(AFP)

Am 19. Februar 2020 verübte der Rechtsextremist Tobias Rathjen einen Terroranschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau bei Frankfurt, Deutschland. Der Täter tötete zehn Personen und verletzte fünf weitere. Gemeinsam war den neun Opfern ihr Migrationshintergrund. Nach dem Amoklauf ging der Täter in seine Wohnung zurück und tötete seine Mutter, bevor er sich selbst richtete.

In den ersten Phasen nach diesem Terrorakt war die deutsche Medienberichterstattung oft suboptimal. Beispielsweise beeilte sich die Boulevardzeitung Bild mit ihrer Reportage zum Anschlag. Jedoch statt die Öffentlichkeit über den Mörder aufzuklären und die Aufmerksamkeit auf die glaubwürdigsten Motive, nämlich Rassismus und White Supremacy, zu richten, streute der Reporter Spekulationen, die auf eine Beschuldigung der Opfer abzielte, indem Ausdrücke wie „organisierte Kriminalität“, „kriminelle Szene“ und „Schutzgeld“ Verwendung fanden.

Der Bild-Reporter Tobias Bayer, der vor Ort berichtete, bot eine zweifelhafte Berichterstattung. Statt den Opfern Mitgefühl zu erweisen, stellte er deren Familien in ein schlechtes Licht: „Ich konnte mit einigen Familienmitgliedern sprechen. Die Stimmung hier ist eindeutig aggressiv. Man drohte mir, das Handy aus der Hand zu schlagen. Die Wogen gehen hoch. Es waren wahrscheinlich auch Verwandte von mutmaßlich toten Personen hier“. Daraufhin setzte der Korrespondent damit fort, die Schuld auf kriminelle Banden abzuschieben. Er sagte: „Ich habe von relativ gut informierten Quellen hier in Hanau erfahren – ich muss betonen: das sind nur Spekulationen – dass diese Täter Russen sein könnten“.

Im Streben danach, ihre Berichterstattung zu sensationalisieren und Clickbait-Schlagzeilen zu generieren, übernahm die Zeitschrift Focus zunächst den Ausdruck „Shisha-Morde“, um die Hanauer Terrorattacken zu beschreiben. Diese Wortwahl hat den Zorn vieler Kommentatoren heraufbeschworen. Die Linguistin und Kommunikationsexpertin Clara Herdeanu verurteilte das Framing von den „Shisha-Morden“. In ihren Augen bagatellisiert solch ein Begriff das Verbrechen und verlagert die Schuld auf die Opfer, indem diese durch exotische Namen und Gegenstände stereotypisiert werden. Herdeanu machte geltend, dass selbst als der Focus sich dazu entschloss, sein Framing abzuändern, seine neue Schlagzeile, „Elf Tote nach Schüssen: Hanau unter Schock: Erste Bilder nach Bluttat“, unzulänglich war, da sie das rassistische Motiv verschweigt, das dem Verbrechen zugrunde liegt.

Das Framing vom Einzeltäter

Als das Etikett „Verbrechen“ nicht mehr haftete, griffen einige deutsche Medien in ihrer Beschreibung der Hanauer Anschläge zu anderen Frames. Sie kennzeichneten den Täter als aufgewühlt oder psychisch krank. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung prangerte Martin Bernstein an, wie rechte Kriminelle oft als verhaltensgestörte, „Amok laufende“ Individuen dargestellt werden. Bernstein merkte an, dass die bayrischen Behörden mehr als drei Jahre nach dem Anschlag von München 2016 benötigt hatten, um die rassistischen Motive hinter dem Terrorakt zu erkennen. Letzten Endes ordneten sie den Angriff als „politisch motiviertes, rechtsextremes Verbrechen“ ein. Bernstein beklagte auch, dass die Gedenkstätte für die Opfer in der Münchner Hanauer Straße immer noch das Wort „Amoklauf“ aufweist, obwohl der terroristische Vorfall nachweislich von einer rassistischen Person verübt worden war.

In einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung argumentierten Joachim Käppner und Michaela Schwinn ihrerseits, dass der Täter von Hanau kein rechtsextremistischer Terrorist war, sondern vielmehr ein „Einzeltäter“.

Der Frame vom Einzeltäter ist ein Irrglaube und sollte vollständig verworfen werden. Eine wissenschaftliche Studie, die in der Zeitschrift Studies in Conflict & Terrorism publiziert wurde, kritisierte die von vielen Medienorganisationen verwendete „Einzeltäter“-Typologie. Nach drei Jahren empirischer Forschung analysierten die Autoren Anschläge, die von mutmaßlichen extremistischen Einzeltätern begangen worden waren. Sie untersuchten 125 zwischen 1978 und 2015 in Westeuropa und Nordamerika verübte Fälle. Ihre Befunde sind informativ: Bei 86% der Fälle hatten die sogenannten Einzeltäter ihre Gesinnungen anderen gegenüber kommuniziert. Die Autoren entdeckten auch, dass bei 58% der Fälle die Täter Hinweise auf tatsächliche gewaltsame Absichten geliefert hatten. Darüber hinaus waren die Täter in allen Fällen einer Radikalisierung durch soziale Prozesse ausgesetzt gewesen, während es „sich oft herausstellte, dass [sie] zwischenmenschliche, politische oder operative Verbindungen zu größeren Netzwerken hatten“.

Die Übernahme von Frames wie „Einzeltäter“ oder Bezüge auf eine psychische Erkrankung stellen lediglich Versuche dar, den rechtsextremistischen Terrorismus reinzuwaschen. Solche diskursiven Tricks zielen darauf ab, die rassistische Ideologie der Täter zu schützen, die Terroranschläge zu entpolitisieren und sie für die Öffentlichkeit annehmbarer zu machen. Solches semantisches Weichzeichnen spricht rechtsextremistische Politiker auch von gesetzlichen, ethischen und moralischen Folgen frei. Diese Versuche sind leider nicht neuartig und sind nach wie vor in den Nachrichtenmedien in Deutschland und anderswo allgegenwärtig.

In der Tat hat sich allerdings in den letzten zwei Jahren eine kleine Verschiebung ereignet. So bezeichnete die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern den abscheulichen Anschlag von Christchurch als Terrorakt. Dennoch bestanden viele Nachrichtenmedien auf die Verwendung der Bezeichnung „lone gunman“ (einzelner Amokläufer). In ähnlicher Weise verwendete die deutsche Kanzlerin Angela Merkel das Wort „rassistisch“, um die Morde zu beschreiben – ein Akt, der von einigen Experten als „Quantensprung“ betrachtet wird. Nichtsdestotrotz übernahmen die meisten deutschen Nachrichtenmedien andere Narrative.

Muster der Doppelmoral

Auch wenn solche offiziellen Aussagen lobenswert sind, bleiben sie doch unzureichend. Egal ob in Deutschland oder in der westlichen Welt: die Massenmedien haben einen Muster der Doppelmoral etabliert. Wenn muslimische Täter sich an Terrorakten beteiligen, werden sie unmittelbar als Terroristen etikettiert und ihre Religion und Ethnizität dämonisiert. Darüber hinaus werden ihre Communities wiederholt dazu aufgefordert, ihre Ablehnung gegenüber solchen Handlungen zum Ausdruck zu bringen.

Rassisten und White Supremacists erfahren in den westlichen Massenmedien hingegen eine viel mildere, wenn nicht sogar komplizenhafte Behandlung. Journalisten messen sich miteinander, die psychischen und sozialen Probleme der Täter zu beschreiben. Das britische Boulevardblatt Daily Mirror ging sogar so weit, den Massenmörder von Christchurch als „engelhaften Jungen“ zu romantisieren und als „tüchtig“ zu bezeichnen.

Zum ersten Jahrestag des abscheulichen Anschlags von Hanau müssen die deutschen und westlichen Nachrichtenmedien ihren Anteil an der Verantwortung für das Hervortreten der terroristischen White Supremacy übernehmen.

Einerseits ist die Berichterstattung zu Migration und Islam typischerweise hetzerisch gewesen und hat zur Zunahme rassistischer Ideologien beigetragen. So konnte sie in der allgemeinen Psyche eine Verbindung zwischen Migration und Terrorismus schaffen. Gemäß einer Erhebung des Pew Research Centers von 2016 glauben 61% der Deutschen, dass die Aufnahme von Flüchtlingen (die als Muslime wahrgenommen werden) das Terrorismusrisiko erhöht. Andererseits wurde die Popularität rechtsextremer Ideologien durch die weiche Darstellung rassistischer Terroristen angekurbelt.

Aus diesem Grunde werden wir, sofern keine grundlegende Veränderung in der Nachrichtenberichterstattung erfolgt, viele weitere, dem Hanauer Anschlag ähnliche Tragödien erleben, während gleichzeitig die White Supremacy sich mit verheerenden Folgen für die Demokratie, den Frieden und das soziale Miteinander weiter ausbreitet.

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