20.10.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Gedenkstätte des NSU-Opfers Mehmet Turgut im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel in der Nähe des früheren Tatorts. Turgut wurde am 25.02.2004 in einem Imbiss vom NSU erschossen. (dpa)
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Am heutigen Freitag jährt sich der NSU-Mord an Mehmet Turgut in einem Rostocker Imbiss zum 18. Mal. Turgut ist das fünfte Opfer des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Der türkischstämmige Mann half in dem Imbiss aus, als er zum Opfer des NSU wurde. Vier Kugeln wurden auf ihn aus einer Ceska 83 mit Schalldämpfer abgefeuert – drei davon trafen den 26-Jährigen an Kopf, Nacken und Hals.

Wenige Minuten später fand der Imbiss-Besitzer den Schwerverletzten. Der Notruf wurde alarmiert – doch es war zu spät. Mehmet Turgut verstarb im Rettungswagen am Tatort. Sämtliche Rettungs- und Reanimierungsmaßnahmen waren vergebens.

Keine Ermittlungen in Richtung Rechtsextremismus

Die Rostocker Mordkommission richtete daraufhin die Sonderkommission „Komoran“ ein. Ermittler gingen von einer Auseinandersetzung im Drogenmilieu aus. Sie nahmen fälschlicherweise an, Turgut habe mit Drogen gehandelt. Ein rechtsextremes Motiv schloss die Polizei von vornherein aus – wie sich später herausstellte, zu Unrecht.

Die Argumentation lautete: Es gebe kein Bekennerschreiben, daher könne aus der Tat kein Rückschluss auf ein politisches Motiv gezogen werden. So äußerte sich später ein LKA-Beamter.

Ein möglicher Zusammenhang mit den Morden an Einwanderern am 9.9.2000 und 13.6.2001 in Nürnberg, am 27.6.2001 in Hamburg und am 29.8.2001 in München wurde zum damaligen Zeitpunkt nicht näher in Betracht gezogen. Außer dem Typ der Tatwaffe sah man zu wenige augenfällige Gemeinsamkeiten.

Terrorstrategie nach Anleitung eines US-Neonazis

Erst mit der Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ konnte der Mord an Mehmet Turgut aufgeklärt werden. Im November 2011 wurde die Ceska 83, mit der er getötet worden war, in Zwickau in der Wohnung des NSU-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gefunden.

Die Waffe war zuvor bereits bei den ersten NSU-Morden verwendet worden. Nach der Bluttat in Rostock wurden mit der Ceska bis zum Jahr 2006 noch weitere vier Morde begangen.

Fast 14 Jahre hatten die Rechtsterroristen im Untergrund gelebt. Das Trio ermordete wahllos neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft und eine deutsche Polizistin. Auf das Konto des NSU-Trios gehen auch zwei Sprengstoffanschläge und mehr als ein Dutzend Raubüberfälle. Die Strategie der Terroristen war offenbar durch ein Buch eines 2002 verstorbenen US-amerikanischen Neonazis inspiriert.

Sperrfrist für NSU-Akten nach politischem Druck verkürzt

Nach einem Banküberfall begangen Böhnhardt und Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach Selbstmord. Zeugen hatten sie bei der kriminellen Tat beobachtet, dadurch gingen sie davon aus, aufgeflogen zu sein. Die Polizei fand ihre Leichen in einem ausgebrannten Wohnmobil.

Beate Zschäpe sprengte anschließend die Wohnung in Zwickau in die Luft und meldete sich in weiterer Folge mit ihrem Anwalt bei der Polizei. In den darauffolgenden Tagen gingen Bekennervideos bei verschiedenen Medien und Institutionen ein. Das Oberlandesgericht München verurteilte Zschäpe im Juli 2018 wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft.

Auch nach dem NSU-Prozess bleiben jedoch viele Fragen offen. Der hessische Verfassungsschutz wollte eine Akte über die Rechtsterroristen bis ins Jahr 2134 unter Verschluss halten. Die Sperrfrist von 120 Jahren bezüglich der Akten zum NSU-Komplex gab Anlass zu Verschwörungstheorien. Mittlerweile wurde sie auf 30 Jahre reduziert.

TRT Deutsch