Ist es nicht erschreckend? Da kämpft die gesamte Welt gegen einen todbringenden Virus an, Volkswirtschaften kriseln und genau zu diesem Zeitpunkt läuft der EU- und NATO-Staat Griechenland komplett aus dem Ruder.

Der türkisch-griechische Streit um die Energievorkommen im östlichen Mittelmeer hat sich weiter zugespitzt – dafür verantwortlich ist Athen. Zunächst entsandte Griechenland Truppen auf zwei Inseln, eine davon unbewohnt, sowie nach Kastelorizo (Meis) knapp zwei Kilometer vom türkischen Festland entfernt.

Es ist mehr als verständlich, dass die türkische Nachrichtenagentur Anadolu (AA) daraufhin zwei ihrer in Athen stationierten Reporter nach Kastelorizo entsandte. Kurz nach ihrer Ankunft verbreitete dann eine politisch dem Extremismus zuzuordnende griechische Webseite namens Turkikanea.gr falsche Nachrichten und Verleumdungen. Bürochef Tevfik Durul und sein Fotojournalist Ayhan Mehmet wurden als Agenten des türkischen Geheimdienstes bezeichnet. In einem Artikel des Herausgebers wurde darauf basierend gefragt: „Warum erlauben wir türkischen Bürgern, die Spione sind (…) nach Meis zu reisen? Warum haben wir ihnen erlaubt, die Insel zu betreten?“

Und dann ein absoluter politischer Fehlschlag - oder sollten wir besser sagen: unerlaubter Tiefschlag? Auch eine Kopie der Fotoseite von Tevfik Duruls Ausweis wurde auf der genannten Webseite publiziert.

Da es mittlerweile als sicher gilt, dass das Ausweisdokument von einer Regierungsstelle ausgehändigt wurde (wie auch sonst?), fand der türkische Kommunikationschef Fahrettin Altun deutliche Worte. Er verglich das griechische Vorgehen mit einem Mafiastaat und warnte Athen. Falls den Reportern etwas zustoßen sollte, werde Athen dafür büßen.

Warum also Soldaten auf Miniinsel Kastelorizo?

Es gibt nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Die erste Möglichkeit: Griechenland plant die Türkei in ihre Schranken zu verweisen und will vorsorglich klarstellen, dass sämtliche Gewässer zwischen Kastelorizo und dem 600 Kilometer entfernten griechischen Festland ausschließlich Athen gehören. Das würde einem Fall gleichkommen, bei dem Washington sämtliche Gewässer westlich von Bermuda als „US-amerikanisch“ beanspruchen würde. Es wäre also eher eine politische Farce.

Die zweite Variante ist sogar noch lächerlicher: Plant Athen eine Türkei-Invasion? Da diese Erwägung aus keiner seriösen Nachrichtenagentur stammt, sollten wir diese hypothetische Möglichkeit umgehend vergessen, aber die Frage muss ja erlaubt sein: Warum ausgerechnet die Insel Kastelorizo, die genau vor der türkischen Haustür liegt? Warum nicht Samos gegenüber von Kuşadası, oder gibt es dort oben etwa kein Erdgas?

Inselbewohner wurden von Athen überrumpelt

Erstens: Athen musste genau wie viele andere Staaten auch – und umso mehr seit der großen Flüchtlingswelle 2015 – Politikentwürfe quasi über Nacht aus der Regierungsschublade zaubern. Die Flüchtlingsströme von Menschen in unvorstellbarer Not in Furcht um Leib und Leben hatten sich zunächst auf andere Routen konzentriert, später rückten zunehmend die griechischen Inseln im Ägäischen Meer in den Vordergrund. Und diese prinzipiell auf Tourismus (einheimisch und international) ausgelegten Inseln waren nicht auf die Ankunft großer Menschenmengen vorbereitet und wie hätten sie es auch sein sollen?

Zweitens: Brüssel hätte umgehend Athen ermutigen müssen, die Flüchtlinge von den betroffenen Inseln auf das Festland zu bringen und dann in einer Solidaritätsaktion auf alle EU Staaten zu verteilen. Das wäre kein Problem für den reicheren EU-Norden gewesen.

Und drittens: Lange Zeit wurde Griechenland von der EU und ihren Banken sowie dem IMF quasi dazu gezwungen, eine Sparpolitik zu verfolgen, die die Menschen leider nicht wohlhabender, sondern noch ärmer machte. Genau zu einem Zeitpunkt, an dem die Türkei als Nachbarland große Gasfunde im Schwarzen Meer entdeckt und selber oftmals von der EU hingehalten wird, wäre es doch logischer, wenn Athen auf Ankara zugehen würde, um langfristige Pläne für regionale bi-laterale Kooperation zu entwerfen. Vielleicht sogar eine regional verankerte Energiepolitik?

Zusammengefasst: Die Vorfälle um die Militarisierung von international und vertraglich abgesicherten Territorien nahe der türkischen Küste und der Eklat um die türkischen Journalisten wurden von Athen offensichtlich toleriert - wenn nicht sogar angezettelt. Die Aktionen blieben natürlich nicht unbeantwortet. Und Ankara hatte jedes Recht, starke Worte per Replik zu wählen.

Falls die EU noch irgendeinen Einfluss in der Region hat, sollte sie auf Athen einwirken, von provokanten Aktionen abraten und auf einen Dialog drängen. Oder: „the ball is in Greece’s court“, wie man in der englischen Sprache so wunderbar eindeutig sagt.

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