EKD-Chefin: Systemische Gründe für Missbrauch in der Kirche (Symbolbild) (DPA)
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Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, sieht systemische Gründe für die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche. „Es gibt kirchliche Muster und Strukturen, die sexualisierte Gewalt begünstigen“, sagte Kurschus der „Rheinischen Post“. „Das sind in der evangelischen Kirche andere als in der katholischen Kirche.“ Auch in evangelischen Gemeinden und Einrichtungen gebe es sexualisierte Gewalt: „Dadurch wurde und wird Vertrauen zerstört.“ Dieses zurückzugewinnen, sei ein langer Prozess. Kurschus verwies auf eine EKD-weit angestoßene umfangreiche wissenschaftliche Studie, die von unabhängigen Stellen vorangebracht und ausgewertet werde. „Wir legen Wert auf größtmögliche Transparenz, um allmählich wieder Vertrauen zu gewinnen bei betroffenen Menschen und auch bei denen, die das Ganze ‚von außen‘ verstört beobachten.“ Die Studie werde unter anderem bei den systemischen Gründen für Missbrauch einen Schwerpunkt haben - sie solle Muster und Strukturen offenlegen, die sexuelle Übergriffe in der Kirche begünstigen. Ein Gutachten zu Fällen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum München und Freising hatte die katholische Kirche in den vergangenen Tagen erschüttert. Das vom Erzbistum bei einer Anwaltskanzlei in Auftrag gegebene Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden. Den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., wird konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen. Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgehalten. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

DPA