Esra Doğanay von NourEnergy im Interview mit TRT Deutsch. (DPA)

von Ali Özkök Das in Darmstadt lebende Ehepaar Esra und Tanju Doğanay engagiert sich bereits seit über einem Jahrzehnt für eine Festigung des ökologischen Bewusstseins und des umweltbewussten Lebens in der muslimischen Community. Mit TRT Deutsch sprachen die beiden über ihren Zugang zu ökologischen Themen aus islamischer Sicht im Allgemeinen und über die Kampagne „GreenIftar“ im Besonderen. Im zurückliegenden Ramadan hatten sie nun im fünften Jahr in Folge diese Initiative hochgefahren, um Muslimen Lösungen für die aktuellen Herausforderungen unseres Lebensmittelkonsums und der vielen Plastikverpackungen aufzuzeigen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Umweltbewusstsein unter deutschen Muslimen? Esra Doğanay: Das Interesse der Muslim:innen in Deutschland am Thema Umweltschutz wächst von Tag zu Tag. Insbesondere die jungen Muslim:innen setzen sich immer mehr mit dem Thema auseinander. Bis zur Pandemie waren unsere ReferentInnen von NourEnergy e. V. nahezu jedes Wochenende für einen Vortrag oder einen Workshop zum Thema Nachhaltigkeit aus muslimischer Perspektive ausgebucht. Oft kommen diese Einladungen von jungen Muslim:innen, die in Moscheen oder anderen Einrichtungen aktiv sind. Diesen Wandel im Bewusstsein und Handeln zu erleben, ihn mitgestalten zu dürfen, freut uns sehr. Sie arbeiten bereits seit mehreren Jahren im Verein NourEnergy e. V. mit und leiten seit mehreren Jahren die Kampagne „GreenIftar”. Wann hat Ihr Interesse an ökologischen Themen be-gonnen und seit wann engagieren Sie sich bereits in diesem Bereich? Esra Doğanay: Bereits zur Schulzeit habe ich mich sehr für Naturwissenschaften und die Rolle des Menschen interessiert. Dementsprechend habe ich auch mein Studium gewählt. Ich habe im Bachelor Bau- und Umweltingenieurwesen studiert und anschließend meinen Master in Wasser- und Umweltingenieurwesen abgeschlossen. Dabei haben mich weniger die High-Tech-Lösungen, sondern vielmehr die Low-Tech-Lösungen interessiert, die auf jahrhundertealter Tradition und Erfahrung basieren und die Lösungen aus der Natur adaptieren. Parallel zu meinem Studium habe ich mich bei NourEnergy ehrenamtlich engagiert. Heute arbeite ich hauptberuflich als Ingenieurin an nachhaltigen Mobilitätslösungen, um Städte nachhaltiger zu gestalten. Ehrenamtlich bin ich bei der Kampagne GreenIftar tätig und befasse mich mit der Fragestellung, wie wir es erreichen, das Thema Nachhaltigkeit in der muslimischen Community fest zu verankern. Tanju Doğanay: Mit dem Diplom-Studium des Wirtschaftsingenieurwesens und dem Schwerpunkt der Erneuerbare Energien begann meine Reise, mich intensiver mit den Umweltherausforderungen unserer Zeit zu beschäftigen. Mit 23 Jahren – zeitgleich zum Studienabschluss – habe ich dann im Jahr 2010 die Organisation NourEnergy gegründet. Dabei treibt mich vor allem an, für ökologische Herausforderungen Lösungen zu entwickeln und umzusetzen, die nützlich für Mensch und Umwelt sind. Hierzu ist beispielsweise die solare Stromgewinnung auf sozialen Einrichtungen, wie Moscheen und Waisenhäuser, oder „GreenIftar“ zu erwähnen. Es ist mir wichtig, erst zu „machen“ und dann über Ergebnisse zu reden.

Tanju Doğanay von NourEnergy im Interview mit TRT Deutsch. (TRT Deutsch)

Nicht immer bedeutet ein Halal-Zertifikat auf einer Ware, dass diese automatisch auch umweltschonend hergestellt wurde. Sehen Sie in diesem Bereich Initiativen, die sich zum Ziel gesetzt haben, diesen Aspekt eines schonenden Umgangs mit der Schöpfung in diesen Komplex in stärkerem Maße einzubeziehen?

Tanju Doğanay: Hier haben die Lebensmittelindustrie, aber auch andere Branchen tatsächlich Nachholbedarf. Wir betrachten die Begriffe „halal“ und „tayyib“ leider nicht mehr zusammen. Obwohl doch im Qur'an der Mensch ganz klar aufgefordert wird: „Ihr Menschen! Esst von alledem, was es auf der Erde gibt, soweit es erlaubt (halal) und gut (tayyib) ist!“ Wenn wir die Begrifflichkeit am Beispiel der Fleischproduktion erklären, muss auf der einen Seite das Tier den religiösen Vorschriften entsprechend geschlachtet werden, damit das Fleisch für die Muslim:innen „halal“ ist. Auf der anderen Seite ist die moralische und ethische Forderung des Qur'ans bezüglich tayyib zu erfüllen, in dem z. B. das Tier artgerecht gehalten wird. Leider kommt genau dieser Aspekt bei der Auswahl des Fleischproduktes bei vielen von uns zu kurz.

Doch es gibt einzelne Initiativen und Unternehmen, die bei ihren Produkten den Fokus auf „tayyib“ setzen. Hier ist als Beispiel das kürzlich gegründete Start-up „rahatnook” erwähnenswert. Dort werden nachhaltige Gebetsteppiche produziert. Das gesamte Konzept des Unternehmens ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt, von der Schafhaltung über die Wollegewinnung bis hin zum fertigen Teppich, der aus natürlichen Materialien besteht.

Umweltschutz und Nachhaltigkeit gelten vielfach als elitäre Themen. Viele einfache Menschen können sich teureres Biofleisch, Reformhausgemüse oder teure Bahntickets nicht leisten. Wie kann gewährleistet werden, dass ärmere Menschen nicht am Ende die Zeche für die Ideen von Managertöchtern aus dem Villenviertel zahlen? Esra Doğanay: Ja, es ist nicht richtig, an alle Menschen die gleichen Anforderungen bezüglich Nachhaltigkeit zu stellen. Natürlich sieht der Beitrag, den eine vier- oder fünfköpfige Familie leistet, bei der nur ein Elternteil arbeitet, anders aus als bei der Familie mit Doppelgehältern und vielleicht auch mit akademischen Abschlüssen. Wir Menschen sitzen alle im selben Boot. Hierbei ist zu erwähnen, dass gerade die Menschen aus einkommensschwächeren Haushalten nicht die Hauptverursacher sind und gleichzeitig werden sie die Ersten sein, die die Folgen des Klimawandels spüren. Das sehen wir heute sehr gut am Beispiel der Luftverschmutzung und der Lärmemission. Stadtteile mit verstärkt einkommensschwachen Haushalten weisen höhere Schadstoff- und Lärmemissionen auf.

Nichtsdestotrotz glauben Muslim:innen daran, dass jeder Mensch für seine eigene Seele verantwortlich ist und für genau das zur Rechenschaft gezogen wird, was im eigenen Wirkungsbereich getan bzw. unterlassen wurde. Gott wird jedem/jeder entsprechend der eigenen Absichten vergelten - ein muslimisches Glaubensfundament. Eine nachhaltige Lebensweise bedeutet auch bewussten, gemäßigten und gesunden Konsum und dieser muss nicht immer teuer sein. Im Gegenteil: Er kann sich auch positiv auf den Geldbeutel auswirken. Auch eine mehrköpfige Familie kann bewusster leben, indem sie bewusst auf bestimmte ungesunde Produkte verzichtet, die im Körper primär mehr Schaden als Nutzen verursachen, wie z. B. Fastfood, Süßigkeiten, Softdrinks, Chips etc. - dafür aber gute, biologisch angebaute Lebensmittel zur richtigen Saison kauft, die dann auch zu attraktiven Preisen angeboten werden. Außerdem darf hier nicht vergessen werden, dass biologisch angebaute Produkte gesünder sind und wenig bis keine Schadstoffe für Mensch und Umwelt aufweisen. Weniger einzukaufen, langlebige und reparaturfähige Produkte zu besitzen, den Strom- und Wasserverbrauch zu reduzieren sind weitere nachhaltige Schritte, die gleichzeitig Kosten einsparen können. Welche Chancen sehen Sie insbesondere für die muslimische Community, sozialen Aufstieg und wirtschaftlichen Erfolg mit Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu verbinden? Wo liegen die künftigen Potenziale diesbezüglich gerade aus islamischer Sicht? Tanju Doğanay: Stellen Sie sich vor, Ihnen wird ein edles Luxusauto für fünf Jahre anvertraut. Sie dürfen es in der Zeit zum Nulltarif nutzen, sollen es aber pflegen und nach Ablauf der Zeit wieder zurückgeben. Wie würden Sie das Produkt behandeln? Wären Sie dem großzügigen Eigentümer dankbar?

Der Begriff „Umwelt“ ist eine Frage der Perspektive. Prinzipiell ist damit die umgebende Welt des Menschen gemeint. Im Zentrum dieser Betrachtung steht also der Mensch. Aus islamischer Sicht hat Gott alles erschaffen - den Menschen, aber auch alles andere im Universum. Dieser Perspektive zufolge, in der der Schöpfer übergeordnet steht, ist der Mensch auch nur ein „Produkt“ wie alles andere auf der Erde. Er hat jedoch die besondere Aufgabe, der Beauftragte Gottes (khalifah) zu sein. Dafür wurde er auch mit Verstand ausgestattet. Der Mensch hat Gott zu dienen und die Erde zu kultivieren. Gott erinnert im Qur'an die Menschen daran, selbst die Verantwortung für die Schöpfung als Treuhand (amanah) anzunehmen. Gleichzeitig sichert der Schöpfer zu, diejenigen Menschen zu den Erfolgreichen im Dies- und Jenseits zu erheben, die Ihm dienen, sich auf der Erde für Gerechtigkeit einsetzen und gegen Ungerechtigkeit vorgehen. Der Mensch soll kein Unheil stiften und für Reinheit sorgen, nachdem die Schöpfung schön und im Gleichgewicht erschaffen wurde. Die Schöpfung - auch der menschliche Körper - wird am Jüngsten Tag die Fähigkeiten erhalten, entweder für oder gegen jeden einzelnen Menschen zu sprechen und damit Zeuge zu sein.

Esra Doğanay bei einer Veranstaltung. (TRT Deutsch)

Der wirtschaftliche Erfolg und soziale Aufstieg von Muslim:innen hängt demnach auch davon ab, wie wir die Schöpfung Gottes behandeln. Das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist „Gerechtigkeit“; unabhängig davon, in welchem Bereich man aktiv ist. Es gilt Körper, Ort, Verstand, Herz, Wissen, Laute, Luft, Stadt, Erscheinung und Konsum nicht zu verunreinigen. Wenn also Muslim:innen erfolgreich sein wollen, ist die Achtung der Rechte der Mitgeschöpfe – unserer Umwelt – ein wichtiges Handlungsfeld, um das Wohlgefallen des Schöpfers zu erreichen. Durch ein nachhaltiges Leben und nachhaltige Innovationen werden Muslime auch wieder nützlicher für Mensch und Umwelt sein, so wie historisch über Jahrhunderte hinweg bewiesen. Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch