Die alttürkische Runenschrift auf einem Monolith (AA)

Mit ihren Funden brachten skandinavische und russische Experten Ende des 19. Jahrhunderts einen Schwung in die akademische Welt der Sprach- und Geschichtswissenschaft: Die über Tausend Jahre alten Orchon-Monolithen, die nach dem göktürkischen Staatsmann Tonyukuk sowie den Herrscherbrüdern Bilge Khan und Kül Tigin benannt sind, wurden auf dem Gebiet der heutigen Mongolei entdeckt. Die alttürkischen Inschriften auf den Felsblöcken geben einen Einblick in die Weltanschauung und Geschichte der alten Turkvölker.

Die zwischen den Jahren 720 und 725 von Tonyukuk in Auftrag gegebenen ersten zwei Denkmäler gelten als die älteste Quelle zur alttürkischen Welt. Zudem stellen sie durch die Runenschrift, die auf den Monolithen eingraviert ist, die älteste sprachwissenschaftliche Quelle der Turkvölker dar. In insgesamt 62 Sätzen geben sie wertvolle Erkenntnisse zur Geschichte dieser Völker in Zentralasien. Auf den Rückseiten sind auch chinesische Sätze zu lesen. Die heutige Weltmacht war in der damaligen Zeit ein Erzfeind der Turkvölker.

Die Monolithen, die zu Ehren von Bilge Khan und Kül Tigin errichtet wurden, werden heute in einem Museum in der Mongolei ausgestellt. (AA)

Bei den nach Bilge Khan und seinem Bruder Kül Tigin benannten Orchon-Inschriften handelt es sich um zwei Memoranden, die im 8. Jahrhundert zwischen den Jahren 730 und 735 errichtet wurden. Die Brüder gelten als zwei der wichtigsten Figuren des Zweiten Türk-Kaganats, das zu den ältesten türkischen Staaten zählt: Bilge Khan stand als Großkhan an der Spitze des Staates, wobei sein Bruder Kül Tigin ebenfalls eine bedeutende politische und militärische Rolle im Staat innehatte.

Erforschung der Monolithen durch Skandinavier und Russen Die Monumente blieben etwa ein Jahrtausend unbemerkt in der zentralasiatischen Mongolei. Entdeckt und untersucht wurden sie jedoch nicht von Türken, für deren Kultur und Geschichte sie von elementarer Bedeutung sind. Skandinavische Linguisten und der russische Staat bemühten sich intensiv um die Auffindung der Monolithen und deren Entzifferung, ohne zu wissen, dass sie sich als türkische Kulturgüter entpuppen würden.

Der Schwede Philipp Johann von Strahlenberg, der nach einem Krieg von Russland gefangengenommen wurde, entdeckte als erster im 18. Jahrhundert die Göktürk-Sprache im asiatischen Raum. Er war nach einem Befehl des russischen Zaren Petro I. zusammen mit dem Botaniker Daniel Gottlieb Messerschmidt nach Sibirien aufgebrochen, um die Flora der Gegend genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei stieß er auf Felsblöcke, die mit Inschriften in einer ihm bis dahin unbekannten Schrift versehen waren: die Göktürk-Schrift. Dieser zufällige Fund im Jahr 1721 in der Nähe des Jenissei sorgte unter den Sprachforschern für Aufsehen.

Die Tonyukuk-Monolithen in der Mongolei (AA)

Auch der russische Machthaber Petro interessierte sich stark für die neuen Entdeckungen und förderte die Untersuchung der Region, in der die ersten kleinen Denkmäler gefunden worden waren – in der Hoffnung, die Runenschrift stamme von einer alten russischen Sprache und könne somit das kulturelle Fundament seiner Macht stärken.

So machte sich 1889 ein Expeditionsteam um den russischen Ethnographen Nikolai Yadrintsev auf den Weg in das Gebiet, um es ausgiebig zu untersuchen. Die Forscher waren erfolgreich: Die nach Bilge Khan und Kül Tigin benannten Monolithen wurden entdeckt. Später konnten auch die beiden Tonyukuk-Monolithen fündig gemacht werden.

Was steht in den Orchon-Inschriften?

Viele Forscher bemühten sich um die Dekodierung der bis dahin unbekannten Runenschrift. Einer dieser Experten war der dänische Sprachforscher Vilhelm Thomsen: 1893 gelang ihm die Entzifferung der Orchon-Inschriften. Mit seiner Arbeit sorgte der Däne für großes Echo in der Turkologie. 1896 fasste er seine Analysen zu den alttürkischen Inschriften in einem akademischen Werk zusammen.

Die Arbeiten Thomsens an den Orchon-Runen waren gleichzeitig von einem regelrechten Wettrennen mit dem deutsch-russischen Sprachwissenschaftler Wilhelm Radloff geprägt. Dieser hatte die Übersetzungsarbeiten zu den Inschriften früher als Thomsen veröffentlicht, wobei auch Fehler Teil seiner Arbeit waren. Die Werke des Dänen werden aus diesem Grund als Quelle für die alttürkische Runenschrift bevorzugt.

Die Monumente haben auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil in der Tonyukuk-Inschrift die älteste Kodifizierung des Wortes „Türke“ zu finden ist. Der Text, der Forschungen zufolge von Tonyukuk persönlich verfasst wurde, berichtet hauptsächlich über die Rivalität des damaligen Turkvolkes mit den chinesischen Nachbarn und schildert, wie sich die Türken vor der Unterwerfung durch den Nachbarstaat retten konnten.

Die nach Kül Tigin benannte Inschrift wurde ihm nach seinem Tod von seinem Bruder Bilge Khan, dem Herrscher des Zweiten Göktürk-Kaganats, gewidmet. Die Inschrift warnt vor den Bedrohungen, die von der chinesischen Tang-Dynastie ausgehen könnten. Der Herrscher ruft in dem Text sein Volk durch mehrere Gebote zur Wachsamkeit auf und schildert die Gründungsgeschichte des Zweiten Göktürk-Kaganats. Er schildert ebenso das große Leid, das er nach dem Ableben seines Bruders verspürte. „Mein kleiner Bruder Kül Tigin ist gestorben. Ich bin in Gedanken versunken. Es war, als hätte ich mein Augenlicht verloren, als habe mein Verstand nichts mehr begriffen.“

Nach dem Tod Bilge Khans wurde auch ihm ein Monument gewidmet. Sein Sohn Tengri Khan ließ die letzte Inschrift verfassen, um die Leistungen seines Vaters als Staatsoberhaupt zusammenzufassen und zu verewigen.

TRT Deutsch