Šefik Džaferović, Vertreter der Bosniaken Mitglied des Staatspräsidiums von Bosnien und Herzegowina. (AA)

von Emine Şeçeroviç Kaşli & Muhammed Ali Uçar

TRT Deutsch sprach mit dem Vertreter der Bosniaken im dreiköpfigen Staatspräsidium von Bosnien und Herzegowina, Šefik Džaferović. Der bosnische Politiker ist das siebte und derzeitige bosniakische Mitglied der Präsidentschaft von Bosnien und Herzegowina. Zuletzt hatten sogenannte „Non-Papers” des slowenischen Ministerpräsidenten eine mögliche Auflösung des Landes angeregt.

In den letzten Tagen ist eines der Hauptthemen auf dem Balkan das „Non-Paper“, in dem auch die mögliche Teilung Bosnien und Herzegowinas (BuH) angeführt wird. Wie sehen Sie dieses Dokument, und was ist der Inhalt?

Die Ideen, die in dem genannten Dokument angeführt werden, sind nicht neu. Wenn es um Bosnien und Herzegowina geht, dann ist darin die Rede von den gleichen Plänen der ethnischen Teilung des Landes und der Einverleibung von Teilen seines Gebietes durch die Nachbarstaaten, welche wir während der Aggression im Zeitraum 1992 bis 1995 bezeugen konnten. Die Erfahrung der Aggression lehrt uns, dass solche Versuche zu massenhaften Kriegsverbrechen geführt haben, die dann im Genozid kulminiert sind. Die Erneuerung solcher Ideen weckt begründete Ängste und eine Vorsicht innerhalb BuHs, und jede Relativierung und Minimalisierung kommt, selbst wenn gute Absichten dahinter stehen, einer Realitätsverweigerung gleich.

Šefik Džaferović.  (AA)


Behauptungen zufolge ist das „Non-Paper“ in Slowenien entstanden. Sie haben gegenüber Medien in Bosnien und Herzegowina bereits gesagt, dass Ihnen seitens der staatlichen Vertreter Sloweniens ein ähnliches Thema präsentiert wurde. Worum geht es genau?

Der Präsident Sloweniens hat geäußert, es gebe Kreise in der EU, die es für notwendig halten, den Prozess des Zerfalls Jugoslawiens zu vollenden und erst dann mit der Integration des Westbalkans in die EU fortzufahren. Ich habe diesbezüglich darauf geantwortet, dass der Zerfall Jugoslawiens ein abgeschlossener Vorgang ist. Daraufhin hat er uns in diesem Kontext gefragt, ob ein friedliches Auseinandergehen möglich wäre, woraufhin Herr Komšić und ich erwidert haben, dass diejenigen, die solche Ideen unterstützen, diesen Staat und diese Region in einen Krieg treiben.

In dem Dokument ist die Rede von etwas, was die Vertreter der RS bereits länger erwähnen. Ist ein solches Szenario überhaupt möglich?

Das Erscheinen des Non-Papers und die Reaktionen darauf haben gezeigt, dass die sezessionistischen Kräfte in Bosnien und Herzegowina, präziser gesagt in der bosnisch-herzegowinischen Entität Republika Srpska und deren Sponsoren in der Region, nur darauf warten, dass ein Signal aus der Europäischen Union kommt, um dann die Länder in die 1990er Jahre zurückzuwerfen. Solange es Politiken gibt, die dies wünschen, ist ein solches Szenario möglich, und darüber müssen sich alle einen Kopf machen, die interessiert sind an der Erhaltung des Friedens und der Stabilität des Westbalkans.

Wie ist die Haltung des bosniakischen Volkes zu dieser Frage, und wie haben die Bürger auf das Erscheinen des „Non-Papers“ reagiert?

Die Bosniaken wie auch alle bosnisch-herzegowinischen Patrioten werden die Idee der Teilung Bosnien und Herzegowinas nicht annehmen. So etwas wurde in den 1990er Jahren versucht, und damals haben wir uns gegen diese Tendenz zur Wehr gesetzt, als wir noch schwächer waren als heute. Sicherlich wird jeder, der solche Ideen durchzusetzen versucht, auf Widerstand des bosniakischen Volkes und aller bosnisch-herzegowinischen Patrioten stoßen, wie auch auf den Widerstand unserer Freunde weltweit.

Es ist bekannt, dass die internationale Staatengemeinschaft die Integrität Bosnien und Herzegowinas unterstützt. Welche Verantwortung trägt Ihrer Meinung nach die internationale Gemeinschaft in diesem Fall bezüglich des Non-Papers? Haben Sie Erwartungen in Bezug auf die Europäische Union, und welche sind dies?

Ich bin davon überzeugt, dass das „Non-Paper“ keinen Bezug zur offiziellen Politik Brüssels hat, aber dass vereinzelte, radikale und islamophobe Kreise innerhalb der EU keine guten Absichten gegenüber Bosnien und Herzegowina und den Bosniaken hegen. Unsere Erwartungen sind, dass die EU solche Ideen schon in ihrer Entstehung bekämpft und diejenigen, die in diese Richtung gehen wollen, entmutigt und sogar bestraft, wenn sie nicht davon ablassen. Es ermutigt zu sehen, dass es zu einer Vielzahl von Verurteilungen des „Non-Papers“ gekommen ist, in Europa und in aller Welt. Aber für die zusätzliche Stärkung des Friedens sind proaktive Schritte nötig, um die sezessionistischen Politiken in BuH einzudämmen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Ziel eines solchen Dokuments, das auf diese Art und Weise eingebracht wurde? Was wird zu guter Letzt das Resultat sein?

Ziel ist es, den Staat BuH zu destabilisieren. Es ist ein Versuch, die sezessionistischen Kräften innerhalb BuHs zu ermutigen, eine politische Krise im Land zu erzeugen, um so den weiteren Fortschritt zu blockieren. Die Kräfte, die kein modernes, demokratisches BuH als Mitglied von EU und NATO wollen, geben hier den Politiken der Blockaden und Teilungen unaufhörliche Unterstützung, um uns daran zu hindern, unser gemeinsames Ziel zu erreichen, was der Wunsch der Mehrheit der Bürger in BuH ist.

Das „Non-Paper“ ist zweifelsohne ein Versuchsballon in Bezug auf rückwärtsgewandte Ideen gewesen. Aufgrund dessen war es enorm wichtig, auf die Gefahr zu reagieren, die solche Vorschläge mit sich bringen, und ebenso hervorzuheben, dass diejenigen, die solche Ideen vorbringen, BuH und die Region in Richtung eines erneuten Blutvergießens manövrieren.


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