29.04.2021, berl, Berlin: Eine Frau holt eine 5-Euro-Banknote aus ihrem Portemonnaie. (DPA)
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Die Inflationsrate in Deutschland steigt immer weiter und ist erstmals seit 29 Jahren auf 5,2 Prozent geklettert. Das ist der höchste Anstieg der Preise seit 1992. Die hohe Inflation schmälert die Einkünfte und Ersparnisse der Deutschen, was für viele Familien zur Last wird. Vor allem Mineralölprodukte und Energieerzeugnisse verteuerten sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um durchschnittlich 22,1 Prozent. Schon im September kostete Heizöl 76,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Ebenso steigen die Strom- und Gaspreise in astronomische Höhen. In der Grundversorgung drohen Mehrkosten von Hunderten Euro pro Jahr. Auf einen Musterhaushalt kommt im nächsten Jahr eine Preiserhöhung von durchschnittlich 305 Euro beim Gas und 91 Euro beim Strom zu. Damit drohen Millionen von Menschen drastische Mehrbelastungen. Viele Familien, gerade aus prekären Verhältnissen, bangen jetzt darum, ihre Rechnungen nicht mehr begleichen zu können. Menschen mit niedrigen Einkommen sind von der Inflation stärker betroffen, weil die Fixkosten für Grundbedürfnisse einen erheblichen Anteil des verfügbaren Haushaltseinkommens aufzehren. Ein harter Winter steht damit bevor.

Inflation belastet Haushalte in Deutschland

Nicht anders sieht es mit der Teuerung bei den Lebensmitteln aus. Gemessen am Vorjahresmonat legten hier die Preise um durchschnittlich 4,5 Prozent zu. Die steigenden Lebensmittelpreise sind auch ein potentielles Risiko für den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Gerade für Transferbezieher. Schaut man sich die Preissteigerungen für Nahrung und Waren des täglichen Bedarfs an, kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Die Preise für Obst stiegen um fast drei Prozent, Fleisch wurde um 3,5 Prozent teurer. Für Gemüse wie Tomaten oder Gurken mussten die Menschen über neun Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. Aber auch viele andere Güter des täglichen Bedarfs wurden teurer. Das Statistische Bundesamt gab Mitte Oktober bekannt, dass sich zum Beispiel die Preise in Deutschland für Kopfsalat oder Eisbergsalat um 34,5 Prozent, Haarspray, Haargel oder andere Stylingprodukte um 20,2 Prozent, Kartoffeln um 16,3 Prozent, Sonnenblumenöl, Rapsöl oder ähnliche Ölsorten um 15,6 Prozent, Erbsen in der Dose um 13,3 Prozent, Eier um 12,1 Prozent, Zwiebeln und Knoblauch um 12 Prozent, Toastbrot um 10,8 Prozent, Beeren um 10,6 Prozent oder für Weichspüler um 9,8 Prozent erhöht haben. Volkswirte befürchten, dass das Ende der Fahnenstange damit noch längst nicht erreicht ist.

Brötchen könnten bald mehr als einen Euro kosten

Ebenso im Oktober wurde bekannt, dass die Getreidepreise in Deutschland so hoch sind wie seit über acht Jahren nicht mehr. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Preise für Kornprodukte um 34,4 Prozent. Die Bäckereien warnten, Brötchen könnten bald sogar mehr als einen Euro kosten. Eine weitere Baustelle: Die ausufernden Mieten. Die Mietpreise lassen nicht nur Bestandsmieter, sondern gerade auch Wohnungssuchende in deutschen Städten immer mehr verzweifeln. Die Stimmen ratloser Menschen auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung werden lauter. Immobilien-Experten schlagen Alarm: Diese geben der Politik die Schuld. Sie befürchten, dass die dramatische Situation noch länger anhält, weil die Politik beim Thema Neubauten und Förderungen zu defensiv agiere. Andere Fachleute weisen auf das begrenzte Angebot auf dem Markt hin. Aber auch dort müsste die Politik eingreifen. Heute müssen die Menschen zur Begleichung ihrer Miete einen viel höheren Anteil ihres Einkommens bezahlen als früher. Die wirtschaftliche Situation ist dermaßen angespannt, selbst den regelmäßigen Friseurbesuch sparen sich viele Deutsche. Die Branche kämpft sowieso mit Niedriglöhnen. So lässt sich festhalten: Das Armutsrisiko in Deutschland steigt, und die ausufernde Inflation bedroht den Wohlstand im Land.

Düstere Aussichten: Steigende Arbeitslosigkeit befürchtet

Außerdem wird angesichts der anhaltenden Pandemie die deutsche Wirtschaft im Winter abermals schrumpfen. Das geht aus den Prognosen von Konjunkturforschern hervor. Auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, äußerte gerade in Bezug auf die Corona-Infektionszahlen seine Sorgen. Die Entspannung der letzten Monate auf dem Arbeitsmarkt habe sich zwar auch im November fortgesetzt, allerdings spreche derzeit vieles dafür, dass sich die Erholung wieder eintrübe. „Wir gehen inzwischen von erhöhter Arbeitslosigkeit auch im nächsten Jahr aus“, so Scheele.

Wachsende Ungleichheit in Deutschland: Die Mittelschicht schrumpft

Des Weiteren geht aus einer neuen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor, dass die Pandemie das Risiko der Arbeitslosigkeit bei Menschen mit mittleren Einkommen erheblich verstärke. Hier habe es in den letzten Jahren deutliche Beschäftigungsverluste gegeben: In dieser Gruppe waren acht Prozent, die vor Beginn der Corona-Krise 2019 noch arbeiteten im Januar 2021 nicht mehr erwerbsfähig. Anlass zur Sorge bereitet zudem der Umstand, dass der Anteil der 18- bis 29-Jährigen, die zur Einkommensmitte gehören, mit einem Rückgang von zehn Prozentpunkten überdurchschnittlich stark gesunken ist. Das ist insofern ein Problem, weil es gerade in Deutschland für aus der Mittelschicht herausgefallene Menschen erkennbar schwer ist, wieder aufzusteigen. Gehörten 1995 noch 70 Prozent der Deutschen zur sogenannten Mittelschicht, zählten 2018 nur noch 64 Prozent dazu.

Einzelhandel leidet unter Lieferengpässen – Konsum bricht ein

Die pandemische Lage führt vor allem im Einzelhandel und Gastgewerbe dazu, dass in diesen Segmenten wieder mehr Kurzarbeit beantragt wird. Gerade der Handel leidet ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft unter einer Stagnation. Laut aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes sanken die Einnahmen allein im Oktober verglichen mit dem Vorjahresmonat real um 2,9 Prozent. Als Ursache für diesen signifikanten Umsatzrückgang sehen die Statistikexperten die seit Monaten anhaltenden Lieferengpässe. So mehren sich die Klagen, dass im Einzelhandel gegenwärtig nicht jede Bestellung erfüllt werden kann. Fast 78 Prozent der Einzelhändler beschwerten sich im November über entsprechende Probleme. Das geht aus einer Umfrage des ifo Instituts hervor. „Die Beschaffungsprobleme aus der Industrie sind nun auch hier angekommen“, sagt der Leiter der ifo-Umfrage, Klaus Wohlrabe. „Manches Weihnachtsgeschenk wird vielleicht nicht lieferbar sein oder teuer werden.“ Ökonomen erwarten, dass sich die Lieferprobleme wohl bis weit in den Sommer 2022 hinziehen. Ein weiteres Problem: Die Menschen in Deutschland geben immer weniger Geld aus. Die Inflation drückt das Geschenkbudget der Verbraucher, wie eine Analyse des Marktforschungsinstituts GfK zeigt. Für gut die Hälfte der Verbraucher seien die steigenden Lebenshaltungskosten die Hauptursache für ein geringeres Budget. Die Händler dagegen machen die gestiegenen Frachtraten sowie die höheren Aufschläge von Lieferanten für die Preissteigerungen verantwortlich. Der Warentransport aus Asien stocke, der Mangel an Holz, Papier, Halbleitern und Kunststoffen sorge für Probleme beim Nachschub. Ein Teufelskreis.

Deutschland verschläft digitalen Wandel

Die ausufernde Inflation frisst das ohnehin ausgedünnte finanzielle Polster der deutschen Haushalte und Betriebe endgültig auf. Gerade in der Industrie, im Handel sowie im Dienstleistungssektor hat Deutschland die Digitalisierung im Gegensatz zu Staaten wie Italien oder Türkei verschlafen. Die Türkei hat sich bei der digitalen Transformation unter den größten Industrie- und Schwellenländern von Platz 19 auf Platz 5 vorgeschoben. Unabhängig von der Corona-Krise hat Deutschland den digitalen Wandel schlicht verschlafen. Nein: Deutschland hat sich dem Wandel verweigert.

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