Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan. (DPA)

Armenien durchlebt heute düstere Zeiten in seiner Geschichte. Die Armenier haben ein Land, das unter einem feudal-kriminell-oligarchischen Regime immer weiter verarmt, ein kollabiertes Wissenschafts- und Bildungssystem, begrenzte Ressourcen, eine abwandernde Bevölkerung, eine Niederlage im Krieg um Karabach im Herbst 2020 und milliardenschwere Auslandsschulden bei einem 350-Millionen-Staatshaushalt. Dies ist das eigentliche Erbe der „Dritten“ Republik Armenien, mit dem ihre Bürger heute leben müssen.

Der Grund dafür ist, dass sie in den 30 Jahren ihres Bestehens nicht in der Lage war, das Ideologem zu verwirklichen, für das sie geschaffen wurde und existierte. Der Sinn der „Dritten“ Republik Armenien war die Umsetzung der Idee der Vereinigung – also der Wiedervereinigung der Armenier von Eriwan und Karabach in einem einzigen Staat und die Erweiterung ihres „Lebensraums“ durch die Verleugnung zuerst der aserbaidschanischen Gebiete und dann der Territorien anderer Nachbarn (beispielsweise die georgische Region Ninotsminda / Javakh mit überwiegend armenischer Bevölkerung). Um der Idee der Vereinigung willen gab Armenien nach dem Ende des Karabach-Krieges von 1988 bis 1994 sagenhafte Mittel für die Aufrechterhaltung des Besatzungsregimes aus, obwohl jedem nüchternen Beobachter klar war, dass nicht Armenien das aserbaidschanische Karabach, sondern das separatistische Regime von Karabach Armenien besetzte und alle seine Ressourcen vereinnahmte.

Die Niederlage Armeniens im Krieg mit Aserbaidschan im Herbst 2020 zerstörte nicht nur die Armee und die Hälfte der militärischen Infrastruktur des Landes, sondern fügte ihm auch eine ideologische Niederlage zu, die dafür sorgte, dass sich die Idee der Vereinigung als Utopie entpuppte. Und zwei Generationen von Armeniern, die daran geglaubt hatten, lebten demnach umsonst. Die Situation in Armenien beweist eines sehr deutlich: Die Spaltung der Gesellschaft ließ sich auf die Frage der persönlichen Einstellung jedes einzelnen Bürgers zur Vereinigungsthematik reduzieren. So sind die Anhänger von Nikol Paschinjan bereit, die Idee von Karabach und der Vereinigung zugunsten einer neuen Zukunft für ihr Land aufzugeben, während Anhänger seines Hauptgegners Robert Kotscharian auf die Wiedergeburt der Vereinigungsideologie hoffen und an den Sieg in einem neuen Krieg mit Aserbaidschan glauben. Das Land selbst hat keine Staatsideologie, und seine Bevölkerung verbindet nicht die eine nationale Idee. Daher ist diese Krise von einer besonderen Länge, Kompromisslosigkeit und Heftigkeit geprägt.

Die jüngste Äußerung von US-Präsident Joe Biden zum „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“ änderte nichts an der Lage in Armenien, sondern führte nur zu einer weiteren Polarisierung der dort bestehenden politischen Kräfte. Tatsache ist, dass das Ideologem des „Völkermords an den Armeniern“ in der UdSSR nach der Kubakrise 1962 in der Erwartung entwickelt wurde, die armenische Diaspora zu mobilisieren, um sowjetische Ansprüche in der Region Westasien und im Nahen Osten zu unterstützen. Damals beschloss das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Armeniens, in Eriwan ein Zizernakaberd-Denkmal zu errichten, das die territorialen Ansprüche der Armenier gegenüber der Türkischen Republik verkörpert. Dies geschah als Reaktion auf die Stationierung amerikanischer Raketen in der Türkei, um die Südflanke der NATO gegen Aggressionen zu blockieren.

Dennoch erwies sich das für die armenische Diaspora so präsente Argument des „Völkermords an den Armeniern“ in der Praxis als nicht so relevant für die in Armenien lebenden Armenier, da sich für sie die Idee der Vereinigung als näher und verständlicher herausstellte. Die Mehrheit der Vorfahren der Armenier von Eriwan erlebte die Härten von 1915 nicht, wohingegen ihnen die Feindschaft mit den Aserbaidschanern von dem Moment an, als sie in den 1830er Jahren in den Kaukasus auswanderten, in Fleisch und Blut überging. Zudem gab es lange Zeit einen „Eisernen Vorhang“ zwischen den Sowjetarmeniern und den Armeniern der Diaspora, der ihre national-religiöse und kulturelle Kommunikation behinderte, was den Unterschied in den prägenden Ideologien der postsowjetischen Armenier und der Diaspora-Armenier erklärt. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die Idee von Vereinigung zu einer Art Passierschein für die postsowjetischen Armenier in Richtung Weltarmenier, für welche die Vereinigung zu einer Art „Kompensation“ für den „Völkermord“ wurde, aber eben nicht für alle Armenier in der Welt, sondern nur für postsowjetische.

Die armenische Diaspora war gezwungen, die Idee der Vereinigung als Priorität anzuerkennen, um die armenische national-religiöse Einheit nicht von innen zu zerstören. Dies führte letztendlich zur Formulierung eines neuen pan-armenischen Ideologie-Dreiklangs „Armenien – Diaspora – Arzach“. Die Niederlage Armeniens im jüngsten Krieg hat diesem ideologischen Gebilde ein Ende gesetzt, ganz gleich, ob seine Anhänger das Gegenteil behaupten. Auch die Intervention Russlands in den Krieg und der Übergang zu seiner vorübergehenden militärischen Kontrolle über einen Teil des aserbaidschanischen Territoriums werden es den Armeniern mittelfristig nicht ermöglichen, auch nicht in einem Teil Karabachs durchzuhalten. Der Kreml kann die vollständige Rückgabe aller aserbaidschanischen Territorien unter die Gerichtsbarkeit des offiziellen Baku und die anschließende Umsiedlung von Armeniern aus Karabach derzeit noch verlangsamen, aber in Zukunft nicht verhindern. Jeden Tag bekräftigt Baku seine Ansprüche in Richtung Moskau, das diesen weder adäquat entgegnen, noch eine klare Antwort auf selbige geben kann. Sobald die Zahl der Ansprüche eine kritische Größe erreicht, wird Aserbaidschan eine diplomatische, politische und militärische Offensive starten, die zur Wiederherstellung der Kontrolle über sein gesamtes Territorium und zum Abzug der russischen Truppen aus Karabach führen wird. Damit findet die im Sterben liegende Idee der Vereinigung endgültig ein Ende, was automatisch der Geschichte der "Dritten" Republik Armenien ein Ende setzen wird.

Um seine Präsenz im Südkaukasus aufrechtzuerhalten, muss Russland große materielle Opfer bringen, um die Eigenstaatlichkeit Armeniens bei seiner anstehenden Neuformatierung auf einer neuen ideologischen Grundlage, natürlich immer im Einklang mit der russischen Außenpolitik, zu bewahren. Sonst verliert Moskau die Südkaukasus-Region für sich. Die Qual der „Dritten“ Republik Armenien mit den Wiederbelebungsbemühungen Russlands wird so lange andauern, bis eine für den Kreml akzeptable Staatsideologie Armeniens entwickelt ist oder die Möglichkeiten für ihre Aufrechterhaltung ausgehen.

Es sei denn, Nikol Paschinjan selbst sagt: Karabach ist Aserbaidschan.

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