31.07.2015, Bayern, Altötting: Holzkreuze liegen im Rundgang um die Gnadenkapelle im oberbayerischen Wallfahrtsort . (DPA)
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Die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen hat graduell abgenommen. Dies spiegelt sich auch in der demographischen Entwicklung wider. Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist konfessionslos und gehört weder der katholischen noch der evangelischen Kirche an.

Gesellschaftlicher Wandel

Seit Jahren sinkt in Deutschland der Anteil derer, die noch offiziell Mitglied einer der beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften ist. Die Austritte aus der Kirche haben konstant zugenommen.

Vor zwei Jahren gehörte noch knapp etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung der katholischen oder evangelischen Kirche an. Die Entwicklung erscheint drastisch, wenn man bedenkt, dass noch zur Jahrhundertwende zwei Drittel der Deutschen registrierte Mitglieder in einer der beiden Kirchen waren. In Westdeutschland lag der Anteil in den 1960ern sogar bei über 95 Prozent.

Die durch historische Entwicklungen bedingte Diskrepanz zwischen Westdeutschland und den Gebieten der ehemaligen DDR ist weiterhin offensichtlich. So bezeichneten sich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in den neuen Bundesländern als nicht gläubig, Agnostiker oder Atheisten.

Gleichzeitig hat die Anzahl der in Deutschland lebenden Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften zugenommen. Die drittgrößte christliche Gemeinde stellen Orthodoxe mit circa anderthalb Millionen dar. Darüber hinaus leben in Deutschland weit mehr als fünf Millionen Muslime und ungefähr 100.000 Juden.

Wie lässt sich die Entwicklung erklären?

Es scheint wohl keinen vorherrschenden Grund für den Rückgang der Kirchenzugehörigkeit zu geben. Durch die Säkularisierung der Gesellschaft ist der Bedeutungsrückgang der Kirchen eine natürliche Entwicklung, die so auch generell in der industrialisierten Welt stattfindet. Deutschland ist ein Einwanderungsland mit einer multikulturellen Gesellschaft – auch wenn dies in der Politik erst spät wahrgenommen wurde. Darüber hinaus spielen weitere spezifische Faktoren wohl eine entscheidende Rolle für den Wandel.

Über die Jahre sind Millionen Menschen aus den Kirchen ausgetreten. Obwohl Deutschland ein säkularer Staat ist, spielen die zwei großen Kirchen eine politische und bürokratische Rolle. Nicht nur ist die lange Zeit dominierende Partei im Land eine „christliche“. Trotz der offiziellen Trennung von Staat und Religion genießen die evangelische und katholische Kirche ein besonderes Privileg als Körperschaften öffentlichen Rechts.

Unabhängig davon, ob sie kirchlich aktiv sind oder nicht, zahlen Mitglieder der Glaubensgemeinschaften eine obligatorische Kirchensteuer, die der Staat für die Kirchen einsammelt. Die offizielle Zugehörigkeit zu einer der beiden großen Kirchen kostet also eine monatliche Gebühr. Auch finanzielle Gründe stellen daher einen nicht zu ignorierenden Faktor für potentielle Austritte dar. Das Konzept der Kirchensteuer erscheint vielen nicht mehr gesellschaftskonform. Den Austritt aus der Kirche muss man in Deutschland ganz offiziell dem Staat gegenüber erklären und dazu auch persönlich beim Amtsgericht vorsprechen. Aufgrund der bürokratischen Struktur gibt es genaue Statistiken. Im Jahr 2019 erreichten die Austritte einen Rekord: Ungefähr eine halbe Million Bürger traten aus den beiden großen Kirchen aus.

Dass viele der Ausgetretenen sich erneut der kirchlichen Institution zuwenden werden, ist wohl unwahrscheinlich.

Auch die vielen öffentlich gewordenen Missbrauchsskandale und die mangelhafte Aufarbeitung sexueller Gewalt haben dem Image der Kirche enorm geschadet und wohl auch dem Vertrauen in der Bevölkerung. Der Kirche wird auch ein Mangel an Reformbereitschaft vorgeworfen.

Säkularisierung

Tatsächlich spielt die Kirche als Institution vor allem für jüngere Generationen generell eine geringere Rolle in einer digitalisierten und globalisierten Welt. Die Institution scheint oft entfernt von den Massen. Natürlich haben auch die aus der anhaltenden Pandemie resultierenden Abstandsregelungen das kirchliche Leben in den letzten zwei Jahren weiter eingeschränkt

Der Bedeutungsverlust der Kirche ist eine natürliche Entwicklung, die nicht nur in Deutschland stattfindet. Aufgrund der wohl einzigartigen bürokratischen Hierarchien in Deutschland lassen sich die genauen Zahlen festlegen. Dies ist anderswo nicht der Fall.

Dennoch scheint es offensichtlich, dass andere europäische Länder ähnliche Entwicklungen erfahren. Vielerorts in Europa haben kirchliche Institutionen eine noch weit geringere Bedeutung als in Deutschland. So gehören in der Tschechischen Republik mehr als 90 Prozent keiner Glaubensgemeinschaft an. Auch in Estland, Schweden, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich, Ungarn und Belgien sind zwei Drittel der Einwohner mit keiner Religion affiliiert.

Ein bürokratischer Austritt aus der Kirche darf aber nicht unbedingt als Synonym für die Ablehnung der Kirche oder gar der Religion gesehen werden. Kulturell und vor allem politisch beziehen sich Deutschland und die EU weiterhin auf christliche Werte – auch wenn diese Assoziation eher säkular und die Bundesregierung selbst nicht unbedingt religiös ist.

Auch der neue Bundeskanzler Olaf Scholz trat einst aus der evangelischen Kirche aus und ist somit der erste konfessionslose Kanzler der Bundesrepublik. Bei seiner Vereidigung vor Amtsantritt ließ er den religiös bezogenen Zusatz so wahr mir Gott helfe weg. Dies taten mehrere Mitglieder der neuen Regierung – jedoch nicht die Mehrheit.

Die demographischen und gesellschaftlichen Entwicklungen deuten auf einen weiteren Bedeutungsverlust der beiden christlichen Kirchen hin. Damit sind die Institutionen vor große Herausforderungen gestellt. Es ist zu bezweifeln, dass die Kirchen ihre einst einflussreiche Rolle in einer säkularisierten Realität zurückgewinnen. Doch findet Glaube auch außerhalb der Institution statt.

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