ein wichtiger Auslöser für die Umsiedlungen war der armenische Aufstand in Van im April 1915. Koordiniert wurde er von armenischen Revolutionären und stand in Verbindung mit einer gleichzeitigen russischen Offensive. Er endete mit einem Massaker an Türken und Kurden und der Übergabe der Stadt an die russische Armee.

Anfang 1915 sahen die Osmanen ihre Kommunikationslinien ernsthaft bedroht. Armenische Freischärler legten osmanischen Verstärkungstruppen Hinterhalte, griffen Nachschubkonvois an, unterbrachen wichtige telegrafische Verbindungen zu den hinteren Frontlinien und töteten Moslems in ungeschützten Dörfern. Dabei handelte es sich nicht um sporadische Aufstände seitens ganz normaler Armeniern; es waren vielmehr gut geplante Sabotageunternehmen, darauf abzielend, die osmanischen Armeen zu zermürben. Sie fanden an strategischen Punkten entlang der Nachschublinien der osmanischen Dritten Armee im Kaukasus, der Sechsten Armee in Mesopotamien und der Vierten Armee in Palästina statt. Sie schnitten diese Armeen von ihrem lebenswichtigen Nachschub an Munition, Lebensmitteln, Futtermittel, medizinischen Gütern, Treibstoff, Tieren, Ersatzteilen und Verstärkungen ab.

Im Kontext des Ersten Weltkriegs und des Vier-Fronten-Angriffs wurde eine neue Strategie erforderlich, da das überlastete Militär nicht in der Lage war, herkömmliche Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit durchzuführen. Inspiriert wurde die Aufstandsbekämpfung durch spanische Maßnahmen in Kuba (1896), Maßnahmen der USA auf den Philippinen (1901) sowie britische Maßnahmen gegen die Buren in Südafrika (1901), bei denen zur Bekämpfung von Aufständen Umsiedlungen von Bevölkerungsgruppen erfolgreich vorgenommen worden waren.

Die osmanische Umsiedlung von Armeniern war keine allgemeine Deportation der osmanisch-armenischen Bevölkerung. Mindestens 350.000 Armenier in Westanatolien blieben in ihrer Heimat. Dort wurden vom osmanischen Geheimdienst verdächtigte Daschnaken aufgegriffen, festgenommen und inhaftiert – doch hier kam es zu keinerlei Umsiedlungen. Wie Kemal Cicek feststellte, wurden Umsiedlungstrecks von Priestern begleitet, führten Feldküchen mit und waren mit Ochsen und Karren ausgestattet. Missionare hielten ein wachsames Auge auf armenische Besitztümer, die ordentlich eingelagert und beschriftet auf ihre Rückgabe warteten. Dies alles legt nahe, dass es keinerlei Absicht eines Völkermords gab.

Während der Umsiedlungen griffen kurdische, sich der staatlichen Autorität entziehende Banden die armenischen Trecks an. Einige osmanische Beamte raubten und töteten, um sich persönlich zu bereichern, und verübt von Einheimischen, die erbost waren über verräterische Handlungen von Armeniern und Berichte von Gräueltaten an Moslems. Die meisten Armenier überlebten die Umsiedlungen jedoch. Die höchste Sterblichkeitsrate unter Armeniern gab es in den Reihen derer, die in den umkämpften Gebieten blieben und nicht umgesiedelt wurden.

Um Übergriffe und Verbrechen zu untersuchen, wurden Kommissionen eingesetzt. Tausende osmanische Beamte wurden wegen Misshandlung von Armeniern vor Gericht gestellt und viele wurden gehängt. Darunter waren auch militärische Befehlshaber, die es versäumt hatten, Trecks zu schützen. Etwa 650.000 Armenier wurden nach Syrien bzw. in das Gebiet des heutigen Iraks umgesiedelt. Schätzungsweise 350.000 flohen nach Osten auf russisches Gebiet. Bei dieser Umsiedlung in den russisch kontrollierten Südkaukasus kamen mehr als 160.000 Armenier ums Leben. Von der armenischen Vorkriegsbevölkerung im Osmanischen Reich in Höhe von 1,6 Millionen lebten zum Zeitpunkt des Waffenstillstands 1918 etwa 400.000 nach wie vor in ihren Heimatdörfern.

Die Gesamtzahl der Todesopfer unter den Armeniern während des Kriegs beläuft sich wahrscheinlich auf 650.000. Häufig werden übertriebenerweise 1,5 Millionen genannt. Diese 650.000 umfassen jedoch sämtliche Todesfälle, ob Soldat oder Zivilist und unabhängig von der Todesursache – natürlich, gewaltsam, durch Hunger, Krankheit usw. – und beziehen sich auf die gesamte Zeitspanne von 1915 bis 1922. Professor Justin McCarthy hat auf diesem Gebiet die umfangreichsten Forschungsarbeiten durchgeführt. Er fand heraus, dass die Sterblichkeitsrate in den Gebieten in Ostanatolien, in denen es zu Morden kam, bei den Bevölkerungsgruppen sowohl in muslimischen als auch in armenischen Gemeinden vergleichbar war und bei etwa 40 Prozent lag.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass den Osmanen die planmäßige Vernichtung der Armenier vorschwebte. Ein solches Wunschbild taucht in osmanischen Schriften nirgends auf, und die Beweise deuten vielmehr darauf hin, dass die Umsiedlungen eine pragmatische Reaktion auf einen Ausnahmezustand waren, so schlimm sie unter den Kriegsbedingungen auch gehandhabt worden sein mögen. Dies war eine ungeheure Tragödie für die verschiedenen Völker, aus denen sich das Osmanische Reich zusammensetzte und die in eine der schlimmsten Katastrophen des Ersten Weltkriegs verwickelt wurden.

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