15.09.2020, Griechenland, Lesbos: Ein zwei Monate altes Baby aus Afghanistan schläft in einem verlassenen Gebäude in der Nähe der Stadt Mytilene auf der nordöstlichen Seite der Insel Lesbos in einer provisorischen Hängematte, während ein Mädchen daneben steht und es schaukelt. 

Überall auf der Welt demonstrieren Menschen gegen Corona-Maßnahmen. Tausende gehen dafür auf die Straßen. Das Thema Flüchtlinge hat dabei – dem Anschein nach – keine Priorität.

Doch was bedeutet es eigentlich, ein Flüchtling zu sein? Die meisten Menschen auf der Welt haben das große Glück, diese Erfahrung niemals machen zu müssen. Menschen schreien vor unseren Toren um Hilfe, wir wollen sie nicht hören. Es sind Menschen, die unter den grausamsten Bedingungen nach Europa gekommen sind, um Schutz zu suchen. Sie werden aber an unseren Grenzen, unterer der europäischen Flagge, ihrem Schicksal überlassen.

Wir waren unterernährt

Ich habe eine ähnliche Erfahrung machen müssen. Am 11. Juli 1995 wurde die Stadt Srebrenica in Bosnien und Herzegowina von der Weltöffentlichkeit im Stich gelassen. Tausende Unschuldige mussten diesen Verrat mit ihrem Leben bezahlen. Ich war eine der glücklichen Überlebenden. Kaum jemand weiß, wie es ist, tagelang ohne Essen auszukommen, schmutziges Wasser zu trinken und keine ärztliche Versorgung zu haben. Wir waren unterernährt, haben öfter zusammengepfercht in Kellern geschlafen. Läuse und Flöhe hatte jeder von uns. Parasitenbefall war normal. Bomben- und Kugelhagel waren an der Tagesordnung. Du hast dich einfach auf den Boden geworfen und bist gekrochen – um dich einigermaßen sicher zu fühlen.

Wir flohen von einem Dorf ins andere und wieder zurück nach Srebrenica. Meine Mutter hat unzählige Male versucht, uns aus dieser Hölle zu retten. Als Frau mit zwei kleinen Kindern aus dem Kriegsgebiet zu entkommen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn man es schaffte, bestand noch immer die Gefahr, auf dem Fluchtweg umgebracht zu werden. Kinder wurden auf diese Weise für immer von ihren Eltern getrennt. Manchmal haben es die Kinder rausgeschafft und die Eltern nicht, oder umgekehrt. Flucht war für uns aussichtslos. Wir haben vergeblich gehofft und gewartet, dass man uns rettet. Die Welt schwieg. Unsere Leben waren nichts wert.

Nachdem wir alles verloren hatten und vertrieben wurden, kamen wir unter schweren Bedingungen und mit Lebensgefahr nach Österreich. Wir sind mit Hilfe eines Schleppers aus Bosnien der Hölle entkommen. Wir hatten keine persönlichen Dokumente, als wir aus Srebrenica vertrieben wurden. Alles musste neu beantragt werden. Keiner denkt bei einer Flucht an irgendwelche Papiere. Das einzige, was du in dem Moment willst, ist dein Leben zu retten. Alles andere ist nebensächlich.

Angst vor Abschiebung

In Österreich angekommen, haben wir uns ein neues Leben aufgebaut. Wir haben versucht, so gut wie möglich nicht als Migranten aufzufallen. Die Angst vor einer Abschiebung war groß. Zudem waren wir als muslimische Minderheit in einem christlichen Land. Es hat einige Zeit gedauert, bis wir Nicht-Muslimen vertrauen konnten. Meine Eltern haben alles aufgeopfert, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Öfter wurden wir nach unserer Ankunft gefragt, wann wir endlich zurück nach Bosnien gehen würden. Der Krieg sei ja vorbei.

Wohin zurück? Wir hatten doch alles verloren. Unser Dorf war ausgelöscht worden. Überall in Bosnien waren noch Mienen vergraben. Es werden noch heute neue Massengräber mit den Leichnamen unserer Angehörigen entdeckt.

Die Menschen, die uns das angetan haben, leben noch immer dort. Sie leugnen jegliches Verbrechen und da sollen wir wieder hin?

Flüchtlinge nicht willkommen

Ich sehe mir heute die Bilder und Videos der Flüchtlinge in Griechenland an und sehe mich in ihnen.

Wieso habe ich diese Chance bekommen, mir in Österreich ein neues Leben aufzubauen und sie nicht? Sind sie nicht in der gleichen Situation wie ich es damals war? Ihr Schicksal ist im Vergleich zu meinem noch schlimmer. Sie haben es geschafft, dem Krieg zu enfliehen, sind aber in einer zweiten Hölle gelandet. In der Hölle namens Flüchtlingslager.

Österreich und auch der Rest Europas entwickeln sich politisch immer weiter rückwärts, immer weiter in Richtung einer nationalistischen Gesinnung. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind mittlerweile salonfähig. Warum auch nicht, wenn Regierungsspitzen es vormachen?

Tod im Nacken

In unseren Regierungen sitzen Menschen, die keinen Tag in ihrem Leben leiden mussten. Sie hatten alle eine privilegierte Kindheit und sind auch so aufgewachsen. Keiner von ihnen denkt nur ansatzweise daran, wie es ist, alles zu verlieren und nichts außer das eigene Leben zu haben. Wie es ist, nicht zu wissen, ob man den nächsten Tag noch erleben wird.

Inwiefern geht es den Flüchtlingen in Griechenland jetzt besser als im Kriegsgebiet, aus dem sie flohen? Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie im Lager nicht mehr mit Munition beschossen werden.

Wann hat die Welt aufgehört, Flüchtlinge als Menschen zu sehen? Kein Mensch wird freiwillig zu einem Flüchtling. Man ist dazu gezwungen, ein Flüchtling zu werden. Kaum jemand riskiert sein Leben und gibt seine Heimat, Kultur und seine gewohnte Umgebung auf, nur um ein vermeintliches El-Dorado in einem unbekannten Land zu suchen. Sein Land zu verlassen, ist immer der letzte Ausweg. Bei uns in Bosnien wird das Heimatland auch als Mutter bezeichnet. Die Heimat auf diese brutale Art und Weise zu verlieren, ist für mich beinahe so, als würde man seine eigene Mutter verlieren.

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