Die GDL räumt der Deutschen Bahn zunächst Zeit zum Überlegen ein (DPA)

von Feride Tavus

Die Lokführer haben ihre dritte Streikrunde beendet. Ein Anlass zum Aufatmen ist aber nicht in Sicht. Bislang konnten sich beide Tarifparteien in den Verhandlungen immer noch nicht einigen. Der stellvertretende GDL-Bundesvorsitzende Norbert Quitter erklärt im TRT-Deutsch-Gespräch, unter welchen Voraussetzungen ihm eine vierte Streikrunde als abwendbar erscheint.

Der bislang dritte Streik in der laufenden Tarifrunde wurde in der Nacht zum Dienstag planmäßig beendet. Welche Bilanz ziehen Sie daraus?

Die Eisenbahner haben dem Management eindrucksvoll gezeigt, was sie von seinen Aktionen und Provokationen halten. Zusätzlich zum Streik haben GDLer und Mitglieder der dbb-Gewerkschaften auf Kundgebungen im gesamten Bundesgebiet ihrem Unmut über die DB Luft gemacht. Solidarische Unterstützung haben auch viele Mitglieder aus den Reihen der DGB-Gewerkschaften sowohl auf den Kundgebungen als auch in schriftlichen Solidaritätsadressen an die GDL gezeigt. Droht eine vierte Streikrunde?

Diese Frage muss das Management der DB beantworten. Jetzt räumen wir dem Arbeitgeber zunächst Zeit ein, um zu überlegen, ob er seinen Kurs gegen Kunden, Mitarbeiter und gesetzliche Grundrechte aufrechterhalten will. Falls dem so sein sollte, sind weitere Streiks unabwendbar. Wenn er aber ein echtes und belastbares Angebot für alle GDL-Mitglieder vorlegt, steht einer Wiederaufnahme der Verhandlungen nichts im Wege.

Der stellvertretende GDL-Bundesvorsitzende Norbert Quitter (GDL)

Wäre ein weiterer Streik den Fahrgästen zumutbar? Auch diese Frage muss die DB beantworten. Was die Fahrgäste betrifft, so sollte sich deren Wut und Frust gegen diejenigen richten, die erneut versucht haben, demokratische Grundrechte in diesem Land mit Füßen zu treten und Steuergelder in Gerichtsverfahren gegen die eigenen Beschäftigten zu verbrennen. Gibt es eine solide Basis für neue Verhandlungen? Derzeit nicht, doch bei Vorlage eines echten und belastbaren Angebots für alle GDL-Mitglieder steht einer Wiederaufnahme der Verhandlungen nichts im Wege. Die Bahn sieht den Streik als politisch motiviert. Es gehe nicht um einen Tarifvertrag, sondern um Partikularinteressen und Profilierungsversuche. Wie sehen Sie das? Das Landesarbeitsgericht Hessen hat am Freitag entschieden, dass unsere Streiks rechtmäßig, verhältnismäßig und zulässig sind. Ein politischer Streik wäre verboten worden. Daher dienen solche Parolen der DB ausschließlich zur Täuschung der Kunden und der eigenen Mitarbeiter. Der Arbeitgeber will davon ablenken, dass er den Eisenbahnern einen angemessenen Tarifabschluss, Wertschätzung und Anerkennung vorenthalten will. Droht zwischen der GDL und der Bahngewerkschaft EVG ein Zerwürfnis? Die Mitglieder der GDL haben mit 95-prozentiger Zustimmung für einen Arbeitskampf zur Durchsetzung ihrer berechtigten Interessen im Rahmen der Urabstimmung votiert. Diese Aufgabenstellung unserer Mitglieder nehmen wir ernst. Unser Ziel ist ein Tarifabschluss, der Wertschätzung und Respekt für die Leistung der Eisenbahner beinhaltet und nicht Kürzungen bei den Betriebsrenten sowie Null- und Minusrunden. Das ist unser Weg. Welchen Weg die EVG verfolgt, muss sie selbst entscheiden. Einige Kritiker ziehen nun auch die Klimakarte und werfen Ihnen vor, gegen die „Verkehrswende” zu streiken. Ein vorgeschobenes Argument oder doch ein unfreiwilliges Eingeständnis, dass die Politik nicht alle Optionen bedenkt?

Ob die Politik alle Optionen bedenkt, können die Wähler bei den Wahlen entscheiden. Die Eisenbahn ist eine tragende Säule für einen gelingenden Klimawandel. Dafür benötigt sie aber auch engagierte und motivierte Mitarbeiter in ausreichender Anzahl. Dies ist heute nicht vorhanden. Auch aus diesem Grund kämpfen wir als GDL für einen Tarifabschluss, mit dem alle systemrelevanten Eisenbahnberufe wieder mehr Anerkennung erhalten, um so auch mehr neue Mitarbeiter für unsere Berufe beim ökologischsten Verkehrsmittel Eisenbahn begeistern zu können. Wenn Sie Ihren Mailbriefkasten checken: Finden sich dort mehr Äußerungen des Zuspruchs oder Beschimpfungen und Drohungen? Natürlich erreichen uns Unmutsäußerungen verärgerter Bürger, aber noch öfter gehen Zuspruch und Unterstützungsbekundungen bei uns ein. Manche äußern den Wunsch, auch in ihren eigenen Berufen von einer so starken Gewerkschaft wie der GDL vertreten zu werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

TRT Deutsch