Nordrhein-Westfalen, Münster: Jacken der Bundeswehr mit angenähter Deutschlandflagge hängen an einer Garderobe. (DPA)

Erstmals erinnert in Tschechien eine Dauerausstellung an die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen. Die Schau „Unsere Deutschen“ im Stadtmuseum in Usti nad Labem (Aussig an der Elbe) wurde am Mittwoch feierlich eröffnet und gilt als Meilenstein der Aussöhnung. „Sie haben den Reichtum dieses Ortes mitgeschaffen“, sagte der tschechische Kulturminister Lubomir Zaoralek über die Sudetendeutschen.

Deutsche Spuren in der Region in ihrer Vielfalt dargestellt
Auf mehr als 1500 Quadratmetern werden Kultur und Leben der einstigen deutschsprachigen Bevölkerung über acht Jahrhunderte hinweg präsentiert. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer bedankte sich für diese „wunderbare Initiative“, die einlade, über das Vergangene zu sprechen. „Sie reichen mit dieser Ausstellung aus meiner Sicht auch die Hand“, sagte der CDU-Politiker.
Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen von der Ankunft der ersten deutschsprachigen Siedler in Böhmen und Mähren im Mittelalter bis hin zur berühmten Kaffeehauskultur im zweisprachigen Prag der Zwischenkriegszeit. Er sei froh, dass die Schau nach mehr als zehnjährigen Vorbereitungen in dieser Form fertiggestellt werden konnte, sagte Kurator Petr Koura.
Zu sehen sind Produkte sudetendeutscher Unternehmer von Motorrädern über Musikinstrumente bis hin zu Seife. Namen wie Franz Kafka und Egon Erwin Kisch stehen für die deutschsprachige Literatur. Hitler-Plakate erinnern an das dunkle Kapitel der nationalsozialistischen Besatzung, Bilder von im KZ ermordeten Menschen an das Schicksal der Juden. Rund drei Millionen Sudetendeutsche wurden vertrieben
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden rund drei Millionen Sudetendeutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. In einem kleinen Raum werden bei der Flucht zurückgelassene Koffer und Alltagsgegenstände gezeigt. Sie hätten auf ihn einen starken Eindruck gemacht, sagte Kurator Koura. Noch fehlt eine Karte, die Orte von Massakern an Deutschen im Zuge der sogenannten „wilden Vertreibung“ zeigen soll.
Finanziert wurde das umgerechnet rund zwei Millionen Euro teure Projekt unter anderem vom tschechischen Kulturministerium und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Die Ausstellung hat eine turbulente Entstehungsgeschichte. Nach der Entlassung des ersten Vorbereitungsteams um die Politologin Blanka Mouralova im Jahr 2017 drohte beinahe das Aus für das Projekt. Die Finanzierung sei schwierig gewesen, räumte ihr Nachfolger Koura ein.
Der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, begrüßte die Fertigstellung des Projekts.

Gemeinsamkeit betont statt Aufrechnung betrieben „Dies trägt wesentlich zur Verständigung und zur Wundheilung bei, nicht nur für die Vertriebenen, sondern auch für die deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik“, sagte der CSU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Anders als vereinzelte Kritiker halte er die Bezeichnung „Naši Němci“ (Unsere Deutschen) nicht für vereinnahmend. „Ich interpretiere sie positiv als Ausdruck der fast tausend Jahre alten Gemeinsamkeit in den Böhmischen Ländern“, betonte Posselt.
Auf den Besucher warten einige Überraschungen. Wer hätte gedacht, dass der künstlerische Leiter des Beatles-Films „Yellow Submarine“, Heinz Edelmann, aus Aussig stammte? Oder eine deutschsprachige Jüdin aus der Stadt an der Elbe am Manhattanprojekt zur Entwicklung der US-Atombombe mitwirkte? Nur das Ende des Rundgangs scheint etwas willkürlich. Dort steht ein Fußballkicker mit Figuren in den Farben des Deutschen Fußball-Clubs Prag – und lädt die Besucher zum Spielen ein.

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DPA