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Frankreichs zivilisatorische Mission

Über Jahrhunderte hinweg kolonisierte Frankreich verschiedene Teile der Welt. Als Rechtfertigung diente eine zivilisatorische Mission, durch welche sich die als überlegen verstehenden europäischen Kolonialnationen befugt sahen, indigene Völker durch militärische Intervention und Kolonisierung zu modernisieren und verwestlichen. Die Verbreitung europäischer Kultur erfolgte durch Ausbeutung, Mord und Unterdrückung.

Frankreich ist von einer offiziellen Auseinandersetzung mit dieser Epoche weit entfernt. Zwar ist die Kolonialzeit scheinbar beendet, doch sind Kolonialbestrebungen weiterhin in verschiedenen Formen sichtbar. Der ehemalige französische Staatschef Nicolas Sarkozy sagte während seines ersten Besuches im Senegal, einer ehemaligen Kolonie, dass „die Tragödie Afrikas darin besteht, dass der Afrikaner nicht vollständig in die Geschichte eingegangen ist.“ Afrikaner hätten sich nie in die Zukunft gestürzt, und afrikanische Bauern könnten nur „die gleichen Gesten und Worte“ wiederholen. Es gäbe „weder Platz für menschliches Streben noch für die Idee des Fortschritts,“ so Sarkozy.

Die Fortführung dieser rassistischen Beleidigungen durch koloniale Tropen der angeblichen kulturellen Überlegenheit prägt auch heute noch Frankreichs Einstellung.

Die nationale Identität Frankreichs konstruiert sich auf dem Blut indigener Völker in der Dritten Welt. Frankreich ist kein Einzelfall. Das moderne, demokratische Europa definiert sich auch durch die Zerstörung und Ausbeutung indigener Kulturen.

Keine Reue, keine Entschuldigung

Im Rahmen seiner Wahlkampagne 2017 bezeichnete Macron während eines Besuchs in Algerien Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Tatsache, dass diese Äußerung für viele Franzosen einen Tabubruch darstellte, zeigte die Tiefe der Ignoranz der eigenen Kolonialgeschichte gegenüber. Hoffnung, dass Frankreich endlich seine Kolonialverbrechen aufarbeiten würde, gab es nie wirklich. Auf Macrons Worte folgten keine Taten. Im Gegenteil: Macron entschuldigte sich bei französischen Bürgern, die sich durch seine Worte beleidigt fühlten, und sprach dann eher von einer „komplexen Geschichte.“

Als Präsident machte er deutlich, dass es weder Reue noch eine Entschuldigung für die Besetzung Algeriens oder den Krieg geben würde.

Macron wolle an „symbolischen Akten“ teilnehmen, um eine „Versöhnung“ zu fördern. Zwar wurden individuelle Verbrechen eingeräumt. Macron hat vor Kurzem auch Frankreichs Mitverantwortung am Genozid in Ruanda eingeräumt. Er sagte, Frankreich habe die Pflicht, sich seiner Verantwortung zu stellen. Symbolik wird jedoch kaum in Gerechtigkeit für die Opfer resultieren.

Überhaupt scheint eine leere Rhetorik der Gutmütigkeit und Versöhnung nur deshalb Teil des Diskurses zu sein, weil die gut dokumentierten Kolonialverbrechen nicht mehr einfach zu leugnen oder verherrlichen sind, und nicht unbedingt deswegen, weil ein Wille da wäre, sich an Gleichheit und Freiheit zu orientieren.

Eine offizielle politische Auseinandersetzung mit den Kolonialverbrechen hat nie stattgefunden, erst recht nicht unter Einbeziehung der Opfer. Überhaupt wird die Kolonialzeit nicht unbedingt als negativ empfunden.

Vor allem die brutale Kolonialisierung Algeriens sticht hervor. Das nordafrikanische Land wurde über ein Jahrhundert als integraler Bestandteil Frankreichs kontrolliert und als Kolonie von Franzosen besiedelt. Frankreich nutzte Algerien als Versuchsfeld für Atomwaffen. Indigener Widerstand wurde unterdrückt und resultierte in Algeriens Befreiungsrevolution (1954 bis 1962). Algerien wartet weiterhin auf eine offizielle Anerkennung der Kolonialverbrechen.

Neokolonialismus

Macrons Verurteilung der Kolonialisierung ging stets mit einer Beschwichtigung des Ausmaßes der Kolonialzeit einher.

So verkündete er bei einem Besuch in der Elfenbeinküste, er selbst gehöre einer Generation an, die nicht Teil der Kolonisation war. Afrika sei ein junger Kontinent, und drei Viertel der Bevölkerung in der Elfenbeinküste kannten Kolonialismus nie, sagte Macron und forderte die Jugend auf, eine neue Freundschaft mit Frankreich aufzubauen.

Macrons Simplifizierung der kolonialen Realität suggeriert, Kolonialismus sei eine abgeschlossene Epoche. Solch eine Illusion liegt natürlich im politischen und wirtschaftlichen Interesse Frankreichs.

Doch ist die sogenannte postkoloniale Gegenwart in ehemaligen Kolonien weiterhin von den Traumata und Verbrechen europäischer Regime geprägt. Die Folgen des Kolonialismus sind weiterhin im alltäglichen Leben spürbar.

Darüber hinaus sind Frankreichs koloniale Ambitionen auch kein abgeschlossenes Geschichtskapitel. Zwar haben die meisten ehemaligen Kolonien offiziell ihre Unabhängigkeit erhalten. Einige Kolonien sind weiterhin Überseegebiete. Neben dem Widerwillen, die gar nicht so weit in der Vergangenheit liegenden Verbrechen aufzuarbeiten, ist jedoch die Fortführung der kolonialen Genealogie weiterhin in der Außenpolitik Frankreichs sichtbar. Frankreichs Haltung ehemaligen Kolonien gegenüber ist weiterhin neokolonial. Viele französischsprachige Länder in Afrika sind heute wirtschaftlich an Frankreich gebunden.

Die koloniale Ideologie wird auch an Macrons rassistischer Überheblichkeit deutlich. So behauptete er, Afrika werde wegen „zivilisatorischer Probleme“ gebremst. Afrikanerinnen hätten zu viele Kinder. „Der Islam sei in einer Krise,“ so Macron.

Persönlich scheint der amtierende französische Präsident überzeugt, dass Frankreich und auch er selbst eine führende Rolle in der Welt spielen sollten. Die Spannung zwischen einer kolonialen Nostalgie und einer Identitätskrise, verursacht durch Frankreichs schwindende internationale Signifikanz, wurde in Macrons außenpolitischen Bestrebungen mehrfach deutlich.

So reiste Macron direkt nach der Explosion in Beirut im August 2020 in den Libanon, um sich von Bewohnern als Held feiern zu lassen. Für den französischen Präsidenten war es selbstverständlich, dass Frankreich eine konstruktive Rolle beim Wiederaufbau der Stadt und der Überwindung der andauernden politischen und wirtschaftlichen Krise spielen sollte. Tatsächlich stellte er dem libanesischen Parlament ein Ultimatum zur Bildung einer neuen Regierung und knüpfte dringend benötigte finanzielle Hilfe an politische Bedingungen. Außer medialer Aufmerksamkeit hat Macron nichts bewirkt. Der Libanon war zwei Jahrzehnte lang (1923 bis 1943) Teil des französischen Mandats. Dass Macron sich auch noch ein Jahrhundert später ermächtigt fühlt, politische Entscheidungen zu dirigieren, spricht für sich.

Das vielleicht deutlichste Beispiel für Frankreichs Kolonialbestrebungen ist wohl Palästina. Frankreich ist wie die meisten europäischen Regierungen Verfechter des zionistischen Siedlerkolonialismus. Seitdem der Staat Israel in Palästina ausgerufen und durch eine brutale ethnische Säuberung etabliert wurde, erhält das Regime in Tel Aviv Frankreichs Unterstützung. Selbst wenn der Prozess der sogenannten „Dekolonialisierung“ angeblich formell abgeschlossen ist, stellt Israel auf multiple Art und Weise die brutale Kontinuität des europäischen Kolonialismus dar.

Interne Kolonialisierung

Die dem Kolonialismus inhärente Kontrolle indigener Bevölkerungen spiegelt sich auch in Frankreichs Politik gegenüber MigrantInnen aus ehemaligen Kolonien wider. Rassismus und Polizeigewalt sind andauernde Probleme, die vor allem unter der Macron-Regierung amplifiziert wurden. Viele der Opfer stammen aus den von Frankreich kolonialisierten Gebieten. Menschenrechtsorganisationen beklagen Frankreich Einschränkung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, von der vor allem Minderheiten betroffen sind.

Macron hat sich als lauter Populist etabliert und Frankreichs rassistische Praktiken und koloniale Tendenzen fortgeführt. Das Ausmaß der kolonialen Verbrechen erstreckt sich weiter in die Zukunft.

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