„Stell dir vor, es gibt eine Wahl, die Wählerinnen und Wähler gehen hin, und wir wissen nicht, wer die Wahl gewonnen hat.“ Wird Trump wiedergewählt oder zeigt die weitere  Stimmenauszählung in die andere Richtung?

Im Vorfeld dieser wichtigen Präsidentschaftswahl in den USA gab es verschiedene Prognosen über den Ausgang. Ein dabei immer wieder genannter Name ist Allan Jay Lichtman, Professor an der American University in Washington D.C. Er entwickelte das Modell „The Keys to the White House“, welches prognostizieren möchte, wie die jeweils nächste Präsidentschaftswahl in Amerika ausgehen wird. Mit einer einzigen Ausnahme konnte er alle Wahlen seit Jahrzehnten korrekt vorhersagen. 2016 lag er zuletzt beim Wahltriumph von Donald Trump über Hillary Clinton erneut richtig. Für 2020 bezog Lichtmann ein weiteres Mal Position. Er sagte, der Wahlausgang zwischen Trump und Biden werde knapp ausfallen, aber am Ende des Tages werde der Gewinner Biden heißen. Bereits Ende Oktober ging Lichtmann mit dieser Prognose an die Öffentlichkeit.

Tampa Bay Times“ führte in Florida unter Expertinnen und Experten eine Umfrage durch, wie diesmal die Wahlen ausgehen werden. Schon am 31. Oktober wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Die Prognosen dabei waren: Eine Mehrheit glaubt an einen Wahlsieg von Biden, auch bei allen öffentlich abgegebenen Stimmen (dem Popular Vote) – ferner, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus behalten, während das Ergebnis zum Senat noch offen sei.

Wahlumfragen aggregiert für die nationale Ebene deuteten bereits länger eine Niederlage für Trump an – so wie nachzulesen bei „Real Clear Politics“. Die Schwierigkeit dieser Umfragen ist jedoch, dass die Wahlsiege in den einzelnen Bundesstaaten entscheiden sind, die dann nach einem „The-Winner-Takes-It-All-Prinzip“ zusammengerechnet und gebündelt werden.

Die Wahl ist am 3. November durchgeführt worden, doch was ist das Ergebnis? Die Demokraten behalten die Mehrheit im Repräsentantenhaus, während die Senatsmehrheit noch nicht eindeutig entschieden ist – hier aber ein Vorteil bei den Republikanern liegt. Wie sieht nun aber das Ergebnis zur US-Präsidentschaftswahl aus? Kann es sein, dass wir mit folgendem Phänomen konfrontiert sind: „Stell dir vor, es gibt eine Wahl, die Wählerinnen und Wähler gehen hin, und wir wissen nicht, was das Ergebnis ist.“

Nachdem die Wahllokale geschlossen haben, entwickelte sich bei der Auszählung der Stimmen ein extrem spannender Wahlkrimi. In den ersten Stunden danach sah es für Trump auch gar nicht so schlecht aus. Bei einer Pressekonferenz lehnte er sich zurück und sagte: „Wir möchten ein Stop der Abstimmung. Dies ist ein Betrug für die amerikanische Öffentlichkeit. (…) Wir haben uns darauf vorbereitet, diese Wahl zu gewinnen, und ehrlich gesagt haben wir diese Wahl gewonnen.“ Seine frühreife Behauptung über einen vorzeitigen Wahlsieg löste Irritationen und Spekulationen über mögliche rechtliche Strategien aus, die Trump erwägen könnte.

Der Fokus bei dieser US-Präsidentschaftswahl liegt letztlich auf den US-Bundesstaaten des sogenannten „Rust Belt“. Es handelt sich dabei um Staaten im Nordosten der USA, auch genannt „Midwest States“, mit einer Industriebasis und einer starken Arbeiterschaft. Traditionell war das eine Wählerbasis für die Demokraten, auch genannt die „Blue Wall“. Aber Industriekrisen brachten eine neue Wahldynamik ins Spiel: Hier wurde 2016 Clinton von Trump geschlagen. Hier wird sich letztlich auch die US-Präsidentschaftswahl 2020 entscheiden. Minnesota ging bereits während des Zählprozesses an Biden. In Wisconsin und Michigan hatte Trump anfänglich die Führung. Aber mit der fortschreitenden Stimmenauszählung und der Einbeziehung der Briefwahl-Stimmen scheinen diese beiden Staaten doch noch an Biden gehen zu können, wie CNN berichtete.

Zwei Tage nach der Wahl ist der entscheidende Stand in den „Swing States“ oder „Battleground States“ dabei folgender: Biden scheint Wisconsin und Michigan gewonnen zu haben, und liegt auch in Arizona und Nevada vorne. Trump könnte North Carolina, Georgia und Pennsylvania gewinnen, wobei der Ausgang in Pennsylvania genau genommen noch offen ist. CNN sieht Biden ebenfalls deutlich im Vorteil, die US-Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Gleichzeitig brachten Trump und sein Team Rechtsmittel gegen die weitere Stimmauszählung in Michigan und Pennsylvania ein, wie auf CNBC berichtet wurde – gekoppelt an die Forderung, einen besseren Einblick in den Auszählprozess zu erhalten.

In einer Analyse für „Politico“ brachte es Tim Alberta auf den Punkt, warum Michigan diesmal an Biden ging: Er konnte eine Mehrheit in der Arbeiterschaft für sich verbuchen, die Afroamerikaner mobilisieren, und gleichzeitig den Vorsprung von Trump in den reichen Vororten reduzieren.

Zugespitzt lautet also die These: Wer Michigan gewinnt, hat die US-Präsidentschaftswahl 2020 gewonnen. Setzen sich die Auszählungstrends so fort, dann wird der nächste amerikanische Präsident Joe Biden heißen. Falls es so kommt, würde die amerikanische Verfassung Trump aber nicht verwehren, 2024 wieder anzutreten. Michael Kruse beschreibt Trumps Motto folgendermaßen, natürlich humorvoll gemeint: „Trump verliert, er hat also wieder gewonnen.

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