Die Angriffe Armeniens auf Wohngebiete und Zivilisten in Aserbaidschan stellen nicht nur ein Kriegsverbrechen dar, sondern weisen in der jüngeren armenischen Geschichte eine Kontinuität auf.

Seit dem 27. September ist der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach und weitere von Armenien besetzte Gebiete wieder entflammt. Trotz zahlreicher Resolutionen des UN-Sicherheitsrats um einen Abzug der armenischen Streitkräfte und Verhandlungen der Minsk-Gruppe weigert sich Eriwan seit fast 30 Jahren, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörenden Gebiete zu räumen. Eine Lösung scheiterte bisher nicht nur an der Blockadehaltung Armeniens, sondern auch an den Staaten, die Armenien Unterstützung gewähren. Armenien hat seit dem erneuten Ausbruch des Krieges Wohngebiete in Aserbaidschan mit ballistischen Raketen angegriffen. Dabei kamen nach Medienangaben über 40 Menschen ums Leben. Die Angriffe Armeniens auf aserbaidschanische Städte erfolgten trotz eines durch Russland initiierten und vereinbarten Waffenstillstandes.

Historische Kontinuität bei Angriffen auf Zivilisten

Die Angriffe gegen Zivilisten stellen nicht nur ein Kriegsverbrechen dar und verstoßen damit gegen Artikel 3 Absatz 1 der Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten, sondern weisen auch eine historische Kontinuität in der jüngeren armenischen Geschichte auf. Mit dem Aufkommen des europäischen Nationalismus entwickelten sich unter den Armeniern im Osmanischen Reich sezessionistische Bestrebungen, aus denen sich radikale Organisationen wie die Dashnaks und Hunchaks herausbildeten. Die Besonderheit bei diesen und anderen Gruppierungen bestand darin, dass sie zur Erreichung ihrer Ziele vor Terrorismus und groß angelegten Massakern nicht zurückschreckten, wie anhand von Beispielen erläutert werden soll.

Das Ziel der armenischen Nationalisten bestand darin, einen großarmenischen Staat in Anatolien zu gründen – und um dieses Ziel zu erreichen, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts und auch danach zahlreiche Aufstände gegen den damals eigenen Staat, das Osmanische Reich, durchgeführt. Was vordergründig wie eine Rebellion aussah, waren in Wirklichkeit Verbrechen gegen unschuldige Zivilisten, die sich vor und nach dem Ersten Weltkrieg fortsetzten.

Massaker an der muslimischen Zivilbevölkerung

In der ostanatolischen Region Kars und Ardahan wurden im März 1915 etwa 30.000 Muslime durch armenische Milizen getötet und deren Häuser niedergebrannt – mit russischer Unterstützung. In Aşkale (Erzurum), Tercan (Erzincan), Ilıca, Tavuskerd und Artvin wurden alle muslimischen Kulturgüter wie Moscheen vollkommen zerstört. Da das Osmanische Reich zu dieser Zeit im Ersten Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte kämpfte und sich die meisten wehrfähigen muslimischen Männer an der Front befanden, waren viele der zivilen Opfer der armenischen Angriffe Alte, Frauen und Kinder. Gleichwohl Ostanatolien im Frontgebiet lag und viele Soldaten bei heimtückischen Angriffen durch armenische Milizen getötet wurden.

Am 28. Februar 1986 fand im Dorf Oba in der Provinz Iğdır die Öffnung von Massengräbern statt. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Skelette von der türkischen Bevölkerung stammen, die durch ihre armenischen Peiniger auf grausame Weise gefoltert und verstümmelt wurden. Ferner wurden am 4. April 1990 bei der Öffnung eines Massengrabs die sterblichen Überreste von etwa 3000 Türken entdeckt, die zwischen 1915-1916 von armenischen Einheiten brutal getötet wurden. Eine weitere Exhumierung von Toten erfolgte am 7. Juli 1993 im Dorf Tımarlı in Erzurum. Auch in diesem Fall waren die Opfer unbewaffnete Zivilisten, die durch armenische Freischärler massakriert wurden.

Am 15 Mai 1915 besetzte die russische Armee die strategisch wichtige ostanatolische Stadt Van. In den Reihen der russischen Zarenarmee befanden sich vor Ort zirka 35.000 bis 40.000 Armenier aus Russland. Nach der Eroberung der Stadt wurden unter dem Befehl von Aram Manukyan alleine in Van 10.000 türkische Einwohner, darunter Alte, Frauen und Kinder, mit einer unbeschreiblichen Brutalität getötet. Weitere Massaker fanden an der Straße nach Vastan und Etkil statt, bei denen 1200 Zivilisten getötet wurden. In Gevaş, Vastan und Mukas fielen rund 3000 Menschen den Massakern zum Opfer. In Şamaram, einem Stadtteil von Van, wurden 200 türkische Frauen und Kinder ermordet; in den beiden Dörfern Aksani und Hınıs zirka 500 Menschen und am amerikanischen Missionarszentrum wurden 8000 Moslems erbarmungslos gefoltert, vergewaltigt und getötet.

Die armenischen Milizen verübten nicht nur in Anatolien Massaker an der Zivilbevölkerung, sondern auch in Aserbaidschan. Unter dem Vorsitz des bolschewistisch-kommunistischen Politikers Stepan Shaumyan griffen im Frühjahr und im Sommer 1918 armenische Mordkommandos aserbaidschanische Zivilisten an und töteten 12.000 Menschen. Auf Anweisung von Stefan Lalayan und Tatevos Amirov wurden in Shamaki 16.000 Aserbaidschaner von armenischen Einheiten getötet.

Die Hervorhebung des armenischen Narrativs

Nach Ansicht des Historikers Prof. Dr. İbrahim Ethem Atnur beläuft sich die Zahl der durch armenische Milizen getöteten Moslems in Anatolien auf über 500.000. Da in den westlichen Ländern durch eine seit Jahrzehnten betriebene Kampagne der armenischen Diaspora überwiegend das armenische Narrativ bekannt ist und unisono das Leid und die Verluste der Armenier während des Ersten Weltkriegs Beachtung findet, verwundert es nicht, dass für die enormen menschlichen Tragödien und Verluste der türkischen Bevölkerung kaum Interesse bekundet wird.

Terror gegen türkische Diplomaten

Für Jahrzehnte schien es, als gehöre der armenische Terror der Vergangenheit an – bis im Januar 1973 der armenischstämmige Terrorist G. Yanikyan den türkischen Generalkonsul in Los Angeles, Mehmet Baydar, und Konsul Bahadır Demir ermordete. Damit begann eine beispiellose armenische Terrorwelle gegen diplomatische Einrichtungen und Personal der Türkei. Bei 230 bewaffneten Angriffen weltweit starben 31 türkische Diplomaten und Familienmitglieder sowie 46 Zivilisten. Bei den blutigen Anschlägen der beiden armenischen Terrororganisationen ASALA und JCAG wurden 520 Menschen zum Teil schwer verletzt.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die von Armenien durchgeführten Angriffe auf Zivilisten in den Städten und Gemeinden in Aserbaidschan nach der Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen darstellen. Diese schweren Verstöße sind allerdings keine Einzelfälle und nicht auf den derzeitigen Konflikt um Berg-Karabach beschränkt, sondern wurden, wie exemplarisch dargelegt, bereits im 19. und 20. Jahrhundert von armenischen Milizen in Anatolien und Aserbaidschan durchgeführt. Bei großangelegten Massakern armenischer Einheiten wurden über 500.000 Türken getötet. Die Attentate und Angriffe auf türkische Diplomaten durch armenische Terroristen in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind ein weiterer Beleg für die rücksichtslose Ermordung unschuldiger Zivilisten.

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