Symbolbild. 

Mit Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 18. Juni 2020 wird bis heute daran festgehalten, dass der Unterricht in Schulen weitestgehend in Präsenzform stattfindet. Unter Einhaltung von Infektionsschutz und Hygieneregeln soll der Unterricht fortgesetzt werden. Die Realität zeigt jedoch, wie schwer die Einhaltung ist, und wie Schüler und Lehrer unter dieser Situation leiden.

Die Ignoranz der Politik

Schulleiter und Lehrer runzeln ärgerlich und nachdenklich die Stirn. Sie fühlen sich im Regen stehen gelassen, während Politik und Landesregierungen die Realität nicht wahrhaben möchten. Die Schulen sind keine pandemiefreien Zonen, ganz im Gegenteil: Der Ausbruch an Schulen nimmt drastisch zu. Doch die meisten Landesregierungen halten stur am Präsenzunterricht fest. Städte wie beispielsweise Solingen schlagen Alarm. Sie schlagen dem NRW-Schulministerium ein Modell vor, bei dem der Unterricht getrennt wird und im wöchentlichen Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht stattfindet. Das heißt: Während die eine Hälfte der Klasse oder des Kurses in der Schule anwesend ist, bleibt die andere Hälfte zuhause und bekommt somit Distanzunterricht. Das Solinger Modell bewirkt somit eine Verringerung der Corona-Infektionsgefahr an Schulen und schafft den nötigen Abstand. Damit wird auch eine komplette Schließung der Schulen verhindert. Dieser konkret ausgearbeitete Vorschlag wird jedoch seitens des NRW-Schulministeriums aus formalen Gründen abgelehnt. Der Staat setzt die Gesundheit von Kindern, Lehrern und weiteren Beschäftigten in schulischen Institutionen aufs Spiel und ignoriert die Schulen!


Bildung vor Gesundheit?

Viele Maßnahmen sind aus demokratischer, gesundheitlicher und logischer Sicht negativ zu beurteilen. Aus demokratischer Perspektive sollte man sich die Frage stellen, inwieweit die Maßnahmen, die seitens der Bundes- und Landesregierung beschlossen werden, mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Aus gesundheitlicher Perspektive ist es fraglich, ob Schulen angesichts der aktuellen Entwicklung überhaupt noch offen bleiben sollten. Aus logischer Perspektive sind viele Entscheidungen fragil. Vor allem, wenn man einerseits die vollen Schulbusse sieht und andererseits Kanzlerin Merkel vorschlägt, die Kontaktbeschränkung bei Kindern noch mehr zu auszuweiten. Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist für die Politik zweitrangig. Es fehlen nach wie vor sinnvolle Modelle für die Verminderung der Infektionsgefahren an Schulen. Bei Aufsicht und Betreuung sowie den Regelungen von Schul- und Heimwegen fehlen klare Vorschriften. Notwendige Lüftungssysteme, die dafür sorgen würden, dass gesund gelüftet wird, kommen zunächst nicht in Frage. Der Politik wichtiger ist die Fortsetzung des Präsenzunterrichts. Dies ist jedoch scheinheilig, denn dieselbe Regierung, die Unterstützung in Höhe von 9 Milliarden Euro für Unternehmen wie Lufthansa leistet, hält es nicht für notwendig, Schulen mit hochwertigen Lüftungsanlagen und Hygieneutensilien auszustatten. Die Hygienevorschriften an Schulen können mangels finanzieller Mittel und fehlendem Personal kaum eingehalten werden.

Chance für Bildungsreform

Das Solinger Modell stellt eine große Chance für Deutschland dar. Es ist eine perfekte Gelegenheit, das Bildungssystem in vielen Bundesländern der Digitalisierung anzupassen. Die Digitalisierung zeichnet unsere Epoche aus und entwickelt sich rasant. Das Bildungssystem darf hier nicht zurückfallen. Laut Bundesregierung wurden früh genug Förderpakete für die Digitalisierung von Schulen freigegeben. Angesichts der stockenden Entwicklungen sollte man sich jedoch die Frage stellen, wo diese Gelder bleiben. Mit sechs Milliarden Euro und 500 Millionen Euro je Bundesland gelingt es Schulen nicht, die Digitalisierung voranzutreiben. Eine Aufstockung des Budgets und eine bürokratische Erleichterung sind erforderlich. Angesichts der aktuellen Pandemie kann man aus perspektivischer und gesundheitlicher Sicht die Gelegenheit nutzen, die Bildung in Deutschland zu reformieren beziehungsweise ihr ein notwendiges Update zu verpassen. Bundesregierung und Landesregierungen haben die Gelegenheit, aus der Krise als Sieger hervorzugehen. Hybride Unterrichtsmodelle wie das Solinger Modell können dafür sorgen, dass die Infektionszahlen an Schulen sinken und das Land sich digital entwickeln kann. So wichtig die Digitalisierung auch ist, darf man doch nicht vergessen, dass soziale Kontakte und das schulische Umfeld notwendige Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sind. Die Digitalisierung darf nicht als Ersatz dienen, sondern soll lediglich als Erweiterung und Bereicherung da sein. Im Übrigen setzt eine Digitalisierung der Schulen eine Anpassung der Bildungsgerechtigkeit voraus. So darf man aus ethischer Sicht, vor allem als Sozialstaat, nicht vergessen, dass Schüler dieselben Bildungsvoraussetzungen, also dieselben Zugänge zu technischen Hilfsmitteln haben müssen. Es wird Zeit, dass man die Bildung nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten ernst nimmt. Der Ernst der Lage verlangt jetzt ein Handeln der Politik.

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