Westliche Mächte, allen voran die USA, pflegten enge Beziehungen zu korrupten Politikern im Libanon. Zudem ist Israel an der Instabilität des Landes mitverantwortlich.

Am Dienstagabend hat sich in der libanesischen Hauptstadt Beirut eine Katastrophe ereignet. Zwei erdbebenartige Explosionen erschütterten die Metropole und wurden sogar im über 200 km westlich gelegenen Zypern wahrgenommen.

Große Teile der Stadt sind zerstört. Man geht derzeit von weit mehr als 100 Toten und Tausenden Verletzten aus. Hunderttausende sind obdachlos geworden. Viele werden weiterhin vermisst.

Die Hafenstadt am östlichen Mittelmeer liegt teilweise in Trümmern. Die unerwartete Explosion ereignete sich inmitten einer tiefgreifenden wirtschaftlichen und politischen Krise. Das wahre Ausmaß kann noch nicht eingeschätzt werden.

Der Schock sitzt tief: Als am Dienstagabend der Erdboden kurz wackelte, Häuser einstürzten, und eine Schockwelle durch die Stadt ging, wusste man zunächst nicht, ob es sich um ein Erdbeben oder eine Bombardierung handelt. Eine riesige Rauchwolke stieg auf - Panik machte sich breit. Innerhalb weniger Sekunden lagen ganze Stadtteile in Schutt und Asche. Ein bedeutender Teil der Stadt ist zerstört. Der Großraum Beirut wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Die genaue Ursache für die Explosionen ist noch unklar. Laut offiziellen Einschätzungen könnte sie durch eine große Menge Ammoniumnitrat verursacht worden sein. Denn rund 2750 Tonnen der Substanz wurden jahrelang am Hafen gelagert. Die Regierung ermittelt und hat bereits harte Strafen für die Verantwortlichen angekündigt.

US-Präsident Donald Trump deutete an, dass es sich um einen Bombenangriff handeln könnte. Am Freitag äußerte auch der libanesische Präsident Michel Aoun die Vermutung, dass ein sprengstoffhaltiger Flugkörper nicht auszuschließen sei.

Während noch viele Fragen offen sind, liegt der Fokus zunächst auf der humanitären Katastrophe. Die Solidarität und der Zusammenhalt innerhalb der libanesischen Bevölkerung sind stark. Trotz Warnungen vor toxischen Gasen, die durch die Explosion freigesetzt wurden, standen Menschen vielerorts in Schlangen vor Krankenhäusern, um Blut zu spenden. Viele eilten in die zerstörten Stadtteile, um Betroffenen zu helfen und um die Schäden zu beseitigen. Menschen helfen Fremden, nehmen sie bei sich zuhause auf.

Eine Katastrophe inmitten einer Wirtschaftskrise

Als wäre die Katastrophe nicht schon schlimm genug, ereignete sie sich zudem zu einem Zeitpunkt, an dem das Land vor zahlreichen Problemen steht. Der Libanon befindet sich in einer wirtschaftlichen Krise: Die nationale Währung, die libanesische Lira, hat drastisch an Wert verloren. Es herrscht ein Mangel an Fremdwährungen. Seit Monaten ist eine Hyperinflation im Gange, Preise steigen konstant an, viele Libanesen haben ihre Arbeit verloren und Immer mehr Menschen finden sich unter der Armutsgrenze wieder. Hunderte Geschäfte, Restaurants und Cafés mussten in den letzten Monaten schließen. Das Land ist auf Importe angewiesen. Die Zerstörung des größten und wichtigsten Hafens des kleinen Landes wird höchstwahrscheinlich weitere negative Folgen für die bereits angeschlagene Wirtschaft haben.

Dennoch hat das Land die Covid-19-Pandemie zu Beginn außerordentlich gut bewältigt. Seit der Wiedereröffnung des Flughafens in Beirut im Juli steigt die Anzahl der Neuinfizierten jedoch an. Da mehrere Krankenhäuser von der Explosion betroffen sind, leidet auch die medizinische Infrastruktur. In diesen Tagen erreichen den Libanon Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt. Einige Länder reagierten zügig und entsandten Hilfe in die betroffenen Gebiete.

Korruption und Instabilität durch Westmächte und Israel

Die Katastrophe wird sich wohl auch auf die Politik auswirken. Einige Libanesen suchen die Schuld für die Akkumulation von Krisen bei der Regierung. Auch wenn die Korruption der letzten Regierungen und innerhalb der politischen Elite zur aktuellen Situation beigetragen hat, wäre es zu vereinfachend, allein die Regierung für diese Lage verantwortlich zu machen. Andauernde US-amerikanische Sanktionen und wirtschaftliche Sabotage gegen das Land haben deutlich zur Krise beigetragen. Westliche Mächte, allen voran die USA, pflegten enge Beziehungen zu korrupten Politikern und vor allem zu Israel, das an der Instabilität des Libanon mitverantwortlich ist.

Israel hatte fast zwei Jahrzehnte lang Teile des Libanon militärisch besetzt und zuletzt im Jahr 2006 Beirut und den Süden des Landes einen Monat lang bombardiert. Auch heute verletzt Israel die Souveränität des Libanon.Israelische Kampfflugzeuge und Drohnen schweben fast täglich über libanesischen Städten.Weder diese Provokationen noch die wiederholten Drohungen israelischer Politiker, den Libanon zu zerstören, stoßen auf erwähnenswerte Reaktionen der internationalen Gemeinschaft. Sie erwecken oftmals nicht einmal die Aufmerksamkeit der im Land zahlreich vertretenen westlichen Medienhäuser und Journalisten.

Macron besucht den Libanon

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron eilte am Donnerstag in die libanesische Hauptstadt. Macron, der in Paris mit anhaltenden Massendemonstrationen konfrontiert war, ließ sich von einigen Unterstützern in Beirut feiern. Frankreich, einstige Kolonialmacht im Libanon, wird von einem Teil der Libanesen als wichtiger Partner betrachtet – und von anderen eher verspottet. Wie auch die USA hat Frankreich über Jahre hinweg kein Problem mit korrupten Politikern gehabt.

Neben Hilfsgütern und Solidaritätsbekundungen brachte Macron auch seine eigene politische Agenda mit nach Beirut. Er versprach vor allem jungen Libanesen eine bessere Zukunft - machte jedoch französische Hilfsleistungen von politischen Reformen abhängig. Er sagte, die libanesische Regierung habe nicht das Vertrauen des Volkes und forderte eine „neue politische Ordnung“ unter internationaler Aufsicht. Als ein Bürger Macron um Hilfe bat, erwiderte dieser, er sei gekommen, um „einen neuen politischen Pakt vorzuschlagen, heute Nachmittag“. Macron wusste den Moment für sich zu nutzen und kündigte seine Rückkehr zum 1. September an, um den Reformprozess zu beobachten.

Dass einige Libanesen die Schuld jedoch nur intern suchen, kommt gerade westlichen Mächten, die an einem Regierungswechsel in Beirut interessiert sind, gelegen.

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