Metaversum – wo Träume wahr werden. Oder doch nicht?
Phänomen des Jahres 2022 wird ohne Frage das Metaversum sein. Doch kann es das Versprechen auf ein für jeden individuell gestaltbares Utopia einhalten, oder wird das virtuelle Universum die Kluft zwischen Reich und Arm noch mehr vergrößern?
Metaversum (AA)

Metaversum – ein neues Phänomen, über das in letzter Zeit viel gesprochen wird. Dabei geht es um eine Vision für das Internet, bei der Technologien wie virtuelle und erweiterte Realität genutzt werden, um reale und digitale Welten ineinander zu integrieren.

Das Metaversum (englisch metaverse) ist ein kollektiver virtueller Raum, der durch die Konvergenz von virtuell erweiterter physischer Realität und physisch persistentem virtuellen Raum entsteht. Laut Technologieunternehmen können Nutzer im Metaversum mit Hilfe eines selbst erstellten Avatars die Welten mitgestalten und dort „leben, lernen, arbeiten und feiern.” Facebook hat bereits seinen Namen in Meta geändert. Andere große Technologieunternehmen wie Microsoft arbeiten derzeit daran. Folglich wird vor allem auf sozialen Medien viel über das Potenzial des Metaversums diskutiert. Das Potenzial ist gigantisch, das ist keine Frage. Doch das Wesentliche hierbei ist, wie viele Menschen von diesem Potenzial Gebrauch machen könnten. Kann das Metaversum dabei helfen, Chancenungleichheiten zu bekämpfen, oder führt es zu mehr Ungleichheit bei der Ressourcenaufteilung zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern?

40 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Internetzugang

Leben, lernen, arbeiten und feiern heißt der Slogan. Das sind Grundrechte eines jeden Individuums. Doch leider gibt es im 21. Jahrhundert immer noch Haushalte, die über keine Internetverbindung verfügen und somit auch von den Gelegenheiten der neuen Technologien nicht Gebrauch machen können.

Der Anteil der Haushalte in Deutschland mit Internetzugang ist von 46 Prozent im Jahr 2002 auf 96 Prozent im Jahr 2021 gestiegen. Doch laut Google haben zwischen den Jahren 2015 und 2021 weltweit etwa 1,5 Mrd. Menschen zum ersten Mal das Internet genutzt. Damit verwenden ungefähr 4,5 Mrd. Menschen heute Online-Technologie, was 59 Prozent der Weltbevölkerung entspricht.

Bis 2025 eine weitere Milliarde Menschen mit Internet

Laut einer Google-Umfrage soll bis 2025 eine weitere Milliarde Menschen mit einer Internetverbindung versorgt werden. Grob gerechnet würde das bedeuten, dass erst im Jahr 2040 die gesamte Weltbevölkerung Zugang zu einer Internetverbindung besäße. Währenddessen wird sich ein neues virtuelles Leben im Metaversum weit entwickeln. Allerdings wird dabei auch die Kluft zwischen Armen und Reichen oder sogar den Industrieländern und Entwicklungsländern immer größer. Genau an diesem Punkt ist die Frage zu stellen, ob das Metaversum zu mehr Ungerechtigkeit auf virtueller Ebene führt.

Chancenungleichheit auch im Virtuellen Leben

In der Zeit der Corona-Pandemie wurde deutlich, was Chancenungleichheit eigentlich bedeutet. Während die Impfquote in den westlichen Ländern sehr hoch ist, gibt es immer noch Millionen von Menschen, besonders in Afrika, die noch nicht einmal die erste Dosis der Corona-Impfung bekommen haben. Auch Statistiken der Ressourcenaufteilung auf der ganzen Welt zeigen uns, dass wir nicht einmal annähernd in einer gerechten Welt leben. Während die eine Hälfte der Weltbevölkerung noch immer um sauberes Trinkwasser zu kämpfen hat, träumt die andere Hälfte davon, ein viel schöneres Leben in einer virtuellen Welt aufzubauen. Auch wenn die neuen Technologien und das Internet mehr Mitspracherecht und somit die Gleichberechtigung aller versprechen, zeigt die Realität das Gegenteil: Nur 59 Prozent der Weltbevölkerung können davon Gebrauch machen.

Mit dem nötigen „Kleingeld“ werden Träume Wahr

Es stimmt, dass das Metaversum Träume wahr werden lässt. Es ist jedoch unrealistisch, dass jede/r seinen/ihren Traum verwirklichen kann. Denn um im Metaversum einen Avatar erstellen zu können, braucht man die dafür notwendigen Accessoires, z.B. eine VR-Brille. Menschen, die mit einem Mindestlohn versuchen, um die Runden zu kommen, werden sich wohl kaum unbeschwert eine VR-Brille für knapp 300 Euro leisten können. Angenommen, sie haben die Brille für 300 Euro gekauft. Was passiert danach?

In den letzten Tagen bin ich auf eine Online-Anzeige gestoßen, in der eine Fläche im Metaversum im teuersten Gebiet von Istanbul für umgerechnet ca. 7.000 Euro zum Verkauf gestellt wurde. Wer wird sich eine Fläche für 7.000 Euro leisten können? Wer bestimmt den Markt? Wie werden Löhne, Preise, Grundrechte etc. im Metaversum geregelt? Es wird davon gesprochen, dass das Metaversum dezentral ist. Nun ist auch hier die Frage zu stellen, wie Gerechtigkeit dezentral regelbar ist, also Fragen, über die man sich Gedanken machen muss. Fragen, die das Thema Ungerechtigkeit der Welt wieder ans Licht bringen.

Es scheint, dass das Metaversum zu noch mehr Ungerechtigkeit auf virtueller Ebene führen wird.

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