Nord Stream 2 ist immer noch unvollständig, und die Turkish Stream-Pipeline wurde in Bezug auf den Gasfluss reduziert. Gründe dafür sind die Pandemie sowie US-Sanktionen. false

Pandemie verursacht Ölkrieg

Das Jahr 2020 war ein Desaster für den globalen Energiemarkt. Die Coronavirus-Pandemie ließ die Wirtschaften in Europa, China und den USA, den wichtigsten Öl- und Gasverbrauchern der Welt, zusammenbrechen und schadete den größten Exporteuren wie Russland und Saudi-Arabien. Der Krieg um die Märkte begann schon vor der totalen Quarantäne und dem Einbruch der Nachfrage, im Dezember 2019. Saudischen Forderungen zum Trotz weigerte sich Russland, die Produktion zu drosseln, und löste damit einen Ölkrieg aus. Die Saudis begannen damit, kostenlos Öl nach Europa zu liefern. Erst vier Monate später, im April letzten Jahres, als das Coronavirus alle großen Volkswirtschaften traf, fanden die Fördererländer einen Kompromiss. Unter Beteiligung der USA, Kanadas, Mexikos und anderer Nicht-OPEC+-Länder einigte sich die Gruppe auf eine Produktionskürzung um 20 Prozent. Seitdem steigen die Preise langsam wieder an.

Der Ölkrieg brachte Russland in eine unangenehme Lage. Während Europa sich auf einen Zusammenbruch vorbereitete, eröffneten der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdoğan am 8. Januar 2020 die Turkish Stream-Pipeline. Die Türkei bekam damit eine weitere Quelle für billige Energie, und Russland belebte im Wesentlichen das South-Stream-Projekt wieder, das wegen des Krieges in der Ukraine aufgegeben worden war. Interessanterweise geschah all dies fast zeitgleich mit der Unterzeichnung des neuen US-Verteidigungshaushalts durch Donald Trump. Dieser umfasst Sanktionen sowohl gegen Turkish Stream als auch Nord Stream 2. In Anbetracht der Tatsache, dass Turkish Stream bereits abgeschlossen war, erwiesen sich die Sanktionen als sinnlos. Man muss der Türkei eines zugestehen: Sie hatte keine Angst vor dem US-Druck und begann sofort, Gas zu pumpen. Die Reduzierung der Lieferungen erfolgte lediglich aufgrund des Lockdowns in der Türkei.

Europa ist unfähig, Nord Stream 2 gegen Trump zu verteidigen

Die Europäer erwiesen sich hingegen als unfähig, ihre nationalen Interessen gegen den amerikanischen Druck zu verteidigen. Kaum hatte Trump im Dezember 2019 die Sanktionen abgesegnet, stoppte die Schweizer Firma Allseas sofort die Arbeit mit ihrem Schiff, der Pioneering Spirit, an der Nord Stream 2-Pipeline. Berlin, als Hauptbeteiligter an dem Projekt, verurteilte die Sanktionen zwar und nannte sie eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands. Doch in der Realität hatte diese Kritik kaum Wirkung. Ein Jahr zuvor hatten sich Engie, OMV, Shell und Uniper formell aus dem Projekt zurückgezogen, um eine Sanktionierung durch die USA zu vermeiden. Nach Trumps Sanktionen beschloss Russland, die restlichen 160 der insgesamt 1.234 km langen Rohrleitung selbst fertigzustellen. Allerdings zögerten die Europäer, allen voran Dänemark, lange, eine Genehmigung für das russische Schiff, die Fortuna, zu erteilen. Allе technischen Hindernisse lassen sich kaum durch objektive Gründe erklären. Deutschland fehlte eindeutig der Wille, ein lebenswichtiges Wirtschaftsprojekt zu verteidigen, das es zu einem Gashub machen würde. Zusätzlicher Druck auf Deutschland kam von Seiten des EU-Lands Polen. Warschau versuchte Berlin davon überzeugen, kein Gas aus dem Land zu kaufen, das die Ukraine besetzt habe. Später, im Sommer 2020, als der russische Regimekritiker Nawalny vergiftet wurde, begann auch Deutschland, die Sinnhaftigkeit des Projekts in Frage zu stellen.

Die Zukunft von Nord Stream 2 und Turkstream

Wie leicht ersichtlich ist, standen Nord Stream 2 mehr Hindernisse im Weg als TurkStream. Die Türkei erwies sich als flexibler und unabhängiger vom Willen der USA. Sie regelte ihre Probleme mit Russland von Angesicht zu Angesicht. Deutschland hingegen wurde zur Geisel der transatlantischen Partnerschaft und der europäischen Solidarität und wehrte sich nicht gegen die Gegner des Projekts.

Angesichts der Tatsache, dass russische Schiffe die Verlegung der Pipeline auf dem Grund der Ostsee wiederaufgenommen haben, lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Nord Stream-2 doch noch fertiggestellt wird. Deutschland hat sogar eine eigene Stiftung gegründet, der NSP-2 in die Liste der umweltrelevanten Projekte aufgenommen hat, um das Projekt von Sanktionen zu schützen. Allerdings sollte man nicht außer Acht lassen, dass am 20. Januar mit Joseph Biden ein Verfechter einer harten antirussischen Politik ins Weiße Haus einzieht. Das Einzige, was Nord Stream-2 vor Sanktionen retten könnte,, ist der Wunsch der Demokraten, die unter Trump ruinierten deutsch-amerikanischen Beziehungen wiederherzustellen. Doch selbst wenn die Pipeline von Russland nach Deutschland fertiggestellt wird, steht ihr vollwertiger Betrieb in Frage: Änderungen in den EU-Gasrichtlinien verhindern, dass Russland die Leitung zu 100 Prozent (55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr) füllen kann.

Die Kapazität von Turkish Stream liegt bei 30 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr. Die Hälfte davon wird von der Türkei verbraucht, der Rest wird in die Balkanländer fließen und weiter nach Mitteleuropa. Ende 2020 wurde der 474 Kilometer lange Abschnitt der Turkish Stream-Pipeline in Serbien erfolgreich fertiggestellt, und im Januar gingen bereits die ersten Kubikmeter Gas durch die Pipeline nach Bulgarien, Nordmazedonien und Griechenland. Später soll das Gas durch Serbien nach Ungarn und schließlich nach Österreich geleitet werden.

Pandemie währt nicht ewig

Im Moment kursieren Gerüchte darüber, Russland könne die Turkish Stream-Pipeline nicht voll auslasten, weil die Türkei ihre Käufe reduziert. Dies ist jedoch ein vorübergehendes Phänomen. Mit der Pandemie ist die Nachfrage gesunken, und Ankara versucht, niedrigere Preise auszuhandeln. Selbst wenn Ankara versucht, die Mengen aus anderen Ländern, etwa Aserbaidschan, zu erhöhen, kann russisches Gas immer reexportiert werden, was Ankara zusätzliches Geld einbringt.

Auf der anderen Seite sprechen "Pessimisten" aus Europa auch von einem sinkenden Interesse an russischem Gas aufgrund des anhaltenden Lockdowns und einem wachsenden Interesse an erneuerbaren Energiequellen. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Coronavirus „Gazprom“ weiterhin belastet. Doch die Geschichte zeigt, dass keine Krise ewig dauert. Sobald die Impfungen massiv umgesetzt werden, wird die Wirtschaft in der EU wieder aufleben, und die deutschen Industriellen werden wieder billiges Gas brauchen. Und nur Russland, nicht das verbündete Amerika, kann den Kraftstoff in so großen Mengen und zu niedrigen Preisen liefern.

Langfristig wird die Nachfrage nach Gas in Europa sinken. Dies ist selbst den Topmanagern von „Gazprom“ klar. Laut Prognose des russischen Konzerns wird der europäische Gasbedarf im Jahr 2030 534 Milliarden Kubikmeter betragen, im Jahr 2040 487 Milliarden Kubikmeter. Europa ist jedoch nicht der einzige Markt für den russischen Brennstoff. Russland liefert bereits Gas nach China über „Sila Sibiri“ und hat Aussichten, es in Zukunft auch nach Japan, Südkorea, Indien und andere Länder zu verkaufen. Es ist also bestenfalls verfrüht, vom Anfang vom Ende der russischen Führungsrolle auf dem globalen Gasmarkt zu sprechen.

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