60 Jahre Anwerbeabkommen: Eine Erfolgsgeschichte
Das Jahr 2021 ist von besonderer Bedeutung für die deutsch-türkischen Beziehungen und die jüngere Migrationsgeschichte unseres Landes. Denn im Oktober feiert das türkisch-deutsche Anwerbeabkommen vom 30. Oktober 1961 sein 60-jähriges Jubiläum.
Gastarbeiter aus der Türkei an einem Bahnhof in Deutschland (DPA)

Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

Das heutige Deutschland glich nach dem Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen einem Trümmerfeld. Der „totale Krieg“ endete in der „totalen Niederlage“. In den Besatzungszonen der Siegermächte ging es wirtschaftlich langsam voran. Westdeutschland wurde in das transatlantische Bündnissystem integriert und durch den „Eisernen Vorhang“ von den ostdeutschen Bundesländern getrennt. Bis 1952 erhielt die Bonner Regierung Milliardenhilfen aus dem Marshallplan-Fond der USA. Auf beiden Seiten des geteilten Deutschlands wurden Arbeitskräfte händeringend benötigt. Die DDR stillte ihren Bedarf an Arbeitskräften aus den sozialistischen Bündnisstaaten. Westdeutschland konnte ähnlich wie Österreich, Frankreich, Niederlande oder Belgien auf die südlichen und südöstlichen Verbündeten zählen. Nachdem die junge Bundesregierung zuvor schon Vereinbarungen mit Italien, Spanien und Griechenland abgeschlossen hatte, wurden ab 1961 auch türkische Arbeiter*innen für eine Stelle in Deutschland angeworben.

Arbeitsmigration als Win-Win-Situation

Der Vertrag war eine klassische „Win-Win-Situation“, von der beide Seiten profitierten: Die Türkei hatte einen Überschuss an Arbeitskräften, sodass bereits innerhalb des Landes eine Arbeitswanderung aus den ländlichen Gebieten in die urbanen Gegenden stattfand. Die wirtschaftliche Lage des Landes verstärkte die Migration. Hinzu kamen ab den 1960er Jahren politische Schwierigkeiten, die unter anderem durch Militärputsche verursacht wurden. Das Land befand sich zudem genau an der Front des kommunistischen Systemrivalen. Das westliche Bündnis konnte es sich nicht leisten, die geo-strategisch bedeutsame Türkei dem erbitterten „Klassenfeind“ zu überlassen. Und: Deutschland benötigte Arbeitskräfte, um seine in Fahrt kommende Wirtschaft stabil zu halten. Auf der anderen Seite profitierte die Türkei verstärkt von den Investitionen, Devisen und Geldüberweisungen der sogenannten „Gastarbeiter“. Diese versprachen sich außerdem ein besseres Leben und einen Neuanfang. Ohnehin war es ihr Ziel, nur eine begrenzte Zeit in der Ferne zu arbeiten, möglichst viel Geld zu verdienen, bald wieder in die Heimat zurückzukehren und dort ein angenehmes Leben zu führen. Auch von Seiten der deutschen Wirtschaft und Verwaltung war der Aufenthalt der „Gastarbeiter“ in einem „Rotationsprinzip“ zeitlich begrenzt geregelt. Zumindest war es anfangs so angedacht. Das bedeutete, dass die Arbeitsmigranten etwa zwei bis drei Jahre im Land verweilen und danach durch neue Arbeitskräfte ausgetauscht werden sollten. Doch schon bald sahen die Fabriken ein Problem bei dieser Verfahrensweise. Die Unternehmen wollten ihre mühsam angelernten Arbeiter*innen nicht durch unerfahrene Personen ersetzen. So unterstützten sie ihr Personal darin, ihre Familien nach Deutschland zu sich zu holen.

Türkischstämmige Menschen in allen Berufsfeldern vertreten

Im Zuge des Anwerbeabkommens und des Familiennachzugs kamen etwa vier Millionen Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Diese Menschen haben einen entscheidenden Anteil daran, dass das deutsche Wirtschaftswunder der 1960er Jahre realisiert werden konnte. Annähernd die Hälfte von ihnen ging später wieder zurück in die Türkei. Heute leben ungefähr drei Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland, von denen etwa die Hälfte noch mindestens die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Die Deutschtürken fungieren seit Jahrzehnten als eine multifunktionale Brücke zwischen Deutschland und der Türkei. Diese Brücken kann man in nahezu allen Segmenten entdecken: Handel, Sicherheit, Wissenschaft, Kultur und Bildung.

Der Migrationsprozess der Enkel und Urenkel der damaligen Arbeitsmigranten setzt sich heute unter anderem in den Universitäten, Forschungseinrichtungen, Praxen, Kanzleien, Unternehmen sowie in den Bereichen Politik, Medizin, Medien, Sport und nicht zuletzt auf der Leinwand fort. Namen wie Fatih Akın, Vural Öger oder Mesut Özil sind fast allen Deutschen, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte, ein Begriff.

Migration ist eine Erfolgsgeschichte

Rund 16 Prozent der türkischen Jugendlichen machten 2017 in Deutschland Abitur. Die Tendenz ist jedoch stark steigend, da der Bildungshunger der Türken in Deutschland in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Derzeit studieren ca. 40.000 türkische Studenten an deutschen Hochschulen. Die etwa 100.000 türkischstämmigen Unternehmer und Selbstständigen beschäftigen nahezu eine halbe Million Menschen in ihren Betrieben in Deutschland. Diese Unternehmer beteiligen sich am jährlichen Bruttoinlandsprodukt mit mindestens 50 Milliarden Euro. Ein weiterer Indikator für eine gelungene Integration der Türken in Deutschland sind die binationalen Partnerschaften, deren Zahl bei etwa 400.000 liegt.

Beispiel einer Erfolgsstory: Özlem Türeci und Uğur Şahin

Gerade vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie traten zudem zwei weitere türkische Namen in den öffentlichen Fokus: Özlem Türeci und Uğur Şahin vom Biotechnologieunternehmen BioNTech. Das türkischstämmige Forscherpaar hat in einer außergewöhnlichen Situation außergewöhnliche Lösungen entwickelt. Die Hoffnung eines großen Teils der Menschheit liegt derzeit auf einem Impfstoff, dessen Entwicklung dieses Paar vorangetrieben hat. Während eines Rennens gegen die Zeit hat es ihre Firma, die mehr als 1.300 Mitarbeiter*innen aus über 60 Ländern beschäftigt, geschafft, in allerkürzester Dauer mit „Lichtgeschwindigkeit“ einen Impfstoff zur Prävention und Heilung herzustellen. Die Biographien von Türeci und Şahin stehen stellvertretend für Tausende von türkischstämmigen Menschen in Deutschland. Sie sind nur zwei Beispiele einer Erfolgsgeschichte. Einer Erfolgsgeschichte, die ihren Lauf am 30. Oktober 1961 nahm. Genau diese Erfolgsgeschichten gilt es nun fortzuschreiben. Denn diese Erfolgsstorys stellen unter Beweis, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist. Integration und aktive gesellschaftliche Teilhabe erfolgen in allererster Linie über Bildung. Es gibt in Deutschland Tausende Kinder und Jugendliche, ganz gleich ob mit oder ohne Einwanderungsbiographie, die auf unterschiedliche Startbedingungen zurückblicken, jedoch durch eine gezielte Unterstützung und Betreuung die persönliche Erfolgsstorys von Özlem Türeci und Uğur Şahin fortführen können. Diesen jungen Menschen, vor allem aus Einwandererfamilien, dienen Türeci und Şahin, allen voran als Wissenschaftler und Forscherpaar, aber auch als Unternehmer, als Vorbilder. Es wäre schön für unsere gemeinsame Zukunft in Deutschland, diese Erfolgsgeschichten weiterzuschreiben.

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